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16.07.2009
 

Dauerparty-Zone Berlin

Ballermann an der Spree

Die deutsche Hauptstadt verkommt zum Tummelplatz des Party-Pöbels, zum Mallorca des Ostens. Der Charme der Metropole geht dabei verloren, klagt SPIEGEL-ONLINE-Autor Reinhard Mohr - sogar die lärmtolerante kreative Bohème bläst bereits zur Flucht vor den Partytouristen.

Irgendjemand muss den Leuten vor Jahren eingeflüstert haben, dass Draußensitzen die einzig coole Existenzform des Cafégängers ist, ja der eigentliche Sinn und Lebenszweck des modernen Menschen.

So sitzen sie auch an diesem eher schaurigen Julitag mit ihrem "Latte" rund um den Kollwitzplatz im Berliner Viertel Prenzlauer Berg, draußen natürlich - an den kleinen französischen Tischchen, die an Paris erinnern sollen, an Südfrankreich und Italien. Bei Kälte und Nieselregen helfen Heizsonde und Decke, das mediterrane Lebensgefühl zu stützen.

Vor ihnen türmen sich Berge von Brunch und Lunch. Was genau, weiß man nie so exakt, denn hier gehen die Tageszeiten unmerklich ineinander über. Eigentlich wird die ganze Woche durchgebruncht, und selbst am Abend hört es nicht auf. Man könnte glatt die Nacht durchbrunchen.

Die sagenhafte Kunde vom Dauerbrunch im Prenzlberg hat längst schon die internationale Straßenmusikantenszene erreicht, und so defilieren die Trompeter und Quetschkommodenquäler, die Klarinettisten und Saxofonisten, die Gitarristen und Flötisten ab dem späten Mittag durchs Revier.

Manchmal kommen sie sich dabei akustisch gegenseitig ins Gehege, und so entsteht zuweilen eine absurde Kakophonie. Ganze Combos marschieren trompetend durch die Straßen, darunter nicht selten zehn-, zwölfjährige Steppkes.

"Das ist der Musikstrich der Roma und Sinti", kommentiert ein Fernsehschauspieler trocken.

Der neueste Trend: Solokünstler, deren Instrumente nicht ganz so durchschlagend wirken, bringen ihren Verstärker gleich mit und plazieren sich schon mal mitten auf dem Kinderspielplatz oder unter den Balkonen der angrenzenden Mietshäuser. Auch nach 23 Uhr findet sich immer noch ein einsamer Wanderkünstler, der ganz autonom die Nachbarschaft beschallt.

Diese brutale Fastenzeit zwischen den Kneipen

In der Zwischenzeit hat sich freilich auch der Geräuschpegel der Draußensitzer deutlich erhöht, und jedes zusätzliche alkoholische Getränk verstärkt die Lachsalven schwäbischer Touristinnen, die zu Hause die Polizei rufen würden, wenn sich auch nur ein einziger Maulwurf schmatzend durch den perfekt gerupften Vorgarten graben würde.

Aber klar: Tagsüber mussten sie auf wackeligen Leihfahrrädern das anstrengende Programm "Berlin on Bike" abstrampeln. Da darf man nachts schon mal die Sau rauslassen.

Das muss man den englischen Jugendlichen gar nicht erst sagen, die bis weit nach Mitternacht zu Hundertenrund um den Hackeschen Markt marschieren. Wichtigstes Utensil ist hier nicht wie sonst der Stadtplan oder die Digicam, sondern die halbvolle Bierflasche. Ihr Inhalt muss die brutale Fastenzeit zwischen zwei Kneipen überbrücken, bevor die Glasflasche ordnungsgemäß an der Bordsteinkante zerschellt.

"Pub crawls" nennt man diese modernen Kreuzzüge mit Frühbucherrabatt, an deren heiligen Stätten nicht gebetet, sondern getrunken wird, bis der Arzt kommt. Oder die Polizei, die die Nachbarn gerufen haben - reaktionäre Spießer und ignorante Spaßbremsen also, die auf ihrer Nachtruhe wenigstens von Mitternacht bis 6 Uhr bestehen.

Da aber müssen sie die Wandlung Berlins zum Mallorca des Ostens verschlafen haben. Und nicht nur sie.

Wenn im kommenden Herbst die großen Feierlichkeiten zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls beginnen, werden die Blicke zurückgehen in jene Zeit, da sich der Osten Berlins noch Grau in Grau präsentierte, die Oranienburger Straße eine trostlose Ruinenlandschaft war und der Hackesche Markt eine urbane Wüstenei.

Dann kam die Freiheit so plötzlich wie unverhofft und mit ihr die Euphorie des Neuanfangs. "Wahnsinn" wurde zum Wort des Augenblicks, und Freiheit war mehr als ein Begriff aus dem Sozialkundeunterricht.

Als im Frühjahr 1999 die Bundesregierung ihren Sitz in die offizielle Hauptstadt verlegte, war Berlin, ewige Stadt des Werdens, immer noch im Umbruch. Man raunte von der neuen Kunstszene, forschte abends nach der Subkultur und zog sich die riesige Love Parade durch den Tiergarten rein, auch wenn sie bereits zum TV-kompatiblen Massenspektakel avanciert war.

Immerhin: Es vibrierte noch was. Der Sound von Berlin war mehr als ein Mythos des Berliner Tourismus-Marketings.

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insgesamt 186 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
20.07.2009 von susilustig123: Eine etwas andere Betrachtung zur Dauerparty-Zone Berlin: Ballermann an der Spree

Ich gehöre zu den letzten Ihrer Art, die schon vor der Wende im Prenzlauer Berg gewohnt haben .Ein spärlicher Rest von ca 13% der ursprünglichen Bevölkerung hält mit mir die Stellung. Bestimmt nicht mehr lange . Dann [...] mehr...

17.07.2009 von AlexanderBerlin: Fiona

Wunderbar, dieser gute Artikel hat eine Kronzeugin: Fiona Bennett, Modistin aus Berlin. Oder besser Hutdesignerin mit inzwischen guter internationaler Reputation und internationaler Kundschaft. Vermutlich möchte auch sie Geld [...] mehr...

17.07.2009 von supercat: sehr treffend

Dem kann ich mich nur anschliessen. Ein sehr treffender Artikel. Danke für diese humorvolle Sicht auf, das langweilige, globale Nest Berlin. mehr...

17.07.2009 von Ein netter Netter: wir sind schon ein stück weiter

that's soo last decade honey - wer wert darauf legt, keinen wert auf coolness zu legen, hat sich als hipster geoutet. mehr...

17.07.2009 von HirzelsPurzel: Der Kollwitz

Das Geschiebe und Gedränge hat fast überall zugenommen, ob Prenzlzwerge mit ihren Zwillingsmüttern oder vor Mohrs Haustür die Akkordeonisten und Betteltrompeter. Den Ökomarkt Kollwitzplatz kann man bei Gedränge-Phobie gar nicht [...] mehr...

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