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18.10.2009
 

Streit um Berliner Nofretete

"Das ist beschämend"

Jahrtausende tot und sorgt trotzdem für Ärger: Nofretete. Der ägyptische Altertumsverwalter Zahi Hawass fordert von Berlin die Rückgabe der berühmten Büste der Pharaonen-Gemahlin. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Schmuggelverdacht, mögliche Tauschgeschäfte und die Suche nach Kleopatra.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie die Nofretete wirklich von ihrem neuen Ehrenplatz im wiedereröffneten Berliner Neuen Museum nach Kairo holen?

Hawass: Nicht auf Biegen und Brechen, solch ein gewichtiges Thema lässt sich nicht mit Wunschdenken und Absichtserklärungen erledigen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nun die Rückführung der Nofretete gefordert oder nicht?

Hawass: Wir befassen uns noch mit der Frage und untersuchen alle Details, die mit dem jetzigen Standort Nefertitis, wie wir die inzwischen weltbekannte Gattin des großen Pharao Echnaton nennen, in Verbindung stehen. Erst wenn wir absolute Klarheit haben, werden wir eine Entscheidung treffen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau muss noch geklärt werden?

Hawass: Wir wollen wissen, ob die Nefertiti-Skulptur, vor allem der Kopf der Königin, wie sie in Berlin ausgestellt ist, Ägypten auf legalem Weg verlassen hat. Wenn das klipp und klar bewiesen wird und die entsprechenden Beweise vorliegen, dürfte es keine Probleme geben.

SPIEGEL ONLINE: Ist es so schwierig, diese Beweise zu erbringen? Die Verantwortlichen in der deutschen Hauptstadt haben bereits mehrfach versichert, dass die wertvolle Skulptur mit Wissen und Einverständnis der ägyptischen Behörden nach Berlin gebracht worden sei.

Hawass: Vor etwa zwei Monaten ersuchte ich die Museumsverwaltung in Berlin, mir den genauen Sachverhalt über die "Ausreise" Nefertitis mitzuteilen und das vorhandene Beweismaterial für die Rechtmäßigkeit dieses Vorgangs zukommen zu lassen. Bis heute ist mein Schreiben nicht beantwortet worden. Das ist ärgerlich. Welche Schlüsse sollen wir daraus ziehen? Das stimmt doch argwöhnisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie zweifeln die Glaubwürdigkeit der Beteuerungen über die legitime Außerlandesbringung also an?

Hawass: Uns liegt Beweismaterial vor, das den Verdacht bestätigt, dass Nefertiti am Gesetz vorbei aus Ägypten hinausgeschmuggelt wurde. Dennoch wollen wir nicht voreilige Konsequenzen ziehen und warten auch jetzt noch auf Antwort und Beweismittel aus Berlin. Weil mein Ersuchen bislang ohne Antwort blieb, war ich natürlich auch nicht bereit, der Einladung zur Eröffnung des Neuen Museums Folge zu leisten.

SPIEGEL ONLINE: Was geschieht, wenn Ihr Schreiben auch weiterhin nicht beantwortet wird?

Hawass: Wir werden uns wie zivilisierte Menschen verhalten und den Fall durchdiskutieren - in allen Aspekten.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie bereit sind, einem Tauschgeschäft zuzustimmen - schickt die Nofretete in ihre ägyptische Heimat zurück, und wir geben euch dafür einige andere wertvolle altägyptische Artefakte?

Hawass: Das wäre ein Novum. Zwar hatte die ägyptische Regierung bereits zehn Jahre nach dem Deutschlandtransfer Nefertitis solch eine Lösung vorgeschlagen, doch Berlin lehnte das Ansinnen ab.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn wenigstens ein Einvernehmen mit den Deutschen darüber, dass Nofretete in fünf Jahren zur Einweihung des neuen ägyptischen Museums nach Kairo ausgeliehen wird?

Hawass: Festgezurrt ist nichts. Mir ist sogar zu Ohren gekommen, dass man das Ausleihen ägyptischer Altertümer als Risiko einstuft, weil wir Ägypter derartige Leihgaben nicht zurückschicken würden. Das ist beschämend.

SPIEGEL ONLINE: Ist die deutsch-ägyptische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Archäologie gefährdet?

Hawass: Nein, uns liegt sehr an einem langfristigem Miteinander. Ich hoffe sehr, eine befriedigende Lösung mit den Berlinern zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Ägypten gräbt noch nach einer anderen großen Königin: Kleopatra. Geht die Suche weiter?

Hawass: Nächsten Sonntag werden die Grabungen fortgesetzt, die mehrere Monate eingestellt werden mussten. Das bisher Erreichte lässt hoffen, dass wir die Grabkammern Kleopatras und ihres Partners Antonius schon recht bald freilegen werden. Aber wir sollten dem alten Ägypten noch einen ganz anderen Tribut zollen.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie noch ausgraben oder vom Meeresboden an Land hieven?

Hawass: Wir sollten das Studium der altägyptischen Sprache und der Hieroglyphenschrift an unseren Schulen einführen, so wie die Europäer Lateinisch und Altgriechisch unterrichten, um die kulturelle Bewusstseinsbildung zu stärken. Dabei könnten uns sicher auch die Deutschen helfen.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr, Kairo

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Die neuesten Beiträge:
24.10.2009 von Diomedes: Nie und nimmer! III

Es ist wirklich der Fluch der altägyptischen Kultur, die in allem Dingen bild- und symbolhaft redet und selbst deren Schrift eine Bildersprache ist (zumindest die hieratische Sakral- und Prunkschrift auf den Bauwerken und dazu [...] mehr...

24.10.2009 von Diomedes: Nie und nimmer! II

Danke; aber die Wissenschafts- und Kulturwelt sollte sich ernsthaft Gedanken machen, wenn der Fall des Falles eintritt. Denn darauf zu hoffen, dass der fliehende Tyrann und sein Gefolge das Meiste ins Ausland mitnehmen werden, [...] mehr...

24.10.2009 von Gabri: Titel

Bedeutende archäologische Schätze wie die Nofretete-Büste gehören zum historischen Erbe der gesamten Menschheit. Letzten Endes ist es egal, wo sie aufbewahrt wird. Aber entscheidend ist doch, dass ihr Erhalt (s. Argument v. User [...] mehr...

24.10.2009 von yanasa: schwupp und weg

Dankeschön. Es gab ja gerade in der Vergangenheit leider in Ägypten mehrere Anschläge - auf Touristen, aber wann sind 'Statussymbole' dran? Warum kann man sich nicht einfach darauf einigen, daß die 'Beutekunst', die vom [...] mehr...

24.10.2009 von wilam: Müssen alle Kunstschätze heim ins Reich?

Da weiß man doch übers Eigene einigermaßen bescheid. Wie wärs denn mit ner Gutenberg-Bibel in Ägypten? mehr...

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Zu schön, um wahr zu sein: Nofretete-Büste im Neuen Museum BerlinZur Großansicht
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Zu schön, um wahr zu sein: Nofretete-Büste im Neuen Museum Berlin


Zur Person

Zahi Hawass, 63, ist Generalsekretär des Obersten Rates der ägyptischen Altertumsverwaltung.






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