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Freizeit Wie wollen wir leben?

2. Teil: Geld gegen Zeit

Es gibt ein etwas angestaubtes, konsumkritisches Motto aus den siebziger Jahren: Wer weniger arbeitet, hat mehr Zeit zum Leben. Das klingt gut 30 Jahre später noch ein bisschen ungewohnt, aber es könnte wieder in die Zukunft weisen. Die Teilzeitarbeit ist viel zu attraktiv, um nur eine Notlösung zu sein. Es gibt eine berühmte Geschichte aus dem VW-Konzern, wo 1994 aus wirtschaftlicher Not eine Vier-Tage-Woche mit Lohnverzicht eingeführt wurde. Erst murrten die Betroffenen, aber als Jahre später erneut voll gearbeitet wurde, weil es wieder effizienter war, wollten viele VW-Arbeiter nicht zurück zur Fünf-Tage-Woche.

Bisher fehlt der Teilzeit allerdings noch die Anerkennung. Denn von den fast fünf Millionen Teilzeitbeschäftigten im Jahr 2008 waren die allermeisten Frauen. Der Anteil der Männer ist in den vergangenen zehn Jahren nur leicht angestiegen, von 10 auf 13 Prozent. Dabei ließen sich durch eine generelle Aufwertung der Teilzeitarbeit zwei zentrale gesellschaftliche Fragestellungen entscheidend voranbringen: Wie kommen wir zu mehr Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen? Und wer kümmert sich um die vielen älter werdenden Menschen?

Unzählige junge Mütter müssen sich bisher von ihren Männern anhören, sie würden als Vater ja gern mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen, aber wenn sie zu lange in Elternzeit blieben oder in Zukunft "nur noch" Teilzeit arbeiteten, wäre es mit der Karriere ganz schnell vorbei. Und das Schlimme ist: Sie haben sogar Recht. Noch scheint der Gedanke revolutionär zu sein, dass sich auch in 30 Wochenarbeitsstunden kluge Ideen entwickeln oder gar ganze Abteilungen leiten lassen. Doch die technologischen Entwicklungen und die Konsequenzen der Krise werden daran zwangsläufig etwas ändern. Fragt sich nur, ob sich die Veränderung in den Köpfen ähnlich schnell vollziehen wird. Viele Chefs argumentieren angeblich auch deshalb gegen die Teilzeit in Führungspositionen, weil sie damit ihr eigenes Lebensmodell in Frage gestellt sehen. Haben Chefs eigentlich kein Zuhause?

Was fangen nun jene Menschen an, die schon heute nicht mehr rund um die Uhr an ihrem Arbeitsplatz sind? Die ihre Arbeitszeit reduziert haben oder sie frei einteilen können, die - und genau darum geht es - ausreichend verdienen, aber mehr Zeit haben als die Vollbeschäftigten?

Zuerst einmal verzichten sie auf einen Teil ihres Einkommens. Sie tauschen Geld gegen Zeit. Eine Haltung, die viele Jahre nur mitleidig belächelt wurde. Und die gewisse Herausforderungen mit sich bringt, denn nicht alle werden sich um Kindererziehung oder Altenbetreuung kümmern. Schon heute sitzt jeder Deutsche im Schnitt 207 Minuten am Tag vor dem Fernseher. Nicht nur angesichts des Programms ist das eine erschreckende Statistik.

Freiheit - und Freizeit - ist auch eine Aufgabe. Man muss sich überlegen, was man mit ihr anfangen will. In den USA wird gerade ausgiebig über die "gleefully frugal" berichtet: Fröhliche, genügsame Menschen, die aus Überzeugung - und nicht aus echter Geldnot - ihre Ausgaben einschränken. Die glücklichen neuen Verzichter sozusagen. Mit großer Begeisterung legen sie einen Gemüsegarten an und ernten ihre eigenen Tomaten; sie laden ihre Freunde zu Kleidertauschpartys ein und freuen sich über Komplimente für Kleider, die sie keinen Cent gekostet haben; sie stehen am Wochenende auf dem Flohmarkt und verkaufen ihre alten Sachen. "Wir versuchen herauszufinden, was uns wirklich wichtig ist", sagt eine Anhängerin der Frugal-Bewegung in der "New York Times", eine andere glaubt, durch ihre veränderte Lebenshaltung überall "neue Möglichkeiten" zu entdecken, "das gibt einem so viel Energie".

