KulturSPIEGEL: Frau Kunzendorf, Sie haben den Grimme-Preis und den Bayerischen Fernsehpreis gewonnen, für Filme wie "Entführt", "Hurenkinder" und "Marias letzte Reise", mit Top-Regisseuren gearbeitet und zuletzt zweimal im "Tatort" vor der Kamera gestanden. Und doch: Ihr Name sagt dem breiten Publikum nichts. Wie kann das sein?
Kunzendorf: Das hat sicher auch mit den Figuren zu tun, die ich spiele. Anders als auf dem Theater bin ich im Film eher abonniert aufs Dramatische. Ich werde gern besetzt als die Spröde, Sperrige. Das sind keine Schatzis, die dem Zuschauer auf den Schoß springen.
KulturSPIEGEL: So wie der geheimnisvolle "Scharlachrote Engel", die Titelfigur in einem preisgekrönten "Polizeiruf" von Dominik Graf. Diese Frau vergisst man nicht so schnell. Legen Sie es darauf an, hinter Ihren Rollen zu verschwinden?
Kunzendorf: Nein, aber ich finde es toll, wenn den Zuschauern eine Figur im Kopf bleibt. Darum geht es doch und nicht um mich als Privatperson. Natürlich freue ich mich, wenn mich jemand beim Bäcker erkennt. Aber ehrlich gesagt komme ich mir immer noch komisch vor, wenn ich nach einem Autogramm gefragt werde.
KulturSPIEGEL: Lehnen Sie Angebote für leichtere, amüsantere Filme denn grundsätzlich ab?
Kunzendorf: Ich würde wahnsinnig gern mal eine Komödie spielen. Aber ich war schon während meiner Ausbildung an der Schauspielschule in Hamburg auf die Taffe festgelegt. Statt der zarten Ophelia war ich schon damals Gertrud, die alkoholisierte Mutter von Hamlet. Das hat auch Vorteile. Viele Schauspielerinnen haben ja große Schwierigkeiten, den Sprung aus der Mädchenecke zu schaffen.
KulturSPIEGEL: Sie dagegen haben mit Anfang dreißig lauter tolle erwachsene Frauen gespielt und sind dann auf dem Karrierehöhepunkt in die Babypause gegangen. Hatten Sie Angst vor dem Erfolg?
Kunzendorf: Nein, ich wollte ganz einfach ein Kind! Der Grimme-Preis kam ja erst, als das Baby schon da war. Es gibt viele Schauspielerinnen, die mit Anfang vierzig merken: Oh, ich habe den Moment fürs Kinderkriegen verpasst. Das wollte ich nie. Wenn du anfängst, über den richtigen Zeitpunkt nachzudenken, passt es eigentlich nie.
KulturSPIEGEL: Kann man ein guter Künstler sein, ohne ausschließlich für die Kunst zu leben?
Kunzendorf: Man kriegt auf der Schauspielschule schon unterschwellig eingeimpft, dass ein wirklicher Künstler besessen sein muss von seinem Beruf und auch gern ein bisschen verrückt sein darf. Es gibt daher viele Schauspieler, für die das Leben auf der Bühne stattfindet, die leben in den Figuren. Und dann gibt es Schauspieler, die ihren Beruf sehr gerne machen, aber das wirkliche Leben findet davor und danach statt. So jemand bin ich. Ich liebe meinen Beruf, aber ich bin weder besessen noch irgendwie crazy.
KulturSPIEGEL: In dem Stück, für das Sie jetzt bei den Salzburger Festspielen auf die Bühne zurückkehren, geht es auch um so einen Ausschließlichkeits-Künstler, dem das wahre Leben entglitten ist: Krapp, der Held aus Samuel Becketts berühmtem Monolog "Das letzte Band".
Kunzendorf: Ja, Krapp zieht am Ende seines Lebens Bilanz und muss sich eingestehen, dass nicht viel geblieben ist. Die eine, möglicherweise große Liebe hat er seiner Schriftstellerei geopfert; er hat sie nicht gelebt. Mein Kollege André Jung spielt diesen Krapp im ersten Teil des Abends, dem Beckett-Klassiker. Dann gibt es einen zweiten Teil, darin spiele ich die namenlose Frau.
KulturSPIEGEL: Dieser zweite Teil besteht aus dem neuen Monolog "Bis dass der Tag euch scheidet" - es ist eine Replik auf "Das letzte Band", die der Dichter Peter Handke jetzt, rund 50 Jahre später, geschrieben hat.
Kunzendorf: Ja, Handke lässt die Frau zu Wort kommen, an die sich Krapp in seinem Monolog erinnert: mit ihrer Sicht der Dinge, mit ihrer Quittung für eine schwierige Beziehung. Sie klagt: "Mein Platz war ausschließlich in deinen Sätzen - und für keine einzige Realsekunde bei dir, in dir." Es ist ein Echo auf Beckett, aber gleichzeitig auch ein sehr persönlicher Text von Handke über eine eigene Beziehungsgeschichte. Er hat diesen Monolog seiner Ex-Frau Sophie Semin gewidmet.
KulturSPIEGEL: Die Salzburger Premiere ist Ihr erster Bühnenauftritt nach vier Jahren Pause. Wieso haben Sie sich so rargemacht?
Kunzendorf: Meine Kinder sind noch sehr klein, dreieinhalb und zwei, und ich bin so eine Vollmama: Ich will die Kinder nicht um mich oder um mein Leben herum organisieren. Filme fürs Fernsehen zu drehen ist da einfach verträglicher, es lässt sich besser organisieren als wochenlange Theaterproben. Ich mache nicht mehr als zwei, drei Projekte im Jahr, und da verdient man beim Film natürlich viel mehr.
KulturSPIEGEL: Wieso haben Sie sich ausgerechnet dieses Projekt für Ihr Bühnen-Comeback ausgesucht?
Kunzendorf: Na ja, Comeback. Ich spiele einfach nach sehr langer Zeit endlich mal wieder Theater. Die Hauptmotivation war meine große Zuneigung zu Jossi Wieler, dem Regisseur des Abends. Als ich noch fest im Ensemble der Münchner Kammerspiele war, habe ich mit ihm "Alkestis" und "Mittagswende" gemacht, für mich zwei meiner wichtigsten Theaterarbeiten. Darüber hinaus war ich an einem Punkt, an dem ich gesagt habe: Wenn ich jetzt nicht mal wieder Theater spiele, dann ist es vielleicht zu spät. Es haut einen ganz schnell raus aus diesem Karussell; viele Regisseure kennen mich gar nicht mehr als Theaterschauspielerin.
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