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31.08.2009
 

TV-Dokumentation

Der Patient als Fleischplatte

Von Christian Buß

Maischberger-Doku: Klassenkämpferin in grünem Kittel
Fotos
NDR

Ist das deutsche Gesundheitswesen wirklich so ein Unrechtssystem, wie viele sagen? In ihrer Doku "Kasse gegen Privat" steigt ARD-Talkerin Sandra Maischberger tief ins unübersichtliche deutsche Gesundheitswesen hinab - und gibt sich nach dem Faktencheck höchst kämpferisch.

Die Reporterin trägt einen grünen Kittel und ein grünes Häubchen, so als wollte sie gleich selbst am offenen Herzen operieren. Der Wahrheitsfindung dient das nicht unbedingt, schließlich könnte Sandra Maischberger das Interview mit dem Arzt auch in dessen Büro führen, statt mit ihm im Operationssaal zu stehen. Doch das aseptische Outfit sieht halt verwegen aus. Und Maischberger geht ja tatsächlich dorthin, wo es weh tut und wo es richtig blutig wird: in die Welt der Zwei-Klassen-Medizin.

Wissen Sie zum Beispiel, was ein Arzt meint, wenn er von "englischer Entlassung" spricht? Das heißt, dass er den Patienten aus dem Krankenhaus nach Hause schickt, weil der die von der gesetzlichen Krankenkasse genehmigte "Grenzverweildauer" erreicht hat - unabhängig davon, ob sein Gebrechen auskuriert wurde oder nicht. Das "englisch" ist abgeleitet von dem Garzustand, mit dem der Engländer traditionell sein Steak zu verspeisen pflegt, blutig nämlich. Der Patient als Fleischplatte.

Keine Sorge, die Reportage "Kasse gegen Privat" (Co-Regie: Ulrich Stein) ist trotz plakativer Zuspitzungen und prominenter Rechercheurin keine dieser Presenter-Reportagen, in der ein bekanntes Fernsehgesicht zu billigen Empörungsübungen einlädt.

Wie in ihren besseren Talkshow-Momenten bohrt Maischberger präzise in Praxen und Hospitälern nach, um die realen Konsequenzen aufgezeigt zu bekommen, die sich aus immer neuen, aber nicht immer leicht verständlich formulierten Verordnungen seitens der gesetzlichen Krankenkassen ergeben. Die Prominenz der Reporterin - ein Umstand, der bei investigativen Formaten sonst eher von Nachteil ist - mag die von immer neuen Beschneidungen gebeutelten Mediziner noch mal besonders beim Auspacken beflügelt haben.

System der heimlichen Rationierung

Nehmen wir zum Beispiel den Onkologen Dr. Stephan Schmitz: Durch einen Bluttest fand er heraus, dass irgendwo im Körper eines Patienten ein Tumor wächst. Die üblichen Diagnose-Instrumente versagten, es blieb nur noch eine sogenannte PET, eine Positronen-Emissions-Tomografie, mit der man Tumore genau lokalisieren kann. 1300 Euro kostet der Vorgang. Private Krankenkassen übernehmen die Kosten, gesetzliche nicht. Der Patient von Dr. Schmitz zahlte selbst. Hätte er es nicht getan, wäre er jetzt tot.

Maischberger fährt eine ganze Reihe solcher Fälle auf; die von ihr interviewten Ärzte erzählen freimütig über die potentiell letalen Kostenabwägungen, zu denen sie gezwungen seien. Es gibt demnach ein System der heimlichen Rationierung. Denn oft verschweige der Arzt dem Patienten vielversprechendere Heilungsmethoden - weil diese ihm als Kassenpatienten sowieso nicht zustünden.

Handelt der Arzt indes nach rein ärztlichen Abwägungen und verordnet dem Kranken die seiner Ansicht nach beste und nicht nur die von der Krankenkasse für solche Fälle bestimmte Behandlung, kann es schon mal sein, dass Regressforderungen auf ihn zukommen.

Wer aber bestimmt, was angemessen human, beziehungsweise unangemessen teuer ist? Bald hat sich Maischberger bei ihrer Tour durch ein System immer neuer Leistungsbeschränkungen ins Räderwerk des Beschneidungsapparats vorgekämpft: dem gemeinsamen Bundesausschuss, in dem einmal im Monat oberste Funktionäre von Kassenärzten und Versicherern nach Kosten-Nutzen-Faktoren festlegen, welche Behandlungsmethode "ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich" sei. Patientenvertreter werden angehört, haben aber kein Entscheidungsrecht.

Kämpferin der Schwachen und Entrechteten

Kann es sein, dass hier auch schon mal gegen das Wohl des Patienten entschieden wird? Dr. Andreas Köhler, als Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung am Verhandlungsergebnis maßgeblich beteiligt, blinzelt Maischberger bei ihrem Bürobesuch verschmitzt an: Gut möglich, gesteht er ein, dass der Kranke nicht mehr die "optimale" Versorgung erhalte. Der Arzt sei ja eben dazu angehalten, für eine "ausreichende" zu sorgen. Dass heißt, es könne immer eine bessere Therapiemöglichkeit geben.

Ausreichend also. Das heißt nach Schulnoten bewertet, würden die Funktionäre des deutschen Gesundheitswesens dem von ihnen verantworteten System eine glatte Vier geben. Es erhalten mithin 90 Prozent der Deutschen, die gesetzlich versichert sind, im Gegensatz zu den zehn Prozent Privatpatienten, keine befriedigenden, guten oder gar sehr guten Leistungen. Trotzdem weigert sich Gesundheitsministerin Ulla Schmidt standhaft, von einer Zwei-Klassen-Medizin zu sprechen.

Weshalb eigentlich? Sandra Maischberger jedenfalls, die in 45 Minuten eine ansehnliche Menge von fahrlässigen Verordnungen, gemeingefährlichen Auflagen und zum Teil verdeckten Drohungen seitens der gesetzlichen Krankenkassen an widerborstige Ärzte zusammenträgt, erkennt im Gesundheitssystem einen sich verschärfenden Antagonismus. Während des Faktenchecks wird sie immer mehr zum Sprachrohr der Schwachen und Entrechteten.

Keine Veränderung möglich?

Von "Gesundheitsdarwinismus" mag die Klassenkämpferin im grünen Kittel zwar nicht sprechen; das überlässt sie einer Journalistin, die einst an Krebs erkrankte und das gemeingefährliche Rationalisierungsprogramm am eigenen Leib erlebte. Die Diagnose von Maischberger ist trotzdem eindeutig: Das deutsche Gesundheitswesen ist ein Unrechtssystem.

Ausgerechnet SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der Professor mit der Fliege und den nicht immer parteiführungskonformen Ansichten, zerstört am Ende mit drastischen Worten die Hoffnung auf eine friedliche Reform der Zwei-Klassen-Medizin: Der Fehler im System sei, dass die einflussreichsten Menschen im Land - Politiker, Professoren und Richter - privat versichert seien. Mit denen ließe sich nun mal keine Veränderung herbeiführen.

So verbreitet Maischbergers Reportage, die facettenreich, faktenorientiert und ohne falsches Pathos die Fehler im Gesundheitssystem aufgezeigt hat, am Ende bei aller Akkuratesse einen Hauch von Umsturzstimmung. Ist ja eher selten, dass einem während der ARD-Primetime die Sehnsucht nach alten Sponti-Parolen beschleicht: Macht kaputt, was euch kaputt macht.


"Kasse gegen Privat", 21 Uhr, ARD

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