Von Hobbykoch Peter Wagner
Gerührt oder gespiegelt in der Pfanne, russisch oder chinesisch, im Glas oder als Omelett, weich oder hart gekocht, mit Senf oder Essig, verloren oder zu Ostern gefunden, frisch vom Biohof geholt oder in fauligem Zustand von Demonstranten geworfen, im Salat, Dessert, Likör, Shampoo oder im Tank der verfeindeten Moped-Gang - das Ei begleitet den Menschen wie kein anderes Lebensmittel durch alle Lebensphasen. Warum also sollte man über dieses Thema noch eine Kolumne schreiben?
Ganz einfach: weil noch immer viel zu viele Menschen die falschen Eier kaufen, sie falsch aufbewahren und am Ende falsch zubereiten. Nein, das ist kein arrogantes Kochgeschnösel, sondern bittere Wahrheit. Noch immer stammen nur knapp zehn Prozent aller in Deutschland verarbeiteten Eier aus biologischer Hühnerhaltung, also nicht aus der Massentierhaltung.
Dabei ist es gar nicht so schwierig zu wissen, woher das Produkt stammt. Denn auf jedes Ei ist eine mehrstellige Zahl aufgedruckt. Wenn die mit einer Null beginnt, ist alles Bio, alles andere nicht. Der Preisunterschied ist gar nicht so groß.
Eben jene Profis haben, zumindest in ihrer Oberklasse, jetzt auch eine Zubereitungsart für ein Gourmet-Dotter entwickelt, das (einen geschulten Gaumen vorausgesetzt) diesem längst erforscht geglaubten Thema noch eine feine, neue Nuance abgewinnen kann - die Fortentwicklung des japanischen "Onsen-Eis".
Seit Jahrhunderten garen viele Japaner ihre Hühnereier in den heißen Quellen (60 bis 70 Grad) ihres Landes. Dabei bleibt das Ei mindestens eine Stunde in der Thermalquelle ("Onsen") und bekommt durch dieses langsame Stocken knapp unter der thermischen Eiweiß-Gerinnungsgrenze eine ganz eigene, geschmeidige Struktur.
Da diese Technik mit Hilfe von exakt temperierbaren Wasserbädern oder Dampfgarern in den Profiküchen inzwischen ohne großen Betreuungsaufwand reproduziert werden kann, erfreut sich das "Onsen-Ei" großer Beliebtheit in Sternerestaurants - bis hinauf zum Berliner "Fischer's Fritz", wo der Zweisterner Christian Lohse für seine Vorspeise "Knusprig gebackenes Onsen-Ei mit Steinmühlen-Polenta, Pfifferlingen und jungem Parmesan" mutige (manche sagen auch: unverschämte) 35 Euro aufruft. Bei Lohse ist das Ei gepellt, mit Mie de pain paniert und frittiert - und damit sicher leckerer als das "Eine Stunde gegartes Bio-Hühnerei mit Rahmspinat, Trüffelravioli, Champagnerschaum und gehobeltem Sommertrüffel", das wir neulich in Hamburg mit Elbblick probierten, und bei dem Eiklar und Dotter auf billigem TK-Spinat glibberig zerflossen.
Die Langzeit-Garmethode will nämlich gelernt sein. Sie setzt auf die unterschiedlichen Gerinnungstemperaturen der beiden Bestandteile: Eigelb gerinnt ab 65 bis 68 Grad und behält, wenn es diese Temperatur nicht übersteigt, eine cremig-formbare, aber nicht bröselige Konsistenz, die mit keiner anderen Zubereitungsart erreicht werden kann. Das Eiklar beginnt bei diesen Temperaturen zwar mit dem Gerinnungsvorgang (ab ca. 62 Grad), stockt aber erst ab etwa 75 Grad fest. Das Ei gart dadurch gewissermaßen von innen nach außen.
Der Trick besteht darin, die Eier so lange bei möglichst exakt 68 Grad im Wasser zu garen, bis der Dotter eben diese Kerntemperatur erreicht hat. Anschließend wird die Schale hälftig aufgeschlagen und das goldene Herz vorsichtig aus dem weißen Glibber gepult (den man, um nichts wegzuwerfen, auch noch zu einem weißen Omelett braten kann). Nur so, darauf schwören inzwischen Spitzenköche weltweit, kann das Eigelb seine wahren Stärken auch dem anspruchsvollsten Gourmetgaumen offenbaren: 32 Prozent Fett, mehr Eiweiß (16 Prozent) als das Eiklar (11 Prozent), Lecithin und (außer Vitamin C) die zum gesunden Leben wichtige Vitamine - und das alles in einer Zubereitung, die sensorisch so ziemlich alles schlägt, was man mit einem Hühnerei sonst noch anzustellen vermag.
Da kann dann sogar ein hartgesottener Ovo-Lacto-Vegetarier sein Ei drüberschlagen.
Auf anderen Social Networks posten:
also wenn man einen Eidotter fuer ein paar Stunden in groben Salz einlegt und danach sorgfaeltig entkruemelt...bekommt man ein wunderbares eingedicktes Eigelb das an Bottarga erinnert ich finde es schon gerechtfertigt dass [...] mehr...
da der Spiegel selber mittlerweile auf dumpfstes Spiesserniveau abgesunken ist, muss man halt seiner Zielgruppe auf jede nur mögliche Art und Weise das Gefühl vermitteln, als Spiegel-Konsument sei man etwas Besonderes. [...] mehr...
Am "Onsen-Ei" ist nur der Name neu. Die Garung von Eiern bei 62 bis 68° wurde durch den frz. Chemiker Hervé This bekannt und ist Bestandteil seiner Veröffentlichungen. Siehe dazu auch diesen Briefwechsel von This und [...] mehr...
Ich verbrate doch nicht 110 Minuten für eine so simple Vorspeise. Vernünftig gebratene Spiegeleier tun´s auch. Man kann auch alles übertreiben. mehr...
Sehr konsequent, auf der einen Seite auf Bio-Eier pochen, aber dann empfehlen, dass man sich die Milchprodukte quer durch halb Europa karren lässt... Ich liebe Pseudo-Ökos! mehr...
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