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24.09.2009
 

Kunst-Biennale Lyon

Schusswaffen in der Zuckerfabrik

Aus Lyon berichtet Stefan Simons

Michael Jackson als süßes Vernaschwerk - auch eine Möglichkeit, um Besucher in eine Kunstschau zu locken. Die diesjährige Biennale von Lyon präsentiert Werke zwischen kreativer Einzigartigkeit und plakativem Agitprop. Und alle Künstler grübeln über Identität in einer globalen Welt nach.

Was vereint eine ehemalige Zuckerfabrik, eine Polizeiwache und ein Schwimmbad?

In Lyon ist es die Biennale. Zur zehnten Ausgabe der international renommierten Kunstausstellung haben die Organisatoren bewusst auf geografische Diversifikation gesetzt. Die hochkarätige Schau versucht die Annäherung an die Bevölkerung, auch aus politischen Gründen: Von dem Mega-Ereignis mit einem Budget von 5,5 Millionen Euro sollen nicht nur die Kunstfreunde Lyons profitieren, sondern auch die Anwohner des Großraums rund um die Rhône-Metropole.

Einige der 70 Künstler versuchten schon seit dem Frühsommer den Brückenschlag zur Bevölkerung mit Aktionen und Diskussionen. Zudem bietet die Biennale im Beiprogramm 130 Foren, Führungen, Debatten. Als Lockmittel, um die Schwellenangst zur Kunst zu überwinden, dienten sogar süße Crêpes mit dem Schoko-Aufdruck von Michael Jackson - Kunst, die Lyons Bürgern schmeckte.

Deswegen tritt die Schau, die, so der künstlerische Leiter Thierry Raspail, mittlerweile zu den Top Fünf der weltweit 150 Kunst-Biennalen aufgestiegen ist, nicht nur in Lyons "Museum für Zeitgenössische Kunst" an, der "Stiftung Bullukian" oder dem "Entrepôt Bichat", einer ehemaligen Lagerhalle. Zudem werden unter dem Motto "Veduta" - "Kunst der Gegenwart leben" Werke und Installationen weit ins regionale Umfeld verlegt. Und gleich nebenan tritt zum zweiten Mal im Tandem mit der Biennale die "Docks Art Fair" an - eine Verkaufsshow von 32 Galeristen.

Der Schwerpunkt des Groß-Events, das in diesem Jahr unter dem Motto "Spektakel des Alltäglichen" antritt, bleibt freilich die "Sucrière": Die ehemalige Zuckerfabrik aus den dreißiger Jahren wurde 2003 für die Biennale umgerüstet. Seither hat sich die ehemalige Industriebrache am Zusammenfluss von Saône und Rhône zum schicken "Quartier Confluance" entwickelt - mit Büros, Wohnungen und Hotels, die dank ihrer Lage die Fläche des Stadtzentrums beinahe verdoppelt haben.

Die Fabrik, selbst Untergrund für großflächige Fassadenmalerei, blieb kaum verändert: Verladebrücke und Kaimauer lassen den Austragungsort künstlerischer Konfrontation fast wie einen Fremdkörper erscheinen inmitten architektonischer Experimente und dem modernistischen Einerlei steriler Glasfassaden. Hier ist der Eindruck roher Industriearchitektur erhalten: große Hallen, ein Skelett aus Betonpfeilern und Zementböden oder den spiralförmigen Rutschen, die früher zum raschen Transport der Zuckersäcke genutzt wurden.

"Alles Spektakel, jedes Foto, jede Ausstellung"

Schon der Zugang ist Zitat: Der Besucher durchquert zwei der drei ehemaligen Silos - äußerlich umgestaltet zu monumentalen Werken von Rigo 23 (Portugal) -, bevor er auf 7000 Quadratmetern einer Auswahl der neusten Tendenzen der globalen Kunstszene gegenübersteht.

