Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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29.10.2009
 

Bildband "Heidilicious"

Rasseln mit dem Klumsäbel

Von Wiebke Brauer

Rankin Photography

Für Fans ist Heidi Klum Traumfrau und erfolgreiche Unternehmerin, für Feinde die schlimmste Belästigung, seit es Werbung gibt. Nun ist der Bildband "Heidilicious" des Starfotografen und Klum-Kumpels Rankin erschienen - und dürfte für neue Erregungskurven sorgen.

Ringelstrümpfe, sonst trägt sie nichts. Abgesehen von ihrem ewigen Strahlen im Gesicht, wie man es kennt und liebt. Oder auch nicht. Gut sieht Heidi Klum aus auf dem Cover des Bildbandes "Heidilicious", nichts Anstößiges ist zu entdecken, ein Ruch von Erotik geht von ihr aus, ein Hauch von Mädchenhaftem umweht die nackte Haut.

Fotografiert wurde der Bildband von dem britischen Künstler Rankin, in dem Buch kann man ein Interview mit Klum lesen, das der mit ihr befreundete Fotograf selbst führte. Das Vorwort schrieb Heidis Ehemann Seal. Und wahrscheinlich wird sich "Heidilicious" so gut wie die Burger von McDonald's verkaufen, für die sie wirbt. Wir lieben es. Die Heidi eben. Wäre da nicht dieses Unbehagen, welches das moderierende Model in unserem Lande auslöst.

Heidi Klum polarisiert, nicht zuletzt durch die Gegensätze, die sie in sich vereint. Sie ist vierfache Mutter und knallharte Geschäftsfrau. Sie verkauft sich bis zur letzten Sehne und bleibt sich doch treu. Sie peitscht die Kandidatinnen von "Germany's Next Topmodel" gnadenlos durch die Shows und hat trotzdem für jede ein tröstendes Wort. Heidi Klum ist international bekannt und stammt doch aus Bergisch-Gladbach. Böse Burger, gute Werbung, nackte Pose in Kinderstrümpfen. Das muss man erstmal nachmachen.

Auf Kritik folgt Klumsäbel

Je heller ihr Stern strahlt, desto harscher wird der Ton ihrer Lästerer. Modedesigner Karl Lagerfeld erklärte dieses Jahr bei Johannes B. Kerner: "Ich kenne sie nicht. Claudia kennt die auch nicht." Sein Kollege Wolfgang Joop äußerte in der Zeitschrift "Bunte", Klum sei "kein Model, sondern ein Werbegirl". Aus der intellektuellen Ecke tönte es von Publizist Roger Willemsen besonders laut: In der "taz" schrieb er, er lehne die Sendung "Germany's Next Topmodel" ab, und setzte noch einige fäkale Unflätigkeiten hinzu. Als Replik auf alle Anfeindungen zückte Heidi Klum ihre schärfste Waffe: ein nachsichtiges Wort und ein freundliches Lächeln - auch Klumsäbel genannt.

Die Kritik perlt an ihr ab wie saurer Regen auf einem frisch gewachsten VW Tiguan, für den sie und der Gatte ihre Gesichter hergaben. Heidi lächelt ihre Neider in Grund und Boden, und was sie anfasst, wird zu Gold. Heidi Klum ist der Midas im Model-Business - und ein gutgelaunter noch dazu. Sie ist leutselig, frohsinnig, ein ökonomisches und biologisches Wunderwerk. Heidi Klum bekommt Kinder wie nebenbei, sie ist glücklich mit ihrem Popbarden und betont stets, wie "unheimlich wichtig" ihr die Familie sei. Der Job sei ihr aber auch unheimlich wichtig. Alles ist ihr unheimlich wichtig. Und so scheint sie uns so unheimlich zu sein wie die Grinsekatze aus "Alice im Wunderland". Unheimlich unheimlich sozusagen.

Und nun sitzt die Grinsekatze in Ringelsocken da und lächelt keck vom Cover dieses Bildbandes, der sie definieren soll und damit greifbarer machen könnte. Aus dem Vorwort von Seal erfahren wir, wann er sie zum ersten Mal sah (2003 in London), was sie trug (ein schwarzes Kleid und ein strahlendes Lächeln), was er dabei dachte ("Welchem Mann auch immer ihr Herz gehört, er ist ein verdammt glücklicher Kerl") und was er jetzt zu diesem Zeitpunkt fühlt: "Ich habe meine beste Freundin, das Mädchen meiner Träume, geheiratet: Heidi Klum." Das ist schön für ihn. Da freut man sich zunächst diffus mit, sucht dann aber instinktiv den Fehler im allzu perfekt scheinenden System. Klumheimlich natürlich.

Alles geht, alles glänzt

Im Interview, das der Fotograf mit seinem Model führte, ist wiederum zu lesen, dass Rankin die Heidi "unheimlich kreativ" findet und noch nie einen Menschen getroffen hat, der so viel Energie in ein Shooting steckt wie sie. Auf seine Frage, woher die Energie rühre, antwortet sie: "Ich schätze, manche Menschen haben einfach mehr Energie als andere." Das ist zweifelsohne richtig. Manche Sätze haben auch einfach mehr Inhalt als andere.

Der Pressetext zum Buch besagt, dass wir ihr "durch die Linse des Fotokünstlers, der Heidi Klum in jahrelanger Freundschaft verbunden ist", näherkommen. Zudem würden wir eine "Vielzahl faszinierender Antworten auf die Frage: 'Wie ist die Klum denn so?'" erhalten. Und natürlich will man es wissen! Wie sieht sie aus, was für eine Figur hat sie, wie viele Gesichter kann sie zeigen? Kurz gesagt: Alles geht, alles glänzt.

Heidi Klum kann vieles - und viele - darstellen: Mal verströmt sie die Unschuld der Brigitte Bardot, mal den ordinären Odeur von Madonna, mal die Klasse der Catherine Deneuve oder die Süße einer Claudia Schiffer. Und auch auf die interessanteste aller Fragen: "Wie ist die Klum denn so?" gibt es für den Betrachter eine Antwort, auch wenn sie kaum befriedigt: Die Klum kann so sein, wie man sie inszeniert. Sie stellt andere dar - und bleibt doch sie selbst. Wieder so ein Gegensatz: eigentlich bewundernswert, doch zugleich befremdlich wie ein Januskopf.

Abwechslungsreich sind die Bilder allein deswegen, weil Rankin sein Lieblingsmodel zu verschiedenen Zwecken fotografierte. Manches sind Werbebilder, andere wurden für Modestrecken produziert. Genaueres erfährt man jedoch nicht, denn Angaben zu den Aufnahmen sucht der Leser vergeblich. Hübsch anzusehen sind sie in jedem Fall: Klum posiert mit Schokolade übergossen für die Kamera, trägt ein durchsichtiges Tuch über dem Nichts wie einst Marilyn Monroe, leckt an ihrem Tattoo auf dem Unterarm, sie steht am Pool im Bikini-Höschen und High-Heels. Mal reckt sie den Hintern in die Kamera, mal den Busen. Hier steckt sie sich einen Finger ins Bustier, dort in den Slip und auf der nächsten Seite auch mal ein Eis in den Mund. Alles schon gesehen, alles schon gehabt, alles sehr attraktiv, alles Heidi.

Alles, aber nichts

Wir lernen: Die Klum kann man offenbar anziehen, ausziehen, anmalen, übergießen, hinlegen und hinsetzen. Über ihre Persönlichkeit sagt es natürlich kaum etwas aus - eigentlich gar nichts. Roger Willemsen mag es "hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung" nennen. Andere nennen es Model-Tätigkeit.

Dass sich Heidi Klum wiederum mit Fotograf Rankin so verbunden fühlt, mag auch daran liegen, dass er in seinem Stil genauso wenig festzulegen ist wie sie - was vielleicht auch den verschiedenen Auftraggebern geschuldet sein mag. Rankin macht von ihr puristische Porträts wie Richard Avedon, inszeniert sie auf einem Kontaktbogen, wie Albert Watson es einst mit einem Schimpansen tat. Fotos, die einen Achtziger-Jahre-Charme versprühen, erinnern an Guy Bourdin, Bilder mit viel nackter Haut an Bruce Weber, unscharfe Haare an Nick Knight. Von einer klaren stilistischen Linie fehlt jede Spur: Jedes Bild scheint an ein bereits bekanntes zu erinnern. So vereint Model und Fotograf zwar die Vielfältigkeit, etwas wirklich Neues oder Modernes schaffen sie zusammen jedoch nicht. Allerdings muss man Heidi zugutehalten: Eine Klum erkennt man immer wieder, einen Rankin nicht.

Am Ende können natürlich alle zufrieden sein: Die Heidi hat ein feines Buch, die Kritiker neues Futter für ihre Sticheleien und der Seal neue Bilder von seiner Frau. Probleme mit der Freizügigkeit seiner Angetrauten kennt er übrigens nicht. "Er hat nichts gegen ein schönes, sexy Foto", wie Heidi ihrem Gesprächspartner Rankin verrät. Friede, Freude, Fotobuch. Da können wir ja froh sein, unheimlich froh.


"Heidilicious by Rankin". Verlag TeNeues, 144 Seiten, 49,90

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