Darüber kann man sich natürlich lustig machen. Damals als Punker hätte Schorsch Kamerun nie gesagt: "Gib mir ...", und sich dabei auf andere Leute verlassen. Er hätte es sich einfach genommen. Aber inzwischen sieht er das Ganze als echtes Bedürfnis, das natürlich verstanden werden muss.
Künstler Kamerun: "Es gibt hundert Prozent mehr Möglichkeiten - aber tatsächlich überhaupt keine Sicherheit"
Das ist auch die Parallele zu dem Stück, das er gerade an der Münchner Staatsoper inszeniert hat: "Trouble in Tahiti" von Leonard Bernstein. Die beiden Eheleute, um die es darin geht, haben eigentlich alles. Eigentlich müssten sie glücklich sein. Aber sie sind es nicht. Sie sind völlig in materiellen Zwängen, Selbstbildern und Rollen gefangen.
Und dann beginnen eben besagte Störungen, oder es kommen neue hinzu. Viel davon hat damit zu tun, dass man von diesen ganzen Hüllen, über die man ständig definiert wird und sich auch selber definiert, immer weniger loslassen kann. Man sieht sich immer mehr als "das kleine Selbst", wie die Buddhisten sagen. In einem Sutra-Kommentar heißt es sinngemäß: "Eines der größten Probleme des Menschen ist es, dass er sich komplett als gewöhnliches Wesen akzeptiert."
Unangenehmste Eigenschaft des "kleinen Selbst" ist es, dass es ständig etwas zu brauchen scheint. Es fühlt sich ständig bedroht und versucht seinen Chitin-Panzer-Ersatz auch dort zu errichten, wo er eigentlich gar nicht nötig sein sollte. Zum Beispiel in Beziehungen. Aber auch bei der eigenen Wahrnehmung, die immer mehr nur selektiv funktioniert. Alles was mit Lebendigkeit zu tun hat, kommt dabei natürlich zu kurz. Es entsteht ein Defizit. Eine Proust'sche Sehnsucht nach etwas, von dem man im täglichen Leben oft gar nicht so recht weiß, was es ist. Man bemerkt nur die Sehnsucht an sich. Man ist unglücklich. Oder zumindest nicht so glücklich, wie man nach den äußeren Bedingungen eigentlich sein müsste.
In Wirklichkeit steht die ganze Ausrichtung unserer Gesellschaft den eigenen Bedürfnissen völlig entgegen. Es wird so getan, als ob alles irgendwie verpackbar, konsumierbar wäre. Werbung funktioniert ja nur deshalb, weil sie so tut, als würde sie gar keine Dinge verkaufen, sondern Zufriedenheit - und eben den sozialen Zusammenhang den jeder braucht.
"Das ist natürlich eine der ganz fiesen Seiten des Kapitalismus", sagt Schorsch Kamerun, "dass er uns die ganze Zeit zur Ablenkung von uns selbst zwingt, indem er uns sagt, dass wir gar nicht existieren können, wenn wir nicht dabei sind. Wenn wir dieses Gemetzel nicht mitmachen."
Ein authentisches Selbstgefühl scheint oft nur mit Hilfe von Dingen möglich zu sein, die man sich von außen holt. Schorsch Kamerun hat da für sich schon ziemlich viel durch. "Bei mir gibt es zum Beispiel die Zwei-Bier-Regel. Ab zwei Bier bin ich einfach ruhiger. Was letztlich natürlich auch wieder Selbstbetrug ist. Viel besser wären natürlich Dinge wie Meditation. Aber Alkohol funktioniert zumindest momentan. Wie ein Medikament. Oder wie ein Anti-Depressiva."
Ein anderes Ding bei ihm war Kampfsport. Zuerst Karate, dann Thai-Boxen. "Das musste immer heftig sein. Aber es ging auch schon sehr viel um diese nicht-stofflichen, energetischen Chi-Geschichten. Bei Karate haben wir sehr viel Atemübungen gemacht."
Zustände veränderter Wahrnehmung können aber auch von selbst entstehen. Bei Erlebnissen in der Natur. In künstlerischer Arbeit. Beim Sex. Oder einfach nur in Momenten, in denen eigentlich gar nichts besonderes passiert. In denen einfach nur alles in Ordnung ist.
Wenn man ihnen nachspürt, wird man sehr schnell merken, dass sie alle etwas gemeinsam haben - nämlich eine viel größere Langsamkeit, und dadurch Genauigkeit der Wahrnehmung, als man sie sonst hinkriegt. Der Zustand selbst läuft dann immer darauf hinaus, dass dieses kleine, eingespurte Selbst plötzlich nicht mehr da ist - und stattdessen die Erfahrung des Zusammenhangs mit den Dingen und mit anderen Menschen.
Das muss dann auch gar kein übersinnliches Erlebnis sein. Es geht einfach nur um Offenheit. Um Loslassen. Einfach die Dinge mal laufen lassen und sehen, was sich ergibt. Analysieren oder werten kann man dann immer noch. Aber höchstwahrscheinlich ergeben sich aus dem Loslassen eher ungeahnte Freiräume.
Schorsch Kamerun nennt als Beispiel das Hafenfest zu Hause in Timmendorfer Strand. "Für mich ist das inzwischen der schönste Termin im Jahr. Ich liebe das. Da stehe ich total beglückt mit Feuerwehrleuten an Buden rum. Und wir trinken. Was ich früher als das Schlimmste von allem empfand."
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