• Drucken
  • Senden
  • Feedback
01.08.2009
 

Nibelungen-Festspiele

Siggi, Günni und andere Antihelden

Von Sophie von Puttkamer

Bei den diesjährigen Nibelungen-Festspielen in Worms stößt Intendant Dieter Wedel die größte deutsche Heldensage in den Komödienpfuhl. Doch die Späße sind vorhersehbar und auf dem Niveau der Comedy im Privatfernsehen. Glanzpunkte setzen hingegen die Akteure und Komponist Gerd Baumann.

Jetzt bitte mal anders. Sieben Jahre lang wurde in Worms gemetzelt, gemeuchelt und gemordet, alles hochdramatisch - die volle Tragödie eben. In diesem Jahr soll endlich mal gelacht werden. Hierzu schrieb der Schriftsteller John von Düffel "Das Leben des Siegfried", eine Verwechslungskomödie, die nicht bloß an das Nibelungenlied, sondern vor allem an Monty Pythons "Das Leben des Brian" erinnert. Auch wenn Regisseur Gil Mehmert unisono mit Autor Düffel zu betonen pflegt, Monty-Python-Humor sei beim Nibelungen-Festival weder gewollt noch möglich.

Gustav Peter Wöhler und Christoph Maria Herbst während einer Fotoprobe des Stücks "Das Leben des Siegfried"Zur Großansicht
DDP

Gustav Peter Wöhler und Christoph Maria Herbst während einer Fotoprobe des Stücks "Das Leben des Siegfried"

Diesen Sommer heißt unser Held in Worms Seefred, nicht Siegfried. Seefred der Seefahrer, überzeugend leidenschaftlich gespielt von Mathias Schlung. Er ist ein naiver Tölpel mit verrutschter Prinz-Eisenherz-Frisur, Sohn eines Xantener Gewürzhändlers. Wie der sagenhafte Siegfried, so hat auch Seefred eine historische Mission: Die Entdeckung Indiens auf dem westlichen Seeweg. Er bricht im Jahre 492 mit seiner Jolle "Santa Maria" auf, verfährt sich aber und gerät in den Strudel der Nibelungensage. Flankiert von einem tuntigen König Gunther (Gustav Peter Wöhler), einem durchtriebenen Hagen von Tronje (Christoph Maria Herbst) und zwei viel zu starken Frauen - Brünhild (Nina Petri) und Kriemhild (Susanne Bormann) - schlingert er seinem Schicksal entgegen. Was, der Abwesenheit vom wahren Helden Siegfried geschuldet, nur den allzu frühen Tod durch Hagens Hand bedeuten kann.

Es sei an der Zeit gewesen, die Sage einmal aus einer heiteren Perspektive zu erzählen, begründet Düffel seine Nibelungen-Komödie. Es ist nicht unbedingt tragisch, dass er die Geschichte in vielen Punkten verfälscht hat: Etwa im Fall von Gernot und Giselher - eigentlich Königsbrüder - die nun als treue Königspudel auf der Bühne herumscharwenzeln und es gekonnt verstehen, Hagen wegzubeißen. Tragischer ist vielmehr, dass das um der Komik willen Hinzugefügte nicht immer lustig ist. Ein Herold, der frohe Kunden "im Namen des Kunden", statt "im Namen des Königs", verkündet, oder den kleinen Siegfried "Siggi" nennt, reißt das Publikum nicht von den Sitzen. Es ist auch kein Schenkelklopfer, wenn Pudel Gernot (oder war es Giselher?) Hagen zwischendurch mal frech ans Bein pinkelt. Das ist platt und erinnert an Privatfernsehen-Comedy. Aber über Humor lässt sich bekanntlich streiten.

Es gab auch Glanzpunkte. Die stotternde Komödienmaschinerie wird geschmiert von glänzenden Schauspielern, allen voran Christoph Maria Herbst als Hagen. Anders als in seiner Stromberg-Rolle erscheint er hier als echter Macher, als kluger Beau, der König Gunther nonchalant "Günni" nennen darf. Hervorragend auch Nina Petri als Brünhild, stärkste Frau der Welt, der alles Kräftemessen, alle Heldentaten und der ganze Geschlechterkampf gewaltig auf den Senkel gehen. Dass die frostige Königin auch zu wärmeren Gefühlen fähig ist, zeigt sie beim Balztanz mit Seefred auf dem Eis. Petri hat eigens für ihren Auftritt in Worms Schlittschuhlaufen gelernt. Höhepunkt der diesjährigen Inszenierung ist vielleicht die Musik. Komponist Gerd Baumann und Brassband sorgen nicht nur für heitere Klänge, sondern spielen auch als Volk von Xanten, als Walküren oder Hoforchester im Geschehen mit.

Die tragendste Rolle aber spielt, wie wohl jedes Jahr, der Wormser Dom. Erstmals ist es die Westseite von St. Peter, die dem Freilichtspektakel als eindrucksvolle Kulisse dient. Vor ihm hat selbst Dieter Wedel Respekt. Der Festspielintendant versicherte in seiner Begrüßungsrede, man werde sich mit "Das Leben des Siegfried" nicht über die Nibelungensage lustig machen, sondern das Stück dem Spielort angemessen auf die Bretter bringen. Vielleicht liegt hier das Problem. Es ist ein Spagat zwischen dem Respekt vorm Mythos und dem Streben zur Komödie. Ein Dilemma, dass den Funken am Überspringen hindert. So sparten die 1100 Zuschauer am Premierenabend zwar nicht mit Beifall, doch zumindest mit stehenden Ovationen. Bis sie dann dem Beispiel des recht einsam stehenden Intendanten folgten und sich doch noch von ihren Sitzen erhoben - vielleicht in Nibelungentreue.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP