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27.07.2009
 

So ein Theater

"Ich spiele keine Schatzis"

2. Teil: "Sex-Skandal auf der Porno-Insel"


KulturSPIEGEL:
Mochten Sie Handkes Text beim ersten Lesen?

Kunzendorf: Ich bin keine Schauspielerin, die "Hier" schreit, wenn Monologe verteilt werden. In einer Fußballmannschaft wäre ich nie der Torwart. Ich spiele wahnsinnig gern mit Kollegen zusammen. Und der Text war mir beim ersten Lesen schon sehr fremd. Beim Proben rückt er sehr viel näher. Es ist ein toller Text, aber es ist ein ganz schön weiter Weg, ihn ins Spiel zu kriegen.

KulturSPIEGEL: Inwiefern?

Kunzendorf: Der Text ist komplett situationsfrei. Eine namenlose Frau tritt auf, woher auch immer, wohin auch immer, und redet los, zieht ihrerseits Bilanz. Obwohl sie die ganze Zeit spricht, erfährt man viel weniger über sie als über den Mann, den sie beschreibt. Der ist eine seltsame Mischung aus Krapp, Beckett und Handke selbst.

KulturSPIEGEL: An einigen Stellen liest sich der Text auch als ziemlich arrogante Abrechnung Handkes mit Beckett, etwa wenn er ihm seine effektheischenden Kunstpausen vorwirft.

Kunzendorf: Handke kratzt mit großer Lust an den Ikonen Krapp und Beckett. Und er benutzt "Das letzte Band" als Folie, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Das tut er mit großem Respekt vor Beckett. In seinem Nachwort verbeugt er sich tief vor ihm.

KulturSPIEGEL: Haben Sie Angst davor, nach so langer Zeit wieder auf der Bühne zu stehen?

Kunzendorf: Ich habe vier Jahre nicht Theater gespielt - ich kann nur sagen, meine Nervosität hat sich gewaschen. Und dann ausgerechnet ein Monolog!

KulturSPIEGEL: Gibt es denn keinen Trick, mit dem Sie Ihre Nervosität bekämpfen können?

Kunzendorf: Wenn mir jemand einen verraten kann - ich wäre dankbar! Bislang war ich nie eine gute Premierenschauspielerin, weil mir die nötige Leichtigkeit und Souveränität fehlt. Vor einer Premiere klemmt es mir die Kiefer zusammen.

KulturSPIEGEL: Ist es wahr, dass Sie vor einem Auftritt hinter der Bühne schon mal eingeschlafen sind - angeblich aus Nervosität?

Kunzendorf: Ja, schon zweimal. Lustigerweise in Salzburg. Nervosität macht mich sehr müde. Das ist bei Tieren ähnlich: In einer Notsituation rennen sie weg - oder sie verfallen in Schockstarre. Das ist eine andere Art der Flucht.

KulturSPIEGEL: War diese Angst vor der Bühne auch der Grund dafür, dass Sie 2000, nach Ihrer Zeit am Hamburger Schauspielhaus, ein Jahr lang ganz aus dem Beruf ausgestiegen sind?

Kunzendorf: Das war nicht der Hauptgrund. Aber in meiner Hamburger Zeit habe ich dauernd gedacht, ich muss beweisen, dass ich das Recht habe, an diesem tollen Haus zu spielen. Das war so ein Stress, dass ich irgendwann gezweifelt habe, ob ich den Beruf überhaupt weitermachen kann.

KulturSPIEGEL: Ist solche Unsicherheit typisch weiblich?

Kunzendorf: Männer können besser faken. Es gibt auf jeden Fall viel mehr männliche Schauspieler, die so eine Haltung haben wie: Was soll ich dir spielen? Kein Problem, spiel ich dir! Ich finde das bewundernswert. Frauen neigen viel eher dazu, zu zweifeln und zu fragen: Kann ich das? Wie soll ich das denn machen?

KulturSPIEGEL: Bei der Premiere des Shakespeare-Mammutprojekts "Schlachten" auf der Perner-Insel in Hallein, einem zwölfstündigen Spektakel im Rahmen der Salzburger Festspiele, sorgten Sie für einen Skandal, weil Sie nackt auftraten und auch noch mit Blut übergossen wurden.

Kunzendorf: O ja, der "Sex-Skandal auf der Porno-Insel". So lautete damals die Schlagzeile eines Boulevardblatts.

KulturSPIEGEL: Hat Sie das mitgenommen?

Kunzendorf: Die Schlagzeile fand ich eher komisch. Schaurig fand ich, dass in dem kleinen piefigen Fotoladen in Hallein am Tag nach der Fotoprobe schlimme Nacktfotos von mir ausgestellt waren, ganz schauderhaft, wirklich wie aus einem schlechten Pornofilm. Das hat mich sehr getroffen. Ich war damals völlig unerfahren mit so was. Eigentlich hätte man bei der Fotoprobe sagen müssen, wie das ja oft gemacht wird: Ab diesem einen Moment wird nicht fotografiert, danach könnt ihr wieder. Tatsächlich verlief diese Probe so, dass man über Stunden immer mal wieder ein vereinzeltes "Klick" hörte. Kaum hatte ich mein Kleid aufgemacht, ging ein Dauerfeuer los: Drrrrrrrrrr.

KulturSPIEGEL: Ihre Arbeit jetzt ist eher ein Anti-Spektakel: zwei Schauspieler in zwei langen Monologen, sonst nichts. Ist das eine andere Art von Nacktheit, so ungeschützt auf der Bühne?

Kunzendorf: Ich bin froh, dass mein Kollege André Jung an meiner Seite ist, aber ich würde mich weniger nackt fühlen, wenn er hin und wieder was sagen dürfte. Für meine nächste Theaterinszenierung wünsche ich mir jedenfalls eine andere Rolle: Ich würde gern mal in einem zwanzigköpfigen griechischen Chor stehen.


Das letzte Band/Bis dass der Tag euch scheidet. Premiere am 9.8. bei den Salzburger Festspielen. Auch vom 10. bis 13.8., Tel. 0043/662/804 55 00. Ab 30.10. an den Münchner Kammerspielen.

Das Interview führten Tobias Becker und Anke Dürr.

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