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25.08.2009
 

Kampf um Hamburger Historien-Viertel

Kunstvolle Besetzung

Von Roxana Wellbrock

Hamburger Gängeviertel: "Das ist keine Kulturpolitik"
Fotos
SPIEGEL ONLINE

Der Senat will sie abreißen, zahlreiche Künstler, darunter auch Malerstar Daniel Richter, wehren sich: Der Kampf um die historischen Backsteinhäuser im Hamburger Gängeviertel spitzt sich zu. Die Kulturpolitik der Hansestadt steht auf dem Prüfstein wie schon lange nicht mehr.

Sonnenschirme sind aufgespannt, man sitzt auf Bänken, umgedrehten Bierkästen, hört entspannt Musik von Bob Marley. Eine Frau mittleren Alters unterhält sich angeregt mit einem jungen Künstler über seine Installation - sie mit weißem Hut und geblümter Seidenbluse, er mit Rastas und verdrecktem Shirt. Ein Zusammentreffen, das außerhalb dieses Hofs wohl nie stattfinden würde.

Gerahmt wird diese friedliche Szene von den Mauern der historischen Backsteinhäuser im Gängeviertel, mitten in der Hamburger Innenstadt, Ecke Caffamacherreihe und Valentinskamp. Im Hintergrund thront ein riesiger Neubau, der die dreistöckigen Altbauten um ein Vielfaches überragt - ein Bild, das die aktuellen Pläne um das geschichtsträchtige Viertel widerspiegelt: Zwölf Häuser, teilweise über 200 Jahre alt und denkmalwürdig, sollen abgerissen und durch einen 50 Millionen Euro teuren Wohn- und Bürokomplex ersetzt werden.

So möchte es der derzeitige Investor Hanzevast, eine niederländische Immobiliengruppe - und die Stadt Hamburg, die die Gebäude meistbietend verkaufte.

Verhindern wollen das hingegen 200 junge Hamburger Künstler, die mit dem Maler Daniel Richter einen prominenten Schirmherren für die Initiative "Komm in die Gänge" an ihrer Seite haben. Am Montagabend platzte dem Starkünstler der Kragen: "Das ist die immer gleiche abgeschmackte Art von Konsum und Massenunterhaltung", geißelte er die Haltung des Hamburger Senats. "Das ist keine Kulturpolitik."

Seit Samstag besetzen die Künstler deshalb die halbverfallenen, seit Jahren verriegelten Bauten. Am Wochenende kreierten sie Installationen und Wandgemälde - und öffneten die Türen, um etwa 3000 Besuchern ihre Protestwerke zu zeigen.

Die Polizei kam - wegen Lärmbelästigung

Der kreative Widerstand kann sich sehen lassen: ein wandfüllendes schrilles Graffiti, ein paar Zimmer weiter eine Installation, zusammengebaut aus weißen Jalousien und kaputten Neonröhren, bestückt mit postergroßen Fotografien, die Backsteinbauten und Verbotsschilder zeigen.

Die Polizei kam an diesem Wochenende zwar mehrfach, allerdings nur wegen zu lauter Musik, die daraufhin sofort leiser gestellt wurde, wie eine Initiatorin erzählt, die namentlich nicht genannt werden möchte. Ansonsten: alles friedlich - bis Montag.

Gegen neun Uhr erschienen Mitarbeiter der Sprinkenhof AG, des Verwalters der Backsteinhäuser, und verschlossen drei der zwölf Gebäude, so die Initiatorin. Kurz darauf seien Mitglieder der Hamburger Kulturbehörde aufgetaucht und zeigten sich kooperativ. Wie eine Sprecherin der Behörde, Ilka von Bodungen, SPIEGEL ONLINE bestätigte, haben bereits erste Gespräche stattgefunden.

