ThemaTelevisionenRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
22.07.2009
 

Polit-Talk "Illner intensiv"

Wirrwarr auf die Schnelle

Von Reinhard Mohr

Mit einem neuen Talk-Konzept holt Maybrit Illner die "Parteien auf den Prüfstand" - für ein atemloses halbes Stündchen. Als erstes waren die Grünen dran. Wenigstens Jürgen Trittin machte eine gute Figur - kein Kunststück in Anbetracht hektischer Fragen und wirrer Regie.

Jetzt deutet wirklich alles daraufhin: Es hat ein Ende mit schwermütiger Krisenbesinnlichkeit und moralischer Selbstbefragung. Nun wird wieder in die Hände gespuckt. Wir steigern das Bruttosozialprodukt.

Konfusion im Eiltempo bei "Illner Intensiv": Jürgen Tritin, Ingrid Nestle und Volker BrandtZur Großansicht
ZDF

Konfusion im Eiltempo bei "Illner Intensiv": Jürgen Tritin, Ingrid Nestle und Volker Brandt

Die Frankfurter Banker feiern sich wieder selbst, das ZDF hat sein nagelneues Nachrichtenraumschiff für intergalaktische Simulationen, und auch Maybrit Illner drückt aufs Tempo.

Von wegen Sommerpause. Ab sofort heißt es jeden Dienstagabend: "Illner intensiv. Parteien auf dem Prüfstand".

Alle fünf Bundestagsparteien werden einem jeweils halbstündigen "Wahlwatching" unterzogen - als "kleine Entscheidungshilfe" für die Bürger, soweit sie nicht am Strand faulenzen oder in den Bergen herumkraxeln.

Utopie und Dosenpfand

Als erste traf es die Grünen. Neben Spitzenkandidat Jürgen Trittin standen die Energieexpertin Ingrid Nestle und der Schauspieler Volker Brandt, Grünen-Sympathisant der ersten Stunde, Rede und Antwort.

Natürlich durften auch die Fernsehzuschauer per YouTube Fragen stellen, und im Studiopublikum sitzt selbstverständlich immer jemand, der auch noch was zu sagen hat.

Diesmal war es ein älterer Herr, der die klassische Frage nach den verlorenen Idealen formulierte: Warum sich die Grünen denn nur bis zur Unkenntlichkeit "verbiegen" würden? Ach ja.

Hier wie auch sonst lächelte Trittin souverän. Er kennt sich aus mit der vertrackten Dialektik von Wirklichkeit und Utopie, ideologischen Wunschlisten und pragmatischer Politik. Seit der Sache mit dem Dosenpfand macht ihm da keiner mehr was vor.

Während also seine sympathische Parteifreundin Nestle, Spitzenkandidatin in Schleswig-Holstein, auf Illners Vorwurf, die Grünen ließen die verängstigte Karstadt-Verkäuferin links liegen, nicht ganz so routiniert reagierte, fand Trittin die richtigen Worte des echten Politprofis: "Natürlich ist uns die Karstadt-Verkäuferin nicht egal." Zudem könnten neue Jobs im weiten Feld der erneuerbaren Energien auch Verluste in traditionellen, "alten" Branchen ausgleichen. Motto: "Der Blaumann muss grün werden."

Viele Fragen, wenig Orientierung

Und schnell war man auch schon im "zweiten Block" des Mini-Symposions, das jetzt erheblich an Fahrt zulegte. Acht Kurzfragen sollten möglichst mit einem einzigen Satz beantwortet werden. Spitzensteuersatz, Lohnnebenkosten, Vermögensabgabe für Reiche, "armutsfeste Garantierente" für alle - viele Themen, und die Hektik gebar denn auch kleine rhetorische Ungeheuer aus der politischen Stanzmaschine.

"Sie müssen schneller werden!", ermahnte Maybrit Illner Jürgen Trittin, obwohl der gerade schon bei der Erklärung der rot-grünen Finanzpolitik (damals hieß es: Spitzensteuersatz runter!) etwas ins Schleudern gekommen war.

Volker Brandt, die deutsche Synchronstimme von Michael Douglas, kam da schon lange nicht mehr mit, und die grüne Spitzenfrau aus dem hohen Norden hielt sich eisern an der Zukunft der alternativen Energien fest, auch wenn die Expertin des DIW, Claudia Kemfert, starke Zweifel äußerte, ob das alles bis 2030 zu schaffen sei - Sonnenstrom aus der Sahara hin oder her.

In Kürze ohne Würze

Aber darum ging es ja auch gar nicht. Worum aber dann? Offenbar ging es um eine Idee der Redaktion, um ein neues, 30-minütiges "Sendeformat", das jetzt einfach durchgezogen werden musste.

Ganz zum Schluss sollte es noch mal richtig lustig werden. Drei Juxfragen mit vierfacher Antwortoption drängte man dem schon erschöpften Volker Brandt auf, zum Beispiel: Was ist "WUMS" - der linke Haken von Joschka Fischer oder Wim Thoelkes Hund?

Die Lösung kannte Trittin: "Wirtschaft, Umwelt, Menschlich, Sozial" - das Motto des zurückliegenden Europawahlkampfs. Aha.

Nun hatte man keine Fragen mehr. Außer einer: Warum hat man nicht schlicht und einfach Jürgen Trittin zu einem ruhigen halbstündigen Gespräch eingeladen. Thema wie vorgesehen: "Warum die Grünen wählen?"

Das wäre "Illner intensiv" gewesen. So war es "Illner hektisch."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 36 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
02.08.2009 von Roggefella: Sorry....

...., DAS wäre dann ein braunes Deutschland! Schwarzes deutschland ist "nur" die Vorstufe zu einer immer weiter ins Mittelmas abgleitende Bundesrepublik. Die halbe Ewigkeit des kriminellen Kohl riss uns in die Tiefe, [...] mehr...

02.08.2009 von Roggefella: Wer....

.... komplett schwarz will, hat offensichtlich keinen Blick für die Farbvielfalt der Realität. Schwarz war es im Mittelalter..., wir können froh sein dass diese Zeit endlich vorbei ist und uns die Evolution mit einem Farbsinn [...] mehr...

01.08.2009 von fabio de masi: illner intensivstation

wer einen vorwand suchte sich um die GEZ-gebühren zu drücken der hat ihn gefunden. illner intensiv ist das lächerlichste tv-format des schwarzen kanals (ZDF) seit kein schöner land. da produziert irgendein unterbezahlter [...] mehr...

29.07.2009 von data-x: ZDF ILLNER intensiv - Intensiv nur gegen dieLinke

ZDF ILLNER intensiv - Intensiv nur gegen dieLinke Frau Illner muß kontrovers herangehen und hat sich dafür gut vorbereitet (linke Programmpunkte als Seifenblasen lächerlich gemacht etc.). Das gab der Sendung realpolitische [...] mehr...

23.07.2009 von Hollibolli62: Intensiv

Ich verstehe, wie sooft hier, die Aufregung nicht. Wer wird denn eigentlich gezwungen, solche Sendungen zu schauen? Ich nicht. Ob des Sendetitels schon allein kann man(n) getrost auf den Genuß verzichten. Der erinnert doch sehr [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Televisionen

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP