Von Christian Buß
178 Tage Resturlaub hat sie angesammelt. Die werden von Frau Böhm (Senta Berger) selbstverständlich nicht ab-, sondern stolz vor sich hergetragen. Seit 25 Jahren bearbeitet sie die Vorstandsbezüge der Hewaro AG. Das ist kein Beruf, das ist Berufung. Nie würde sie in die Gewerkschaft eintreten, nie Zahlen nach außen geben, nie die Rechtmäßigkeit der Vergütung ihrer Bosse anzweifeln.
Die Firma ist Frau Böhms Familie, und die Vorgesetzten sieht die allein stehende ältere Dame als Schützlinge, die gelegentlich vor ihrem eigenen Übermut bewahrt werden müssen. Unregelmäßigkeiten werden von ihr streng, aber diskret geklärt.
Doch dann zieht eine neue Generation von Managern in die Vorstandsetage von Hewaro ein, und die verbietet sich jede Art von Vertraulichkeit und Sentimentalität. Frau Böhms mütterlich umsorgte kleine Vorstandsbuchhaltung heißt auf einmal Leadership Resources Department; mit den Anglizismen kommen neue Abrechnungs-Modi, die für die altgediente Sachbearbeiterin nicht ganz nachvollziehbar sind.
Bald tobt nämlich eine Übernahmeschlacht gegen einen US-Konkurrenten, und als der die Hewaro AG dann tatsächlich schluckt, zahlen sich die Manager stattliche Boni im Gesamtwert von 80 Millionen Euro aus. Formaljuristisch wie moralisch erweist sich das als zweifelhaft, schließlich geht mit der Übernahme ein massiver Stellenabbau einher. Zum ersten Mal in ihrem Leben sagt Frau Böhm nein.
Die Details in diesem Wirtschaftsdrama kommen einem bekannt vor. Inspiriert wurde es von der Geschichte einer realen Sachbearbeiterin im Mannesmann-Konzern, die sich 2004 geweigert haben soll, nach der Übernahme durch Vodafone Managerprämien im Wert von 60 Millionen Euro auszuzahlen. Und auch die 2005 aufgeflogenen Lustreisen bei VW unter Personalvorstand Peter Hartz standen für einige Verwicklungen im Film Pate.
High heels, low expectations
Doch trotz der populären Anspielungen enthalten sich die Macherinnen von "Frau Böhm sagt nein", der am Mittwoch in der ARD läuft, jedes süffisanten Untertons. Ihr Film ist keine Kapitalismuskolportage, kein Managerdrama aus der Schlüssellochperspektive und erst recht keine mit den üblichen "Die da oben"-Ressentiments gespeiste Krisen-Soap. Stattdessen zeichnen Autorin Dorothee Schön ("Mordshunger") und Regisseurin Connie Walther ("Schattenwelt") so präzise wie unaufgeregt einen schwerwiegenden ökonomischen Zeitenumbruch nach, der in allen Etagen der deutschen Industrie seine Spuren hinterlassen hat.
Der deutsche Fernsehfilm hat also die Wirtschaft als Thema entdeckt. Nach dem Kleinsparerthriller "Über den Tod hinaus" imZDF und der mit allerlei Anspielungen auf Bankergier und Rationalisierungswahn gespeisten Katastrophenparabel "Vulkan" bei RTLzeigt nun die ARD einen Film, der die Sitten und Gebräuche in den deutschen Managementetagen als Sekretärinnenkrimi aufbereitet.
Denn nicht die Manager-Granden, sondern zwei Frauen der mittleren Verwaltungsebene werden hier durch die kluge Erzählkonstruktion ins Zentrum dieser Geschichte um Macht und Gier gehoben. Da ist zum einen jene Frau Böhm, die kurz vor der Pensionierung steht, und da ist zum anderen die junge studierte Ira Engel (Lavinia Wilson), die sich als Mutter einer Tochter und Assistenz des neuen Vorstands von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangelt. Luxus-Prekariat nennt man so was wohl.
High heels, low expectations: Das stilsichere Auftreten der Engel kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier männliche Kollegen eine weibliche Karriere verhindern. Denn eigentlich hätte sie die Ausbildung und die Qualifikationen zu mehr. Aber wer holt sich schon eine Frau - und dann auch noch eine Alleinerziehende - in die Managementetage? Oder wie es Drehbuchautorin Schön im Presseheft zum Film auf den Punkt bringt: "Wo parkt man die nette Kollegin, wenn man von Herrn Hartz in den Puff eingeladen wird?"
Sympathisch ehrgeiziges Fräulein
Durch einen Zufall erfährt die souveräne Hilfskraft Engel dann aber doch en detail von den Manipulations- und Machttechniken ihrer Vorgesetzten. Als sie es zum rituellen Kotzen am Vormittag nicht mehr bis zur Frauentoilette schafft, lauscht sie auf der Herrentoilette einer intriganten Absprache zweier Bosse. Es geht, wie sie später der ungläubigen Frau Böhm erzählt, um "Vergnügungsreisen inklusive Nutten und Viagra auf Firmenkosten." Soll man die Herren nun der gerechten Strafe zuführen - oder aus dem Wissen eigenen Nutzen schlagen?
Die Perspektive im ARD-Film ist gut gewählt. Denn sie holt den moralischen Abwägungsprozess und die detektivische Recherche in ein dem normalen Zuschauer nachvollziehbares Milieu und zu authentischen Figuren herunter: Hier die gute Frau Böhm, die gelegentliche Ungereimtheiten auf der Vergütungsliste ihrer Vorstände bislang stets als Sach- und Werbekosten verbucht hat; dort das sympathisch ehrgeizige Fräulein Engel, das sich über männliche Machtstrukturen keine falschen Illusionen macht und die auf der Toilette aufgeklaubten Infos für den eigenen Karriereschub zu nutzen versteht.
Die ältere der beiden Heldinnen, so viel darf verraten werden, verlässt am Ende das ihr fremd gewordene Unternehmen. Die 178 Tage Resturlaub nimmt sie natürlich mit. Ein bisschen Pathos schleicht sich da dann in diesen stillen, unaufgeregten und doch zutiefst pessimistischen Film: Bleiben Sie, Frau Böhm, die deutsche Wirtschaft braucht Sie!
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Ja ja, und der Schumi kassiert so und so viel tausend Euro pro Rennrunde. Fürs im Kreis fahren. Alles Scheiße hier. mehr...
kaum besitzt jemand ein gesundes Gerechtigkeitsgefühl ist man Kommunist ;-) mehr...
Ja, genau, Sie treffen exakt den Punkt. Wobei es immer zwei Seiten gibt: die einen, die die Affen domptieren, die anderen, die es mit sich machen lassen... Die vielen Herr und Frau Engels dieser Welt haben es nicht besser [...] mehr...
----------------------------------------------------- Das muß man sich nicht nur vorstellen können, dass ist die Realität und der Staat unternimmt alles dass es so bleibt. Siehe Mannesmann. mehr...
Das wäre kein Problem. Man könnte vorgehen wie es bei anderen Ü50-Angestellten derzeit praktiziert. Irgendwann nimmt sie mal einen Ordner mit, weil sie ihn zu hause noch durchlesen will. Klarer Fall fürs Arbeitsgericht. Das ist [...] mehr...
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