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22.09.2009
 

Wahlkampf-Fotografie

Die menschliche Seite der Macht

Von Reinhard Mohr

Bad in der Menge: Kanzlerin Merkel vor ihrer Abfahrt von Bonn nach BerlinZur Großansicht
Christian Thiel

Bad in der Menge: Kanzlerin Merkel vor ihrer Abfahrt von Bonn nach Berlin

Billig retuschiert, gequält lächelnd: Nichtssagend schauen die Kandidaten von den Wahlplakaten herab. Doch es geht auch anders. Ein Jahr lang haben zwei Fotografen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier begleitet - und zwei Menschen jenseits der Pose fotografiert. SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Bilder.

Nun ist es bald geschafft. Noch fünf Tage, dann ist Bescherung. Fünf Tage noch, in denen wir mit immer neuen Meldungen und Umfragen, Meinungsäußerungen und Spekulationen der Parteien und ihrer Spitzenkandidaten bombardiert werden. Noch fünf Tage aber auch, dann werden endlich die furchtbaren Plakate mit den Politikerporträts zum Fremdschämen abgehängt.

Seit vielen Wochen schon zwingt man uns zum ästhetischen Spießrutenlauf durch die Alleen des Schreckens, rechts und links durchschnittlich attraktive Menschen, schlecht fotografiert und billig retuschiert, gequält lächelnd oder todernst, sinnlos lachend. Obendrauf und untendrunter Parolen, die so nichtssagend sind wie die Gesichter. Schon frühmorgens beim Brötchenholen belästigen sie uns und verderben die gute Lätta-Laune.

Damit wir uns recht verstehen: Es geht hier nicht um das beliebte Politiker-Bashing, mit dem viele, die selbst nichts gebacken kriegen, ihr Mütchen kühlen. Plakatieren Sie doch mal wochenlang die Porträts aller Vorstände der 30 Dax-Unternehmen, gern auch die Abteilungsleiter aus Ihrem Betrieb und die Sachbearbeiter der Arbeitsagentur Ihres örtlichen Missvergnügens. Sie würden Ihre sofortige Ausreise ins befreundete europäische Ausland antreten.


Nein, es geht um die Zumutung einer schlecht frisierten Mittelmäßigkeit. Selbst die professionellen Aufnahmen der Spitzenkandidaten animieren eher zum Weg- als zum Hinsehen. Zu deutlich und zu schlicht ist die Botschaft: Wählt mich! Die Auftragsfotografien der PR-Agenturen sollen stets nur die Schokoladenseite der Kandidaten zeigen, ihre Dynamik und Entschlossenheit, ihre Volksnähe und ihre Souveränität im Umgang mit den Großen dieser Welt. Nichts ist den vergangenen Jahren im politischen Geschäft mehr perfektioniert worden als die Inszenierung von solchen Bildern.

Politik als Pose.

Aber es geht auch anders.


Um selbst im Bundestagswahlkampf 2009 ein paar ganz andere, aussagekräftigere Fotos zu bekommen, haben sich die beiden Fotografen Maurice Weiss und Christian Thiel im Auftrag des SPIEGEL fast ein Jahr lang an die Fersen von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier geheftet.

Es war nicht ganz leicht, Vertrauen zu gewinnen und Kanzlerkandidat wie Kanzlerin nahe genug zu kommen, um Augenblicke festzuhalten, die nicht von vornherein für die große Öffentlichkeit bestimmt sind, erzählt der in einem französischen Pyrenäendorf geborene Maurice Weiss. Dennoch gelang es ihm nach einer Wahlkampfveranstaltung in Detmold, den SPD-Kanzlerkandidaten aufs freie Feld in der Nähe seines Geburtsorts Brakelsiek zu locken. "Dort", so Weiss, "sah man sofort, wo er herkommt und wo er zu Hause ist." Ein standfester, erdverwachsener Westfale, dem Regieanweisungen und ästhetisches Chichi im tiefsten Grunde zuwider sind. Er will bleiben, wie er ist, auch wenn er landauf, landab als biederer bürokratischer Langweiler geschmäht wird.

