Von Claudia Voigt
Nur mal ein paar Fragen: Was machen Sie eigentlich so den ganzen Tag im Büro? Wie viele Songs haben Sie sich während der Arbeitszeit schon auf Ihren MP3-Player geladen? Wie oft schlendern Sie zum Kaffeeautomaten, wie oft lesen Sie Ihre privaten E-Mails? Nicht so wichtig. Zumindest nicht bisher. Denn wer abends nur lange genug an seinem Schreibtisch sitzen blieb, musste sich um seine Karriere keine Sorgen machen. Weil Führungspositionen angeblich nur mit Daueranwesenheit und Überstunden zu bewältigen sind, signalisiert der ehrgeizige Angestellte seinem Chef gern, wie viel er arbeitet. Zur Not reicht es auch, abends das Sakko über den Schreibtischstuhl zu hängen, das Licht brennen und den Computer angeschaltet zu lassen. Was für eine Vergeudung von Zeit und Geld.
Aber damit ist es womöglich bald vorbei: "Arbeitgeber werden niemanden mehr nur dafür bezahlen, dass er zu einem Gebäude fährt, sich an seinen Schreibtisch setzt und etwas tippt", schrieb gerade das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" in einem Artikel über die Zukunft der Arbeit. "Der Grund, zur Arbeit zu gehen, wird darin liegen, dort zu arbeiten." Das ist eine ziemlich gute Nachricht. Denn kaum ein Büroangestellter arbeitet doch im Ernst durchgehend zehn, zwölf Stunden täglich. Wir haben alle viel Übung darin, so zu tun als ob, aber wie viel Zeit könnten wir gewinnen, wenn wir damit aufhören würden?
Es ist seit den siebziger Jahren etwas aus der Mode gekommen, Zeit zu haben. Wer Zeit hatte, war entweder alt oder hatte schon in jungen Jahren verloren. Doch es gibt Anzeichen, dass sich daran etwas ändert. Ein Angestellter der Investmentbank Lehman Brothers in London, keines von den ganz großen Tieren, aber doch einer, der so viel verdient hat, dass er sich keine Sorgen über seine Hypothek machen muss, sprach neulich bei einem Abendessen davon, in Zukunft erst einmal ehrenamtlich arbeiten zu wollen. Wie bitte?
Warum hat sich vor allem die Generation der heute etwa 40-Jährigen so lange einreden lassen, dass die Erwerbstätigkeit ihr Leben mit Sinn erfüllen würde? Natürlich hat ein Job durchaus seine Vorteile: ein regelmäßiges Einkommen, hoffentlich interessante Aufgaben, einige nette Kollegen. Aber als Lebensmittelpunkt? Bis weit nach Feierabend? Jeden Tag?
Es kommt nicht unbedingt etwas Gutes dabei raus, wenn jemand 14 Stunden am Tag in einem Büro an der Wall Street hockt.
Die geschätzten hundert Regalmeter Ratgeber zum Thema Glück können, grob gesagt, zu einer Erkenntnis zusammengefasst werden: Glücklich machen uns Anerkennung und gelingende Beziehungen. Wieso aber haben wir so lange versucht, beides vor allem an unserem Arbeitsplatz zu finden? Warum sollten ausgerechnet beruflicher Erfolg und Geld jene Sehnsucht nach Glück stillen, die uns scheinbar alle antreibt?
In dieser Hinsicht hat die aktuelle Wirtschaftskrise etwas Gutes. Sie ist so tiefgreifend und systemerschütternd, dass plötzlich Raum entsteht für Fragen: Wie haben wir eigentlich gelebt? Was war uns wichtig, was waren unsere Werte? Soll das so weitergehen? Und: Wie wollen wir leben? Das ökonomische Argument triumphiert nun nicht mehr gleich über jeden zweifelnden Gedanken.
Schon lange bevor im vergangenen September Lehman Brothers pleiteging, war klar, dass es in einer globalisierten Welt mit ständig effizienter werdenden Arbeits- und Herstellungsabläufen keine Vollbeschäftigung für alle mehr geben kann.
Aber vor der Krise stellte kaum jemand die Systemfrage. Selbst als die deutschen Arbeitslosenzahlen im Jahr 2006 erneut über die Fünf-Millionen-Marke kletterten, blieb ein Theoretiker wie Thomas Straubhaar, der Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts, ein mit höflicher Herablassung betrachteter Außenseiter: Er forderte ein staatlich garantiertes, lebenslanges, steuerfinanziertes Grundeinkommen für jeden Bürger.
Natürlich kann es zynisch klingen, einem Familienvater, der zur Kurzarbeit gezwungen wird, oder einer alleinerziehenden Kassiererin, die einen zweiten Job annehmen muss, von den Vorteilen eines individuellen Arbeitszeitmodells vorzuschwärmen.
Doch solche gesellschaftsverändernden Modelle nehmen ihren Anfang nicht selten in der oberen Mittelschicht. Die finanzielle Absicherung schafft Raum für den Zweifel - und für das Experiment. Im Idealfall würde vor allem die gutbezahlte Arbeit auf viele Schultern verteilt werden.
Der ehrgeizige Einzelkämpfer, der sich völlig überarbeitet, würde zum Auslaufmodell. Denn ganz nebenbei wurde im Herbst vergangenen Jahres ja auch bewiesen, dass nicht zwangsläufig etwas Gutes dabei herauskommt, wenn jemand 14 Stunden am Tag in seinem Büro an der Wall Street hockt.
© KulturSPIEGEL 7/2009
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