Von Sophie von Puttkamer
Jetzt bitte mal anders. Sieben Jahre lang wurde in Worms gemetzelt, gemeuchelt und gemordet, alles hochdramatisch - die volle Tragödie eben. In diesem Jahr soll endlich mal gelacht werden. Hierzu schrieb der Schriftsteller John von Düffel "Das Leben des Siegfried", eine Verwechslungskomödie, die nicht bloß an das Nibelungenlied, sondern vor allem an Monty Pythons "Das Leben des Brian" erinnert. Auch wenn Regisseur Gil Mehmert unisono mit Autor Düffel zu betonen pflegt, Monty-Python-Humor sei beim Nibelungen-Festival weder gewollt noch möglich.

Gustav Peter Wöhler und Christoph Maria Herbst während einer Fotoprobe des Stücks "Das Leben des Siegfried"
Es sei an der Zeit gewesen, die Sage einmal aus einer heiteren Perspektive zu erzählen, begründet Düffel seine Nibelungen-Komödie. Es ist nicht unbedingt tragisch, dass er die Geschichte in vielen Punkten verfälscht hat: Etwa im Fall von Gernot und Giselher - eigentlich Königsbrüder - die nun als treue Königspudel auf der Bühne herumscharwenzeln und es gekonnt verstehen, Hagen wegzubeißen. Tragischer ist vielmehr, dass das um der Komik willen Hinzugefügte nicht immer lustig ist. Ein Herold, der frohe Kunden "im Namen des Kunden", statt "im Namen des Königs", verkündet, oder den kleinen Siegfried "Siggi" nennt, reißt das Publikum nicht von den Sitzen. Es ist auch kein Schenkelklopfer, wenn Pudel Gernot (oder war es Giselher?) Hagen zwischendurch mal frech ans Bein pinkelt. Das ist platt und erinnert an Privatfernsehen-Comedy. Aber über Humor lässt sich bekanntlich streiten.
Es gab auch Glanzpunkte. Die stotternde Komödienmaschinerie wird geschmiert von glänzenden Schauspielern, allen voran Christoph Maria Herbst als Hagen. Anders als in seiner Stromberg-Rolle erscheint er hier als echter Macher, als kluger Beau, der König Gunther nonchalant "Günni" nennen darf. Hervorragend auch Nina Petri als Brünhild, stärkste Frau der Welt, der alles Kräftemessen, alle Heldentaten und der ganze Geschlechterkampf gewaltig auf den Senkel gehen. Dass die frostige Königin auch zu wärmeren Gefühlen fähig ist, zeigt sie beim Balztanz mit Seefred auf dem Eis. Petri hat eigens für ihren Auftritt in Worms Schlittschuhlaufen gelernt. Höhepunkt der diesjährigen Inszenierung ist vielleicht die Musik. Komponist Gerd Baumann und Brassband sorgen nicht nur für heitere Klänge, sondern spielen auch als Volk von Xanten, als Walküren oder Hoforchester im Geschehen mit.
Die tragendste Rolle aber spielt, wie wohl jedes Jahr, der Wormser Dom. Erstmals ist es die Westseite von St. Peter, die dem Freilichtspektakel als eindrucksvolle Kulisse dient. Vor ihm hat selbst Dieter Wedel Respekt. Der Festspielintendant versicherte in seiner Begrüßungsrede, man werde sich mit "Das Leben des Siegfried" nicht über die Nibelungensage lustig machen, sondern das Stück dem Spielort angemessen auf die Bretter bringen. Vielleicht liegt hier das Problem. Es ist ein Spagat zwischen dem Respekt vorm Mythos und dem Streben zur Komödie. Ein Dilemma, dass den Funken am Überspringen hindert. So sparten die 1100 Zuschauer am Premierenabend zwar nicht mit Beifall, doch zumindest mit stehenden Ovationen. Bis sie dann dem Beispiel des recht einsam stehenden Intendanten folgten und sich doch noch von ihren Sitzen erhoben - vielleicht in Nibelungentreue.
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