Von Claudia Voigt
Es gibt ein etwas angestaubtes, konsumkritisches Motto aus den siebziger Jahren: Wer weniger arbeitet, hat mehr Zeit zum Leben. Das klingt gut 30 Jahre später noch ein bisschen ungewohnt, aber es könnte wieder in die Zukunft weisen. Die Teilzeitarbeit ist viel zu attraktiv, um nur eine Notlösung zu sein. Es gibt eine berühmte Geschichte aus dem VW-Konzern, wo 1994 aus wirtschaftlicher Not eine Vier-Tage-Woche mit Lohnverzicht eingeführt wurde. Erst murrten die Betroffenen, aber als Jahre später erneut voll gearbeitet wurde, weil es wieder effizienter war, wollten viele VW-Arbeiter nicht zurück zur Fünf-Tage-Woche.
Bisher fehlt der Teilzeit allerdings noch die Anerkennung. Denn von den fast fünf Millionen Teilzeitbeschäftigten im Jahr 2008 waren die allermeisten Frauen. Der Anteil der Männer ist in den vergangenen zehn Jahren nur leicht angestiegen, von 10 auf 13 Prozent. Dabei ließen sich durch eine generelle Aufwertung der Teilzeitarbeit zwei zentrale gesellschaftliche Fragestellungen entscheidend voranbringen: Wie kommen wir zu mehr Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen? Und wer kümmert sich um die vielen älter werdenden Menschen?
Unzählige junge Mütter müssen sich bisher von ihren Männern anhören, sie würden als Vater ja gern mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen, aber wenn sie zu lange in Elternzeit blieben oder in Zukunft "nur noch" Teilzeit arbeiteten, wäre es mit der Karriere ganz schnell vorbei. Und das Schlimme ist: Sie haben sogar Recht. Noch scheint der Gedanke revolutionär zu sein, dass sich auch in 30 Wochenarbeitsstunden kluge Ideen entwickeln oder gar ganze Abteilungen leiten lassen. Doch die technologischen Entwicklungen und die Konsequenzen der Krise werden daran zwangsläufig etwas ändern. Fragt sich nur, ob sich die Veränderung in den Köpfen ähnlich schnell vollziehen wird. Viele Chefs argumentieren angeblich auch deshalb gegen die Teilzeit in Führungspositionen, weil sie damit ihr eigenes Lebensmodell in Frage gestellt sehen. Haben Chefs eigentlich kein Zuhause?
Was fangen nun jene Menschen an, die schon heute nicht mehr rund um die Uhr an ihrem Arbeitsplatz sind? Die ihre Arbeitszeit reduziert haben oder sie frei einteilen können, die - und genau darum geht es - ausreichend verdienen, aber mehr Zeit haben als die Vollbeschäftigten?
Zuerst einmal verzichten sie auf einen Teil ihres Einkommens. Sie tauschen Geld gegen Zeit. Eine Haltung, die viele Jahre nur mitleidig belächelt wurde. Und die gewisse Herausforderungen mit sich bringt, denn nicht alle werden sich um Kindererziehung oder Altenbetreuung kümmern. Schon heute sitzt jeder Deutsche im Schnitt 207 Minuten am Tag vor dem Fernseher. Nicht nur angesichts des Programms ist das eine erschreckende Statistik.
Freiheit - und Freizeit - ist auch eine Aufgabe. Man muss sich überlegen, was man mit ihr anfangen will. In den USA wird gerade ausgiebig über die "gleefully frugal" berichtet: Fröhliche, genügsame Menschen, die aus Überzeugung - und nicht aus echter Geldnot - ihre Ausgaben einschränken. Die glücklichen neuen Verzichter sozusagen. Mit großer Begeisterung legen sie einen Gemüsegarten an und ernten ihre eigenen Tomaten; sie laden ihre Freunde zu Kleidertauschpartys ein und freuen sich über Komplimente für Kleider, die sie keinen Cent gekostet haben; sie stehen am Wochenende auf dem Flohmarkt und verkaufen ihre alten Sachen. "Wir versuchen herauszufinden, was uns wirklich wichtig ist", sagt eine Anhängerin der Frugal-Bewegung in der "New York Times", eine andere glaubt, durch ihre veränderte Lebenshaltung überall "neue Möglichkeiten" zu entdecken, "das gibt einem so viel Energie".
Das klingt nach einer aufgebürsteten Variante der guten alten deutschen Öko-Bewegung und ist doch auch Ausdruck davon, dass sich etwas verschiebt in den westlichen Gesellschaften.
Selbst unter berufstätigen Vätern gilt es neuerdings wieder etwas, zur Schulaufführung des eigenen Kindes nicht in letzter Minute in den Zuschauerraum zu hetzen, sondern sich im Schulverein an der Organisation des Sommerfestes zu beteiligen. Lange war die Rolex der Ausdruck eines erfolgreichen Lebens, in dem man ständig auf die Uhr schauen musste. Doch die Rolex zeigt nur die vergehende Zeit. Zeit zu haben ist das neue Statussymbol.
Und was kann man nicht alles Großartiges damit anstellen. Auf dem Sofa liegen und nachdenken. Fremdsprachen lernen. Eine Jugend-Fußballmannschaft trainieren. Schlafen. Sahnetorte mit der alleinlebenden Tante essen. Lesen. Zum Beispiel. Oder Mittagessen an Obdachlose austeilen. Die Zahl jener, für sich für soziale Projekte engagieren wollen, steigt deutlich an. Besonders sichtbar wird das bei der Tafelbewegung - hier melden sich so viele freiwillige Helfer, dass bereits eine ganze "Anne Will"-Talkshow lang die Frage diskutiert wurde, ob das noch gut sei für die Bedürftigen. Etwas verändert sich. Und je mehr Zeit man hat, desto ungewöhnlicher werden die Ideen. Die kühnste heißt Faulenzen. So ein schönes Wort. Und das Schönste daran: Es wird langsam salonfähig.
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