Mittwoch, 10. Februar 2010

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26.07.2009
 

Bayreuth 2009

Feuer für den tristen Tristan

Aus Bayreuth berichtet Werner Theurich

Bayreuth ohne Neuinszenierung: auch eine Innovation. Aber Christoph Marthalers vier Jahre alte "Tristan"-Version zur Eröffnung an den Start zu schicken, zeugt von Haltung. Ansonsten bekannte das Führungsduo der Familie Wagner Farbe - und zwar in Brombeer.

Leichter hätten es sich die neuen Bayreuth-Chefinnen Katharina Wagner und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier zum Start der Festspiele 2009 machen können. Wenn schon keine neue Produktion - ohnehin ein Tabubruch - dann wenigstens mit einem Renner beginnen. Katharinas eigenem Regie-Debüt mit den schrillen "Meistersingern" etwa oder einfach dem gelungenen und effektvollen "Parsifal" von Stefan Herheim aus dem letzten Jahr. Nein, die staubtrockene "Tristan und Isolde"-Version von Christoph Marthaler sollte es sein. Die Wahl erwies sich als erstaunlich tragfähig, was aber mehr an der strahlenden schwedischen Sopranistin Iréne Theorin als Isolde lag, die die kraftvolle Nina Stemme der Premiere fast vergessen machte. Und Dirigent Peter Schneider hielt mit - hätte er nur nicht so übermotiviert viel Gas gegeben.

Als alter Routinier kennt Schneider - er steht seit 1981 immer wieder am Pult des Festspielorchesters - natürlich alle Tücken und Hürden der heiklen Bayreuth-Akustik. Daher gibt es bei ihm kein Pardon: Er brettert forsch los, lässt es vollsaftig krachen und zelebriert einen opulenten Orchesterklang, bei dem zwar manchmal die Nuancen ein wenig verschleifen, aber die fette Soundwirkung wogenartig durchs Opernhaus flutet. Feuer für den "Tristan"! Da gehen die Solisten zwar zeitweilig unter, gewinnen aber im Kampf gegen die Übermacht des Orchesters erst richtig heldische Statur.

Iréne Theorins quecksilbrig fließender Sopran mag nicht die stählerne Härte von ihrer Rollen-Vorgängerin Nina Stemme haben, doch das macht sie in biegsamer Höhe und wunderbarer Klarheit wett. Zudem spielt sie ihre Rolle ohne überdramatisierte Gesten, mit natürlicher Bewegung, anmutig und dennoch entschieden. Ein Glücksfall.

An ihr steigerte sich auch der Tristan von Robert Dean Smith, der im Gegensatz zu Theorin immer leicht angestrengt klingt, als agierte er an seinem stimmlichen Limit. Allerdings ist er ein Meister der Konditionsaufteilung. Wie schon bei der Premiere sparte er sich auch diesmal die stimmlichen Reserven bis zum für ihn mörderischen Ritt des dritten Aufzugs auf, den er inzwischen erheblich stärker als vor Jahren absolvierte. So druckvoll stirbt derzeit wohl kaum ein Tristan, wenn er auch die gewisse Enge seiner Stimme nicht überdecken konnte. Auch er ist ein gediegener Schauspieler-Sänger, der ernorme Bühnenwirkung erzielt. Die statisch-unerotische Personenregie von Marthalers Inszenierung verblasste angesichts der sängerischen Leistungen, zu denen auch Robert Holls grimmiger König Marke und Michelle Breedts makellose Brangäne beitrugen.

Kein schlechter Einstand also für das neue Bayreuth, bei dem in diesem Jahr nach dem Willen des frisch installierten Führungsduos die "Extras" wie Opern für Kinder, DVD-Produktionen, Internet, Einführungsvorträge und erneut Public Viewing die Stelle der Premiere einnehmen sollten.

Überhaupt zeichnet eine neue Handlichkeit die Bayreuther Wagner-Festspiele aus. Das fing schon mit dem komplett renovierten Programmheft-Konzept an. Wer früher als Festivalbesucher ein riesiges und teures Buch erwerben musste, für den gibt es nun griffig kompakte Reader zu den einzelnen Produktionen. Studierende der Musiktheaterforschung auf Schloss Thurnau entwarfen die neuen Infobücher. Keine ellenlangen Essays mit Hochschul-Zuschnitt, sondern kurze, sehr lesbare Texte verschiedener Autoren zu einzelnen Aspekten von Werk und Inszenierung. Schlaglichter und originelle Einwürfe statt erschöpfender Seminararbeiten. "Wünschenswert wäre, dass man in Bayreuth bestimmte Festlegungen, Konventionen und Traditionen überwindet." Das schrieb seinerzeit der Autor, Theaterdenker und Regisseur Heiner Müller, der ebenfalls einen "Tristan" auf dem Grünen Hügel inszenierte.

Ganz in diesem pragmatischen Sinn greifen Katharina Wagners Ideen das Alltägliche ihrer neuen "Marke Bayreuth" auf. So schuf sie erstmals eine augenfällige Corporate Identity der Festspiele, die eine Brücke zwischen Tradition und Innovation schlägt. Das altbekannte Richard-Wagner-Autogramm reibt sich jetzt mit einem sachlichen "Bayreuther Festspiele"- Schriftzug. Dazu die schmucke Farbe "Brombeer": wenn das kein Hingucker ist. Vor allem, wenn die sichtbaren Mitarbeiter der Hügel-Firma, von Platzanweiserinnen bis zu Sicherheitsleuten, von nun an farblich abgestimmt mit Lila-Akzenten ihren Dienst verrichten: Vitamine fürs Marketing.

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