• Drucken
  • Senden
  • Feedback
08.07.2009
 

Jackson-Abschied im TV

In der letzten Reihe, auf beiden Augen blind

Die Trauerfeier für Michael Jackson war ein kollektives Großereignis im globalen Medien-Dorf. Nur die Zuschauer von ARD und ZDF durften nicht bis zum Ende dabeibleiben - der "Dicke" und eine Doku waren wichtiger als der King of Pop. Ein zorniger Zwischenruf von Nikolaus von Festenberg.

Die Gurus der Nach-Gutenberg-Ära haben uns einst das elektronische Dorf verheißen: Die ganze Welt setzt sich zu einem Mega-Ereignis vor dem Fernseher nieder und lässt sich von Kühnheit, Glück oder Tod ergreifen. Queen-Hochzeit, Mondlandung, Diana-Beisetzung waren solche Dorffeste - die Zeit stand still, die Zusammengehörigkeit war spürbar.

Jackson-Aufbahrung im Staples Center: Globale TrauerfeierZur Großansicht
AFP

Jackson-Aufbahrung im Staples Center: Globale Trauerfeier

Unterschied, wo war für diesen Moment dein Stachel? Michael Jacksons Trauerfeier hatte auch das Zeug zum weltweiten Heimattreffen der Emotionen. Das Gefühl: Auch Schönheit muss sterben, auch Schäume und Kinderträume vergehen. Lasst uns gemeinsam für ein paar Stunden traurig sein.

Das misslang hierzulande gründlich. Weil das hochgerühmte öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland an seiner eigenen Kleinlichkeit scheiterte.

Eigentlich war die Idee ja richtig, auf die Trauerfeier für Jackson zu setzen und sie zum Mittelpunkt des Abendprogramms zu machen. Anders als Spezial-und Spartenkanäle sind ARD und ZDF - zumindest von der Idee her - Dorfwiesen, auf denen sich die Generationen begegnen können. Junge Gefühlsfreaks sehen zu, skeptische Ältere sehen, wie junge Gefühlsfreaks reagieren, Ignoranten begegnen Gläubigen - einer wie Jackson kann so eine Vielfalt lässig aushalten. Nur so entsteht Respekt, der mentale Grenzen überwindet.

Wer solches wahrhaft großes Fernsehen will, braucht Entschiedenheit. Er muss radikal sein, er muss dem Augenblick sein Recht lassen. Richtig live ist dann very hard. So muss man beispielsweise mit der Unvorhersehbarkeit einer Trauerfeier rechnen. Und Jacksons Trauerfeier hatte Verspätung. Man muss sich dann sagen: Heute ist nicht "Tagesschau" oder Serie oder was sonst noch, sondern nur Michael Jackson, der König des Pop.

Es kann halt dauern, auch länger als berechnet.

Und es gibt noch etwas, was mit Benimm zu tun hat: Wenn man auf dem Dorf, erst recht auf dem elektronischen Weltdorf, zu einer Trauerfeier geht, dann geht man eben hin, und nicht früher weg. Das verlangt die Achtung.

ARD und ZDF aber waren sich zu fein oder zu ängstlich für solche dörfliche Höflichkeit. Sie gaben dem Toten nur so viel letzte Ehre, wie es ihre Selbstformatierung erlaubt. Ziemlich flegelhaft gingen die sonst so würdeversessenen Sender einfach vom Sarg weg, als sie meinten, nun sei es genug. ARD-Programmchef Volker Herres klinkte sich um 20.17 Uhr aus der Trauerfeier aus. Grund: Der "Dicke" musste schnaufen, die Sachsenklinik rief zur Weißkittellei in "aller Freundschaft". Im ZDF blieb man länger dabei, doch pünktlich um 21 Uhr verabschiedeten sich auch die Mainzer aus Los Angeles - für eine Dokumentation über den Wettlauf ins All. Das alles - so das Formatierungsmantra mit dem Charme einer Eisenbahngesellschaft - duldete keinen großen Aufschub. Der Programm-Fahrplan lässt keinen Raum für große Gefühle.

Was sich beim Fußball im Fernsehen keiner traut, das Herausgehen vor dem Abpfiff, bei Jackson traute man sich es. Man traute sich auch, lieblos die Übertragung zu begleiten. Kein Kenner moderierte, kein königlicher Seelmann-Eggebert versprühte den Hauch von Erhabenheit, kein Wegweiser durch amerikanisch-schwarze Ästhetik trat auf, auch kein intelligenter Beobachter moderner religiöser Vorstellungswelten mit Sternentick. Wenig Erklärung war zu hören zu den Seltsamigkeiten der Trauergemeinde, wenig Erhellendes zu den Paradoxien einer Popwelt, die sich den Tod nur als ihre ewige Fortdauer vorstellen kann. Der Zuschauer, der desorientiert war oder einfach noch nicht genug begriffen hatte, wurde einfach weggeschickt zu den kleinen Kanälen.

Eine Gerechtigkeit ist es daher, dass n-tv und N24 überdurchschnittliche Quoten erzielten und die Öffentlich-Rechtlichen nur durchschnittliche. Marshall McLuhan, der einst das elektronische Dorf kommen sah, hatte auch gesagt: "Das Medium ist die Botschaft." Im Falle Jacksons hat sich leider Letzteres bewahrheitet: Für emotionale Großereignisse fehlt ARD und ZDF die Größe, in bestimmten seltenen Momenten vom selbstreferentiellen Rauschen, von der Routine des eigenen Programms abzusehen und sich der Welt zu öffnen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 200 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
26.07.2009 von Kometeus:

hätte völlig genügt. Warum meine Gebühren in den ÖR verbrennen für ein verrückt gewordenes und umgebautes Menschenbündel das - und ich bleibe bei meiner Meinung - nicht mal so toll singen konnte (Kiekser mal ausgenommen). Aber [...] mehr...

14.07.2009 von kraffa: Respektvoll? Sicher...

Es ist schon realitätsfremd, wenn man sich ob der angeblichen Respektlosigkeit der Öff. Rechtlichen beschwert. Ich schaue kein TV, deswegen hab ich jetzt mal ein paar "Highlights" dieser Veranstaltung bei Youtube [...] mehr...

11.07.2009 von amadeusmc: Jackos halbe Trauerfeier bei ARD und ZDF

Trotz des Verlustes von Jackos , finde ich den Beitrag echt amüsant und der Trifft ins Schwarze was die Trottels von ARD und ZDF betrifft, nicht mal Beamte hätten das gemacht, was die gebracht haben. Die von der ARD und ZDF, [...] mehr...

10.07.2009 von christian_08: noch trauriger...

...ist übrigens, dass unsere öffentlich-rechtlichen nicht einmal das angebot angenommen haben, den frei angebotenen hochauflösenden HD-stream zu nutzen. da leisten die sich schon zwei teure HD-testkanäle und dann bleiben die [...] mehr...

10.07.2009 von Def: sorry

[QUOTE=Harantor;4012792] sorry gab hier probleme das ist richtig ist mein Zitat, sorry Harantor mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP