Aus dem Gaza-Streifen berichtet Ulrike Putz
Antike Furchtbarkeitsgöttinnen mit üppigem, nacktem Busen, Kapitelle von Kreuzritterburgen mit eingemeißelten Kreuzen, Stempel mit persischen Inschriften: Die Exponate des einzigen Museums im Gaza-Streifen erzählen von der langen Geschichte dieser schmalen Küstenregion, deren Name in den vergangenen Jahrzehnten zum Synonym für Chaos und Gewalt geworden ist.
Die Schätze, die der palästinensische Bauunternehmer und Sammler Jawadat Khoudary vor einem Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, sind ein Dokument der kulturellen Vielfalt, die die Levante-Küste über Jahrtausende prägte. Und genau das könnte für den Betreiber des Privatmuseums zum Problem werden.
Khoudary wird einsilbig, wenn man ihn auf die über den Gaza-Streifen herrschende Hamas und ihre islamistische Doktrin anspricht. "Kein Kommentar", sagt er zu den Gerüchten, der Hamas seien die Exponate aus vorislamischer Zeit ein Dorn im Auge. Diverse Honoratioren hätten seine Ausstellung besucht, die christlichen und heidnischen Exponate selbst in Augenschein genommen, sagt Khoudary. "Es gab keine Klagen, noch nicht."
Dass die Hamas, die sicher keine Verfechterin kultureller Heterogenität ist, den schwer reichen Unternehmer gewähren lässt, hat seine Gründe: Seine schlicht "Mathaf" (arabisch für Museum) genannte Institution hat mit seinem großen Gartenrestaurant nicht nur etwas Glanz in den ärmlichen Norden des Gaza-Streifens gebracht. Sie ist auch eine Waffe im Propaganda-Krieg zwischen den Palästinensern und Israel, die beide Anspruch auf denselben Flecken Erde erheben. Indem sich die Palästinenser unter der Ägide Khoudarys auf ihre lange Geschichte an der levantinischen Küste berufen, versuchen sie, die Israelis mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen.
Ruinen auf dem Meeresgrund
In Israel gehört es zur Staatsdoktrin, das Daseinsrecht des jüdischen Volkes im historischen Palästina aus der jahrtausendealten jüdischen Besiedlung der Region abzuleiten. Wo Grabungen nicht weiterhelfen, tut es die Geschichtsklitterung, wie prominente israelische Archäologen immer wieder bemängeln: Im Fall der "Stadt Davids" in Jerusalem etwa wurden nicht näher zuzuordnende Palastruinen im arabischen Stadtteil Silwan dem biblischen König David zugeschrieben.
Um die Ruinen ist inzwischen ein Freizeitpark entstanden, in dem Fremdenführer den vornehmlich jüdischen Gästen erläutern, dass die Funde jüdischen Anspruch auf den Stadtteil belegen. Jüdische Siedler nehmen diese Herleitung seit 1991 als Anlass, in den arabischen Stadtteil zu drängen, was zu anhaltenden Konflikten mit den Einheimischen führt.
Altertumskunde und Museen sind in Israel größtenteils Sache des Staates, der auch die Deutungshoheit über die verschiedenen Funde für sich beansprucht und sich die Verbreitung seiner Version der Frühgeschichte des Nahen Ostens Millionen kosten lässt. Khoudarys Museum in Gaza ist der Versuch eines Privatmanns, die israelische Lesart wenigstens ein kleines bisschen zu konterkarieren.
Kunstvoller Existenzbeweis
"Die Stücke in meiner Sammlung sind der Beweis für unsere Existenz", sagt Khoudary. Die Palästinenser hätten tiefe Wurzeln in der Region, seien seit Jahrtausenden in Gaza und Palästina ansässig. "Mein Volk ist nicht nach dem Zweiten Weltkrieg aus Russland oder Polen hier eingewandert."
Khoudary kam vor 22 Jahren durch einen Zufall zur Archäologie: Auf einer seiner Baustellen fanden Arbeiter bei Ausschachtungsarbeiten ein gläsernes Amulett mit einer frühislamischen Aufschrift und brachten es ihrem Chef. Der lies sich aus dem antiken Fund eine Halskette anfertigen und ermutigte seine Angestellten, nach weiteren Objekten Ausschau zu halten. In zwei Jahrzehnten fanden sie Hinterlassenschaften all der Völker, die Gaza in den vergangenen gut 5000 Jahren zu einem der wichtigsten Handelsplätze des östlichen Mittelmeers machten.