Schlechtes Zeugnis für die Hansestadt

Ein Einlenken in einem Fall, in dem die Hansestadt bislang nicht gerade glanzvoll dasteht: Investor Hanzevast hatte 2006 das Gängeviertel von der Stadt Hamburg übernommen, nachdem sich der vorherige Projektentwickler als Pleitegeier entpuppt hatte. Doch auch dieses Mal ist das angekündigte 50-Millionen-Euro-Investment in Gefahr, denn Hanzevast hat Geldprobleme und ist auf der Suche nach einem Finanzpartner. Für die Mitglieder der Künstler-Initiative ein Hoffnungsschimmer, für die Hansestadt ein miserables Zeugnis seiner beflissen betriebenen "Stadtverschönerung".

Die historischen Bauten gehören zu den letzten Zeugnissen der Gängeviertel, die früher das gesamte Stadtbild bestimmt haben. Die anderen Gebäude in der Altstadt und am Hafen wurden spätestens während des Nationalsozialismus abgerissen.

Viele alte Menschen kommen auf die Besetzer zu, erzählen von ihrer Kindheit im Gängeviertel, empören sich darüber, wie man "ihre" alten Wohnungen, ihre Erinnerungen mit Füßen tritt. Mit den Häusern würde auch ein Stück Hamburger Kultur verschwinden.

Die ist allerdings schon längst am Zerfallen. Schon seit Jahrzehnten rotten die Häuser vor sich hin.

Mit Kunst die Hamburger Kultur retten?

Mit ihrer Aktion wollen die Besetzer auf ein zentrales Kulturproblem in Hamburg aufmerksam machen: Die Raumnot vieler Kunstschaffender. Zahlreiche Künstler würden ihre Ateliers verlieren und keine Chance erhalten, bezahlbare Ersatzräume zu finden, erklärt die Initiatorin.

So hat ein Künstlerkollektiv seine Arbeitsstätte an der "Reeperbahn 1" aufgeben müssen, zog in den Stadtteil Altona, nur um erneut rausgeschmissen zu werden. "Kein Einzelfall", sagt die Aktivistin.

Die Künstler fordern, dass das Gängeviertel kernsaniert und "soziokulturell genutzt wird". Es sollen Atelierräume entstehen, aber auch Wohnungen und Geschäfte.

Die Kulturbehörde zeigt sich offen: Weitere Verhandlungen mit den Künstlern und weiteren Behörden sollen folgen, so Bodungen. Ziel sei es, Möglichkeiten einer künstlerischen Zwischennutzung des Viertels oder Alternativen in der Stadt auszuloten. Bleibt die Hoffnung: Kunst rettet Kultur.

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insgesamt 8 Beiträge zum Forum...
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25.08.2009 von het: Stadtbild

Das Vorhaben einer "Stadtverschoenerung" ist regelmaessig im Sinne des biederen Glattbuegelns meist der interessantesten Ecken einer Stadt zu verstehen. Aber...Hamburg und Kulturpolitik, dass ist schon ein Weilchen [...] mehr...

25.08.2009 von het: Egal?

Egal ist gar nichts, sonst braucht niemand darueber zu diskutieren. Urteilt man nach der Qualitaet ihrer Schreibe, besteht zwischen Ihnen und Aldi eine lebenslange Verbindung. mehr...

25.08.2009 von a.weishaupt: 3 Probleme

Probleme deutscher Großstädte im allgemeinen und Hamburgs im besonderen: 1. Die Flächenbombardierungen haben die ursprüngliche, bestens funktionierende und zeitlose Struktur zerstört. In Wandsbek oder dem nach pariser Vorbild [...] mehr...

25.08.2009 von ezuensler: Ist doch...

...völlig egal: das wenige, was in HH nicht zerbombt wurde, ist später hemmungslos abgerissen worden, auch in jüngster Zeit. Hamburg gefällt sich halt als ahistorische Stadt. Sollen sie sich doch für die Investoren prostituieren, [...] mehr...

25.08.2009 von fxiol4: Wie soll das nur enden?

a- Sie bekommen die Häuser, die HH präsentiert sich weltoffen. b- Der Investor, gezwungen Aktion zu zeigen reißt erstmal was ab, Steine Wasserwerfer etc. c- die Stadt sucht einen neuen Investor, dann wieder Plan b Also ich [...] mehr...

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