Eines der größten Probleme, mit dem sich Menschen in der westlichen Welt herumzuschlagen haben, ist jene ständige Getriebenheit, die sich durch den ganzen Alltag zieht. Dahinter steckt die oft nur unbewusste Haltung, zuerst noch dieses und jenes erledigen zu müssen - und erst dann komplett, zufrieden und eben nicht mehr getrieben zu sein. Ein großer Trugschluss. Denn je mehr man sich auf dieses Spiel einlässt, desto weniger hört es auf.
Künstler Kamerun: "Es gibt hundert Prozent mehr Möglichkeiten - aber tatsächlich überhaupt keine Sicherheit"
Schorsch Kamerun benutzt schon in seinem ersten Satz zum Thema ein Wort, das zeigt, wie sehr er sich mit diesen Dingen beschäftigt. Er spricht vom "Selbst". Also von etwas, was nicht so starr und homogen ist wie man oft denkt, sondern aufgrund von Ursachen und Bedingungen zustande gekommen. Und er stimmt auch sofort zu, dass unser gängiges Verständnis von Selbst eigentlich das ist, was hinter dieser ständigen Getriebenheit steckt - und dadurch ein zufriedenes Lebensgefühl zumindest erschwert. Dass es also zwar so etwas gibt wie ein ursprüngliches, tatsächliches Selbst (wie immer das letztlich aussehen mag) - aber im täglichen Leben wird es meist von einem erlernten, bedingten Selbst überlagert.
Gerade als Kind ist es noch leicht möglich, sich als Teil von allem zu fühlen. Mit den Dingen verschmolzen zu sein. Es gibt noch keine fest gezogenen Grenzen. Später nehmen diese Zustände immer mehr ab. Nur noch die Künstler besingen sie. So wie vor 1200 Jahren der chinesische Dichter Li Po: "Wir sitzen zusammen, der Berg und ich, bis nur noch der Berg übrig ist."
Solche Zustände des Verschmelzens sind zutiefst beglückend. Alles sprüht und leuchtet. Aber leider haben sie in der heutigen Lebensweise, die sich ja erst seit ein, zwei Jahrhunderten so rasend entwickelt, kaum noch Platz. Schorsch Kamerun erzählt von seiner Oma, die noch ihr ganzes Leben lang am selben Platz verbracht hat. In Timmendorfer Strand bei Lübeck. In einem gewachsenen sozialen Zusammenhang, der natürlich für ein Grundgefühl von Sicherheit sorgen konnte.
Heutzutage gibt es so etwas fast nur noch in eher archaischen Gesellschaften. Die afrikanische Autorin Sobonfu Somé erzählt zum Beispiel, dass sie als Kind zwar so halbwegs wusste, dass sie eine leibliche Mutter hatte, aber dass sie im täglichen Leben in jede Hütte des Dorfes marschieren konnte: Sie war überall aufgehoben. Überall Tanten und Onkel.
Im Gegensatz dazu wird heute fast jeder gefordert, sich sehr früh aus dem gewachsenen sozialen Zusammenhang heraus zu bewegen. Eines der Schlagwörter der letzten Jahre ist ja Flexibilität - "der flexible Mensch." Man hat das Gefühl, sich den eigenen sozialen Zusammenhang immer wieder neu erschaffen oder irgendwie verdienen zu müssen.
"Die Soziologie nennt das Subjektivierung", sagt Schorsch Kamerun. "Wir werden heute ständig angehalten, uns zu präsentieren. Vor allem die jungen Leute sitzen heute da und man sagt ihnen: 'Na, dann mach mal los. Du kannst hier ein Praktikum machen. Du kannst hier auf Probe arbeiten.' Sie können sich die ganze Welt angucken. Es gibt hundert Prozent mehr Möglichkeiten - aber tatsächlich überhaupt keine Sicherheit. Nichts!"
Er vergleicht das mit einem Marienkäfer, dem plötzlich der Chitin-Panzer fehlt. Und das wird heute immer mehr zum Grundgefühl, sogar schon ganz junger Leute, die noch kaum ins Berufsleben hinein geschnuppert haben. Auch unter ihnen gibt es immer mehr Angststörungen und so weiter. Bis hin zum völligen Burnout.
Schorsch Kamerun nennt als Beispiel ein Stück von Silbermond, das nun schon seit Monaten im Radio rauf und runter läuft, und in dem es heißt: "Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit, nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit, gib mir in dieser schnellen Zeit, irgendwas was bleibt."
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