Die hat der diesjährige Kurator, der gebürtige Chinese Hou Hanru, neben "Veduta", unter vier Schwerpunkte gestellt, deren thematische Abgrenzungen allerdings bisweilen ineinanderlaufen: "Die Magie der Dinge" befasst sich mit Künstlern, die Objekte verändern, während "Das Lob der Abweichung" Eingriffe in die städtische Umgebung inszeniert; "Lasst uns zusammen leben" ist die Aufforderung an den Dialog zwischen menschlichen Kollektiven und Stadt, während "Eine andere Welt ist möglich" die Formen neuer, vielleicht auch utopischer Existenz vorstellt.

Dennoch: "Spektakel des Alltags", geht das? Hou, 46, frankophiler Direktor der Ausstellungen und Programme von "Publics" in San Francisco, versucht eine Erklärung für den vermeintlichen Gegensatz: "In der Welt von heute ist alles 'Spektakel', jedes Foto, jede Ausstellung", sagt Hou: "Daneben gibt es aber ein Terrain, das lebt, das sich bewegt, wo Menschen Dinge erfinden und zugleich versuchen, dieser gnadenlosen Logik des Konsums zu widerstehen."

Innerhalb dieses thematischen Rahmens hat der Kurator berühmte Namen wie Pedro Cabrita Reis, Sarkis oder Sarah Sze nach Lyon geladen und zugleich eine Reihe kreativer Neuzugänge akquiriert. Eine organisatorisch sportive Leistung schon deshalb, weil Hou nach dem Ausstieg von Catherine David nur sieben Monate Zeit hatte, um die gesamte Ausstellung zu planen und auf die Beine zu stellen.

Exotische Tiere, Greencards und Kunst per Fax

Shilpa Gupta (Indien) eröffnet den Rundgang mit dem geisterhaft bewegten Flügel eines Gartentors; die Fotos von Adel Abdessemed (Algerien) kombinieren exotische Tiere in urbanem Raum; Li Yilin (China) zeigt auf Videos seine Selbstinszenierung als Gefangener - angekettet zwischen Hand und Fuß, unbeachtet von einer unmenschlichen Menschenmenge.

Ähnlich politisch, direkt und nachvollziehbar ist die Installation des Kollektivs "Sociéte Réaliste" (Frankreich), die Hunderte von vermeintlich existierenden "Europäischen Greencards" innerhalb einer begehbaren Säule aufgezogen haben - die Verbindung zwischen den Passfotos, mit allen Personenangaben - verarbeitet den Immigrationsdruck auf sehr nachdrückliche Weise. Ironischer artikuliert sich Dan Perjovschi (Rumänien), dessen Vergangenheit als Karikaturist beim Blick auf riesigen Tafeln sichtbar wird, mit denen er, täglich neu, die Aktualität per zugefaxter Zeichnung aufmalen lässt.

Ebenso politisch der Auftritt von Pedro Reyes (Mexiko), der für die Biennale seinen Kampf gegen die Kriminalität dokumentiert - dort ließ er Schusswaffen zu Schaufeln einschmelzen, mit denen anschließend Bäume gepflanzt wurden - ein Arboretum der Befriedung, das er auch in einem Vorort von Lyon wiederholt hat. Neben solcher Realität wirkt "Liu Yingyuan & YAH Lab (China) nur plakativ: Die Stellwand mit bonbonfarbenen Neonpanelen verbindet holzschnittartige Belege aus der Pop- und HipHop-Welt mit Motiven aus Chinas Kulturrevolution.

Dennoch schafft die Biennale in Lyon einen "visuell verblüffend einheitlichen Eindruck", sagt Matthieu Poirier, Dozent für Gegenwartskunst an der Pariser Sorbonne: "Selbst wenn der Jahrgang 2009 weniger außergewöhnlich ist als der vorhergehende, so überzeugt diese Ausgabe durch ihre Kohärenz, ihre Struktur und ihre Intelligenz - was sie von jenen Veranstaltungen unter dem Rubrum 'Biennale' unterscheidet, die daherkommen als reine Rumpelkammern der Kunst."



Les Biennales de Lyon.
Ausstellungen von 16. September 2009 bis 3. Januar 2010. Nähere Informationen auf www.biennale-de-lyon.org

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