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23.08.2009
 

Abgesagtes "Tribunal" mit 68ern

Springer hat die Idee einer Aussprache selbst begraben

Abgesagtes "Tribunal": Springers halbherzige Vergangenheitsbewältigung
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dpa

Die Neuauflage eines "Springer-Tribunals" ist gescheitert - und Verlagschef Döpfner gibt den früheren 68ern die Schuld. Peter Schneider, Bernhard Blanke und Daniel Cohn-Bendit wehren sich auf SPIEGEL ONLINE gegen diesen Vorwurf und betonen: Der "Bild"-Verlag hat den Dialog nie ernsthaft gewollt.

Die Idee, das "Springer-Tribunal" vom Frühjahr 1968 im Herbst 2009 neu zu inszenieren, ist dort begraben worden, wo sie entstanden ist: im Hause Axel Springer.

Das Unternehmen hatte nicht gut angefangen mit der Einladung des Springer-Chefs Mathias Döpfner, ehemalige Anführer der Springer-Kampagne sollten sich bei seinem Haus entschuldigen. Gespräche beginnen in aller Regel nicht mit der Aufforderung an den Eingeladenen, den Gastgeber erst einmal um Verzeihung zu bitten.

Der Ton ist dann gemildert worden zu der Formel "wir möchten wissen, wie es damals wirklich war". Aber was sollte herauskommen bei einem Gespräch zwischen so ungleichen Kontrahenten: Die versprengten Aktivisten von einst sind inzwischen um die 70 und haben sich nach Kräften individualisiert. Keiner von ihnen kann oder will als Gesamt-68er im Hause Springer Rede und Antwort stehen. Ihnen gegenüber steht ein kompakter Konzern, zu dessen Geschlossenheit es die antiautoritäre Bewegung bekanntlich nie gebracht hat - ein Konzern mit klaren Geschäftsinteressen.

Die Interessen des Springer-Konzerns liegen auf der Hand: Das im kollektiven Gedächtnis aufbewahrte Bild, dass die Zeitungen "Bild", "B.Z." und "Berliner Morgenpost" in den Monaten vor und nach dem 2. Juni eine Hetzkampagne gegen die rebellierenden Studenten inszenierten und eine Pogromstimmung in der Stadt erzeugten, soll aufgehellt, mindestens differenziert werden. Warum auch nicht, falls sich dafür gute Argumente finden lassen.

Aber dazu braucht es kein familientherapeutisches Unternehmen unter dem Vorsitz von Mathias Döpfner unter Mitwirkung eines immerzu gekränkten Beisitzers namens Thomas Schmid , der sich von der Linken nicht verstanden fühlt. Was aber hätte der Gewinn der ehemaligen Aktivisten sein können, wären sie denn der Einladung gefolgt? "Erkenntnisgewinn", "mehr Wissen übereinander", wie es in der Erklärung aus dem Hause Springer vom Samstag heißt?

Entrüstung bei Springer beruht auf Täuschung oder Selbsttäuschung

Um ein solches Ergebnis zu erreichen, wäre ein von unabhängigen Köpfen bestelltes und geleitetes Symposium unter einem neutralen Dach geeigneter gewesen. Die Entrüstung des ehemaligen Radikalen und jetzigen "Welt"-Chefs Thomas Schmid über die "klägliche Verweigerungshaltung" seiner ehemaligen Mitstreiter beruht entweder auf Täuschung oder Selbsttäuschung: Die Eingeladenen waren bisher nur telefonisch kontaktiert worden, so gut wie niemand hatte seine Teilnahme verbindlich zugesagt.

Schmid hat versucht, seine Kandidaten durch die Behauptung, andere Kandidaten hätten längst zugesagt, zu einer Zusage zu bewegen. Da jedoch auch 70-jährige die Grundfunktionen eines Handys beherrschen, stellte sich bald heraus, dass es einen Konsens unter den sonst eher zerstrittenen 68ern gibt: Zu einer als "Springer-Tribunal" getarnten Pro-Springer-Kampagne im Hause Springer geht man lieber nicht.

Nun schäumt und wütet Thomas Schmid in seiner Zeitung gegen "die Front der Nein-Sager", wirft ihnen Armseligkeit, Selbstgerechtigkeit, gar Verrat an den Idealen der Aufklärung vor. Vielleicht hat er das Allereinfachste vergessen: Jeder hat das Recht, einem Gespräch, von dem er sich wenig oder nichts verspricht, fernzubleiben.

Im Übrigen spricht nichts gegen einen Versuch des Springer-Konzerns, sich endlich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Viele 68er, soweit sie schreiben, haben sich seit Jahren und Jahrzehnten mit ihren Irrtümern in der Zeit der Rebellion beschäftigt. Außer einem einzigen mutigen Satz des ehemaligen "Bild"-Chefs Peter Boenisch - "beide Seiten waren hasserfüllt" - und dem Eingeständnis von nicht näher benannten "Fehlern" war von einer vergleichbaren Bemühung aus dem Hause Springer öffentlich bisher nicht viel zu hören.

Thomas Schmids halbherziger Versuch, die Berichterstattung der Springer-Presse in der Zeit des 2. Juni zu rehabilitieren, konnte nicht gelingen, weil er sich dabei weitgehend auf die "Welt" beschränkte. Und muss man nicht die Grundthese des neuen "Springer-Tribunals" in Zweifel ziehen - die Annahme nämlich, dass die Springer-Kampagne von 67/68 den Ruf des Springer-Konzerns bis heute beschädigt?

Könnte es nicht sein, dass es nach wie vor die "Bild"-Zeitung ist, die diesen Ruf jeden zweiten oder dritten Tag aufs Neue ruiniert?

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insgesamt 48 Beiträge zum Forum...
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02.03.2010 von rabenkrähe: Historische Wende

..... Tja, so wirkt die Springer-Presse eben nach, daß vielen heute gar nicht mehr bewußt ist, was sich in jener Zeit fundamental geändert hat. Erst in jener Zeit wurde langsam Abschied vom Obrigkeitsstaat feudalen [...] mehr...

02.03.2010 von Satiro: Über`s Vergessen

Bitter ? Nicht wirklich, denn vergessen was sie damals mal gedacht haben das haben die meisten von ihnen doch längst selber. Zwar wohnen nicht alle heute in der Toskana, aber arriviert sind doch sehr viele von ihnen. Nur so [...] mehr...

02.03.2010 von Olaf: Schlagzeile - Titel

Wenn die 68er nicht die BILD-Zeitung zum dran reiben hätten, würde sich kein Mensch mehr für deren Ansichten interessieren. Die 68er werden bald vergessen sein, die Bild Zeitung wird es weiter geben. Diese Tatsache ist für [...] mehr...

02.03.2010 von Satiro: Schulpflicht -gibt es die noch ?

Nochmals nachgedacht: Gab es “früher“, in der guten alten Zeit, von der die Älteren schon immer erzählen, nicht sogar Dorfpolizisten, welche am Vormittag an den ortsbekannten Treffpunkten nach Schulschwänzern Ausschau [...] mehr...

27.02.2010 von unterländer: Glück auf

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Die Verfasser

Peter Schneider, Jahrgang 1940, ist Schriftsteller und Essayist -"Lenz" gilt als einer seiner einflussreichsten Romane. Bernhard Blanke, Jahrgang 1941, Politologe, ist emeritierter Professor an der Universität Hannover. Daniel Cohn-Bendit, Jahrgang 1945, ist Publizist, Grünen-Politiker und Abgeordneter im Europaparlament. Alle drei waren an der Organisation des ersten Springer-Tribunals beteiligt.

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