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07.07.2009
 

Atlantis-Ausstellung

Kunstgenuss in Badehose

Von Ingeborg Wiensowski

Der Mythos vom versunkenen Atlantis ist Leitmotiv einer Ausstellung, für die sich die Macher keinen passenderen Ort hätten aussuchen können: das verwunschene, marode Schloss Marquard in Potsdam.

Hier soll es um eine Ausstellung gehen, nämlich um die "16. Rohkunstbau"-Schau in einem leerstehenden Schloss in der Nähe Berlins. Das muss gesagt werden, denn das verwunschene, marode Schloss Marquard, in dem die Ausstellung "Atlantis. Hidden Histories - New Identities" stattfindet, liegt so schön, dass die Ausstellung beim Schwärmen darüber leicht ins Hintertreffen geraten könnte.

Mitten in einem vom Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné gestalteten Park, direkt am Schlänitzsee, liegt Schloss Marquard, in einer Gegend von Potsdam, die bis heute wahrscheinlich nur wenige Westdeutsche betreten haben. Und schon deshalb handelt es sich hier auch um einen wunderbaren Sommer-Ausflugstipp - zur Kunst mit Badehose.

Im Schloss hat die Kunst ein Thema, nämlich den Mythos vom versunkenen Atlantis. Daran anknüpfend solle "20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Suche nach verborgenen Geschichten und neuen Identitäten unternommen werden", sagen die Kuratoren Arvid Boellert und Mark Gisbourne. Daher also der Untertitel "Hidden Histories - New Identities", zu dem sich zehn Künstler aus Deutschland und Osteuropa mit ortsbezogenen Arbeiten Gedanken machten.

Die hätten allerdings etwas spezifischer ausfallen können. Nicht jede Arbeit ist für diese Ausstellung entstanden und nicht jede lässt sich überzeugend auf Atlantis bürsten. Aber alle Künstler sind auf den Ort, auf das bröckelnde Gebäude, auf Identität, auf Verlorenes oder auf Unheimliches eingegangen.

In die Eingangshalle setzt Thomas Scheibitz - ebenso kühl wie gekonnt - eine große Doppelsäulen-Skulptur, die "so genau wie es geht, bei größtmöglicher Allgemeinheit" auf die Architektur und deren Zustand Bezug nimmt.

Gregor Hildebrandts endlos lange, schlanke Schallplattensäule im Treppenhaus und sein aus Tonbändern gehäkelter "Klangteppich" erinnern an die vergangene Zeit dieser Musikträger.

Lisa Junghanß hat ihre Filmcollagen im Schloss und im Park gedreht: Eine Frau irrt rastlos herum, trifft sich selbst in einer anderen Person, stellt existentielle Fragen nach dem Warum und sieht keinen Ausweg aus ihrer Welt.

Auch die Polin Katarzyna Kozyra fragt nach Identitäten in ihrem "Sommermärchen"-Film, allerdings mit bösem Humor. Wenn der Berliner Transvestit Gloria Viagra, die Künstlerin selbst und ein befrackter Maestro mit ihren Leidenschaften in einer geordneten Zwergenwelt landen, kann das nur in einer Tragödie enden.

Sehr ernst und schön ist der Raum mit den menschenleeren Fotos der Bosnierin Sejla Kameric, und Melancholie verbreiten die archaischen Turm-, Arche- und Mausoleum-Skulpturen von Martin Assig.

Deimantas Narkevicius aus Litauen zeigt seinen Film "Revisiting Solaris", in dem der Schauspieler Donatas Banionis 40 Jahre nach Andrej Tarkowskijs Film "Solaris" noch einmal in seine Rolle als Kris Kelvin zurückkehrt.

Frech, irreal, ironisch und gleichzeitig unheimlich sind die Installationen von zwei jungen Künstlern: Dennis Feddersens Skulpturen aus schwarzem Kunststoff und Holz scheinen sich wie Parasiten im Haus zu verbreiten und alles niederzuwalzen und mitzureißen, was sich ihnen in den Weg stellt.

Robert Barta hat zwei Türen in zwei abseits gelegene Räume eingebaut. Hinter ihnen scheint jeweils ein Mann eingeschlossen zu sein. Denn zu hören sind Klopfzeichen und Hilferufe, so glaubwürdig, dass etliche Besucher die Klinken drücken, um die Eingesperrten zu befreien. Zunächst lachen sie noch, vermuten einen Künstler-Gag, doch dann werden die Stimmen so eindringlich, so verunsichernd, dass ihr Lachen erstickt. Ein unheimlicher Spuk, hervorgerufen von einem Trick: Eine Maschine artikuliert die Hilferufe per Zufallsgenerator.

Später, beim Schwimmen im See, denkt der eine oder andere dann vielleicht tatsächlich an das untergegangene, unheimliche Atlantis.


Ausstellung "Atlantis. Hidden Histories - New Identities". Marquardt bei Potsdam. Schloss Marquardt. XVI. Rohkunstbau. 12.7.-13.9., Eröffnung am 11.7., um 16.30 Uhr. Tel. 030/48 62 08 00.

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