"Wenn wir wissenschaftlich vernünftig graben könnten, würden wir in Gaza wahre Schätze finden" sagt Khoudary. Er sei bekannt, dass er für "alte Sachen" zahle, deshalb wendeten sich Fischer, Bauern und eben Bauarbeiter mit ihren Trouvaillen und Beobachtungen an ihn. "Die Fischer sagen, dass sie bei ruhiger See Ruinen und Säulen auf dem Meeresgrund sehen", so der 49-Jährige. Er ist sich sicher, dass vor der Küste Gazas Entdeckungen warten, die sogar die Unterwasserfunde vor dem ägyptischen Alexandria in den Schatten stellen.
Römische Artefakte, nach Länge verhökert
Khoudary könnte Recht haben. In seiner Geschichte des Gaza-Streifens "Leben an der Wegeskreuzung" schreibt der britische Nahost-Experte Gerald Butt, es sei "erstaunlich, wie es passieren konnte, dass Gaza in der Geschichtsschreibung kein bedeutender Platz eingeräumt wird". Gaza sei weltweit einer der Orte mit der ältesten kontinuierlichen Besiedlung; ein Dorf und später eine Stadt, die an der strategisch wichtigen Kreuzung mehrerer wichtiger Handelsrouten entstanden sei.
Tatsächlich wird eine Stadt Gaza bereits im 15. Jahrhundert vor Christus erwähnt. Im Altertum betrieben Gazas Einwohner schwunghaften Handel mit den wichtigsten Städten des Mittelmeerraums. Vom Hafen aus wurden Gazas berühmter Wein, Gemüse, getrockneter Fisch und Mineralien aus dem Toten Meer verschifft. Ab etwa 1500 vor Christus herrschten die Philister, als deren Nachfahren sich die Palästinenser begreifen, vorübergehend über das Gebiet des heutigen Gaza-Streifens. In den folgenden Jahrhunderten wechseln die Machthaber, ist Gaza Schauplatz historischer Schlachten.
Wie es für Städte, die über viele Jahrtausende umkämpft waren, unvermeidlich ist, habe Gaza einen Teil seiner archäologischen Schätze an Plünderer verloren, schreibt Butt. Die vorerst letzten, die sich an Gazas Altertümern bedient hätten, seien die Israelis gewesen. "Das Israel-Museum in Jerusalem zum Beispiel hat eine exzellente Sammlung von Stücken aus der Frühzeit."
Die schönsten Artefakte verschwänden auf dem Schwarzmarkt, erzählt Khoudary, der zwar nur Hobby-Archäologe ist, dessen 3000 Stücke umfassende Sammlung aber so bedeutend ist, dass sie bereits in der Schweiz gezeigt wurde und im kommenden Jahr voraussichtlich in Deutschland zu sehen sein wird. "In Gaza werden römische Säulen nach Länge verhökert", sagt Khoudary. Der Meter koste gerade mal 100 bis 150 Dollar. "Die Leute haben keine Arbeit, aber eine Menge Kinder zu füttern. Da ist Geld wichtiger als Kultur."
Säulen vom Roten Kreuz?
Die Khoudarys begreifen sich als Philanthropen, die auch armen Menschen Kunstgenuss ermöglichen wollen. Die 19-jährige Tochter Jasmin, die an der Amerikanischen Universität in Kairo Politikwissenschaften studiert, hat ihre Semesterferien drangegeben, um 5.000 Kinder aus den ärmsten Familien des Gaza-Streifens durch den einen großen Museumssaal zu führen.
Jasmin Khoudary ist nach wie vor erschüttert, wie arm diese Familien sind. "Wir hatten hier Sechsjährige, die behaupteten, sie hätten schon gegessen, als wir ihnen Hamburger serviert haben." Die Kinder hätten das Essen mit nach Hause nehmen und mit den Geschwistern teilen wollen. "Der Gaza-Streifen ist maximal zwölf Kilometer breit, einige der Kinder hatten noch nie das Meer gesehen", erzählt die Studentin.
Am Beeindruckendsten sei jedoch gewesen, wie der Alltag der Kinder ihren Blick auf die Exponate präge. "Von den Amphoren sagten sie, sie sähen aus wie Bomben und Raketen." Um den jungen Museumsgästen zu erklären, dass in der Vergangenheit Menschen unterschiedlicher Kulturen gemeinsam im Gaza-Streifen gelebt haben, habe sie den Kindern Säulen aus der Kreuzfahrer-Burg gezeigt. "Die sind beim Anblick des eingemeißelten Kreuzes aber gar nicht auf Christentum gekommen", sagt Jasmin Khoudary. "Die Kinder dachten, die Säule gehöre dem Roten Kreuz."
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