Das klingt nach einer aufgebürsteten Variante der guten alten deutschen Öko-Bewegung und ist doch auch Ausdruck davon, dass sich etwas verschiebt in den westlichen Gesellschaften.

Selbst unter berufstätigen Vätern gilt es neuerdings wieder etwas, zur Schulaufführung des eigenen Kindes nicht in letzter Minute in den Zuschauerraum zu hetzen, sondern sich im Schulverein an der Organisation des Sommerfestes zu beteiligen. Lange war die Rolex der Ausdruck eines erfolgreichen Lebens, in dem man ständig auf die Uhr schauen musste. Doch die Rolex zeigt nur die vergehende Zeit. Zeit zu haben ist das neue Statussymbol.

Und was kann man nicht alles Großartiges damit anstellen. Auf dem Sofa liegen und nachdenken. Fremdsprachen lernen. Eine Jugend-Fußballmannschaft trainieren. Schlafen. Sahnetorte mit der alleinlebenden Tante essen. Lesen. Zum Beispiel. Oder Mittagessen an Obdachlose austeilen. Die Zahl jener, für sich für soziale Projekte engagieren wollen, steigt deutlich an. Besonders sichtbar wird das bei der Tafelbewegung - hier melden sich so viele freiwillige Helfer, dass bereits eine ganze "Anne Will"-Talkshow lang die Frage diskutiert wurde, ob das noch gut sei für die Bedürftigen. Etwas verändert sich. Und je mehr Zeit man hat, desto ungewöhnlicher werden die Ideen. Die kühnste heißt Faulenzen. So ein schönes Wort. Und das Schönste daran: Es wird langsam salonfähig.