So sehen wir in der kleinen Auswahl, die SPIEGEL ONLINE zeigt, einen Frank-Walter Steinmeier, der auch einfach mal ganz entspannt aus dem Fenster schaut, lächelnd in der Kabinentür seines Dienstflugzeugs steht und am Tisch mit Literaten und Intellektuellen parliert. Natürlich fehlen auch jene Szenen nicht, die den Ernst der Lage ahnen lassen, der sich ein deutscher Außenminister täglich stellen muss. Auch leicht martialisch wirkende Bodyguards und ganze Kompanien von hochgewachsenen Beratern in dunklen Anzügen ändern daran nichts.

"Sehr sympathisch" fand ihn der Fotograf und teilt damit eine Erfahrung, die auch Journalisten immer wieder machen: Auch Spitzenpolitiker sind Menschen aus Fleisch und Blut, und jene gestanzte Formelsprache, die im Fernsehen so enervierend wirkt, entspricht nur einem Teil ihrer Persönlichkeit. Selbst über Helmut Kohl, den am Ende mehr als die halbe Nation nur noch weg haben wollte, erwies sich im kleinen Kreis immer wieder als witziger und anekdotenfester Unterhaltungskünstler.

Die vielen Gesichter der Angela M.

Angela Merkel, die ihre sagenhafte Karriere als "Kohls Mädchen" begann, offenbart mindestens ebenso viele verschiedene Gesichter.

Die herabgezogenen Mundwinkel waren - neben ihrer erbarmungswürdigen Frisur - lange ihr wenig schmeichelhaftes Markenzeichen, doch inzwischen hat sie an Souveränität und Schwung gewonnen. So sieht man sie zuweilen strahlend lächeln, ohne dass es aufgesetzt oder gezwungen wirkt. In anderen Momenten sind Anspannung und Erschöpfung nicht zu verbergen.

Einige Fotografien zeigen sie im Mittelpunkt von Menschenmassen - im buchstäblichen Scheinwerferlicht einer Öffentlichkeit, die alle möglichen - und dabei immer wieder wechselnden - Erwartungen auf sie projiziert.

Vielleicht animieren diese Fotografien am Ende ja auch das wählende Publikum, hier und da einen anderen Blick auf die Politiker zu werfen, die man angeblich so gut zu kennen scheint.

Natürlich erst, wenn die furchtbaren Plakate abgehängt sind.

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insgesamt 8 Beiträge zum Forum...
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23.09.2009 von contraithanhpho: langeweile macht sich breit

ja, ich leider auch nicht - vor allem die bilder zu Frau Merkel - langweiliger laesst sich so ein Thema doch kaum einfangen... mehr...

22.09.2009 von pmz-artwork: Es geht auch anders...

zu sehen bei dem Fotografen Andreas Herzau aus Hamburg. Auch er begleitete Frau Merkel Schritt für Schritt und hat dabei sehr interessante Bilder aufgenommen. Nur schade dass die Werber nicht aus dem vollen Repertoire schöpfen und [...] mehr...

22.09.2009 von hajoschneider: Jau,

dem habe ich nichts hinzuzufügen mehr...

22.09.2009 von COPIC: Sein Name ist Kurnaz wer?

Ja genau. Passt super zu den beiden Lobbyisten Fischer und Schröder. Andere Frage: Herr Steinmeier hat doch erwiesener Maßen die Unwahrheit im Fall Kurnaz gesprochen, was ja keine kleine Sache war. Was war denn da der letzte [...] mehr...

22.09.2009 von saul7: Nicht

auf die Form sondern auf den Inhalt kommt es an. Und da ist eben aus den beiden Kandidaten nicht viel mehr herauszuholen. mehr...

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