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insgesamt 60 Beiträge
hägar72 23.07.2009
Was für ein großartiger Artikel! Hier werden meine Gedanken der letzten Zeit wunderbar zusammengefasst. Ich frage mich schon seit langem, warum es in diesem System als ok gilt, wenn ich z.B. über Land fahre und den Leuten die [...]
Was für ein großartiger Artikel! Hier werden meine Gedanken der letzten Zeit wunderbar zusammengefasst. Ich frage mich schon seit langem, warum es in diesem System als ok gilt, wenn ich z.B. über Land fahre und den Leuten die hundertste Tagescreme oder die unsinnigste Versicherung andrehe, während meine Kinder michnur am Wochenende oder noch seltener sehen. Als der Kapitalismus vor 200 Jahren in Gang kam, glaubten die Menschen, die Befreiung von der Knochen- und Lohnarbeit werde das Ziel all der Erfindungen, Maschinen und Produktivitätssteigerungen sein. Also, was ist schief gelaufen? Heute haben wir eine sagenhafte Produktivität und produzieren ein Vielfaches von dem, was wir eigentlich brauchen, so dass es eine ganze Industrie gibt, die allein dafür zuständig ist, uns die passenden Bedürfnisse einzureden. Der Kapitalismus ist zu einer riesigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme mutiert, mit der Lohnarbeit um jeden Preis als neuem Gott! Die Ursache dafür kann eigentlich nur eine gewaltige Propagandamaschine sein, die den Kreislauf von Lohnarbeit und Konsum, Lohnarbeit und Konsum, Lohnarbeit und Konsum immer weiter am Laufen hält. Dummerweise macht uns dieses Hamsterrad überhaupt nicht glücklich, wie die steigende Zahl der psychischen Erkrankungen, Burn-outs etc. zeigen. Also, warum lassen wir uns zu willigen Konsum- und Lohnzombies machen, warum kommt der moderne Mensch heute nur noch in zwei Aggregatzuständen vor, als Humankapital und als Verbraucher?
Felix HAW 23.07.2009
super Artikel! Furchtbar diese Leute, die noch bis abends im Büro sitzen und versuchen, einem ein schlechtes Gewissen zu machen, nur weil man pünktlich Feierabend macht. Der Chef eines Freundes meinte neulich, als er pünktlich [...]
super Artikel! Furchtbar diese Leute, die noch bis abends im Büro sitzen und versuchen, einem ein schlechtes Gewissen zu machen, nur weil man pünktlich Feierabend macht. Der Chef eines Freundes meinte neulich, als er pünktlich Feierabend machte, allen Ernstes zu ihm, er solle aufhören seine Handballjugendmannschaft zu trainieren, um mehr Zeit für die Arbeit zu haben. Da fehlten mir echt die Worte. Wir sollten uns alle mehr engagieren...und Sport machen sowieso!
grausam 23.07.2009
Schön wäre es, endlich wieder Zeit zu haben...wenn ich daran zurück denke, als ich klein war, da war Papa recht schnell gegen 17:00 zu hause. Das war in den Siebzigern und die Arbeitsplätze sicher. Aber heute, wo jeder [...]
Schön wäre es, endlich wieder Zeit zu haben...wenn ich daran zurück denke, als ich klein war, da war Papa recht schnell gegen 17:00 zu hause. Das war in den Siebzigern und die Arbeitsplätze sicher. Aber heute, wo jeder Arbeitnehmer sich nicht wirklich sicher sein kann ob er morgen noch gebraucht wird und grundsätzlich die Gesellschaft so trainiert wurde, dass Arbeit Arbeit Arbeit und mehr mehr mehr die einzig gültige Maxime darstellt, da wird sich mit Sicherheit niemand hinstellen und sagen: "Ach, ich bin so hip und bleibe 2 Tage die Woche zu Hause und verzichte auf 20% Gehalt !" nie im Leben ! Auch wenn es schön wäre !
aschu0959 23.07.2009
"Viel Arbeit, wenig Zeit: Lange galt das als einziger Weg zu einer erfolgreichen Existenz. Doch die Krise wird das ändern - zum Glück." Warum sollte diese Krise ändern, was andere Krisen nicht änderten. Sie wird [...]
"Viel Arbeit, wenig Zeit: Lange galt das als einziger Weg zu einer erfolgreichen Existenz. Doch die Krise wird das ändern - zum Glück." Warum sollte diese Krise ändern, was andere Krisen nicht änderten. Sie wird genauso vorbeigehen wie alle vorigen und genauso wenig verändern. Im übrigen tut mir jeder leid, der seine Existenz nur auf diese Weise als erfolgreich bezeichnen kann.
Rom 23.07.2009
Natürlich braucht man für das Leben ein bißchen Geld. Essen, Wohnung und Freizeit müssen zumindest ein wenig finanziert werden. Auf Auto, die hunderste Tagescreme, etc. kann man verzichten, aber ein Grundstock an Kapital muss man [...]
Natürlich braucht man für das Leben ein bißchen Geld. Essen, Wohnung und Freizeit müssen zumindest ein wenig finanziert werden. Auf Auto, die hunderste Tagescreme, etc. kann man verzichten, aber ein Grundstock an Kapital muss man haben. Woher nehmen? Vielleicht ist es auch Zeit für neue Arbeitszeitmodelle: 3-Tage-Woche, 5-Stunden-Tag oder 1 Monat Arbeit, 1 Monat frei, oder oder oder...Produktiv sind wir alle mal genug. Wird sich das aber je in den Köpfen der Gesellschaft durchsetzen?
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