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29.10.2009
 

Verstehen Sie Haas?

Der letzte Schrei als Klingelton

Von Daniel Haas

Rangehen ist angesagt. Beim Handy-Verhalten der Kleinen muss ein Knigge herZur Großansicht
Corbis

Rangehen ist angesagt. Beim Handy-Verhalten der Kleinen muss ein Knigge her

Kinder fangen immer früher an. Mit den Drogen. Mit der Gewalt. Und mit den Handys. Ein Ratgeber der Stiftung Warentest will Eltern und ihren lieben Kleinen jetzt zu mehr Mobilfunk-Kompetenz verhelfen. Ein unerhört riskantes Projekt.

Kinder sind süß, Kinder sind eine Bereicherung. Bis sie selbständig ein Mobiltelefon bedienen können. Weil die Evolution keine Gnade kennt, wird das demnächst so um das zweite Lebensjahr herum stattfinden. Fernsehen gucken und nebenbei die Freundin anrufen: "Mal ehrlich, die Teletubbies warn aber auch schon besser, oder?"

Die Stiftung Warentest hat dem Trend entsprechend einen Ratgeber herausgebracht: "Kindheit 2.0 - So können Eltern Medienkompetenz vermitteln". Erste und oberste Regel: Haben die Kids erstmal ein eigenes Handy, dürfen Mutter oder Vater bei einem Anruf nicht weggedrückt werden.

Das ist natürlich unglaublich autoritär, eine richtige Zensuraktion im Dissidenten-fertig-mach-Stil à la Mao. Der große Vorsitzende ruft an: Strammstehen!

Vielleicht ist die Idee aber auch religiös fundiert: Wenn Dich höhere Instanzen rufen (Gott, Heiliger Geist), dann drückst Du die nicht einfach weg. Hat Jesus selbst ja auch nicht gemacht. Der hat nicht gesagt: "Sorry, Pops, aber ich hab hier grad ein paar knifflige Auslegungsfragen im Thora-Bereich am Start, da würd ich jetzt ungern weg, von wegen Jüngersammeln, Leidensweg, die Nummer. Meld dich doch später noch mal."

Angie klopft an

Oder, säkularer und gegenwärtiger: Angie und Guido klingeln den Rösler an. Thema: Gesundheit, Ministeramt, Karrieresprung. Kommen die dann in die Warteschleife? Natürlich nicht. Die neuen symbolischen Eltern der Nation, die würden dem Kleinen was husten: "Rösi, noch einmal Anklopffunktion und du kannst in Niedersachsen wieder Emissionsberichte lesen."

Der Nachwuchs soll sich zudem immer mit dem Namen melden und sich am Handy möglichst kurz fassen. Das ist allerdings unlogisch, gerade vor dem Hintergrund der Sarrazin-Debatte. Bei Kindern mit migrantischem Hintergrund sind Konflikte programmiert:

- Sergej Abramwotschiksch am Apparat.
- Wie bitte?
- Sergej Abramwotschiksch am Apparat, ich bin vier Jahre alt und soll mich kurz fassen. Mit wem spreche ich bitte?
- Abramwotschiksch mit sch in der Mitte?
- Ja, also, ich kann noch nicht schreiben, deshalb ist die Frage ein bisschen unfair. Außerdem läuft die Zeit, und meine Eltern werden echt sauer, wenn ich zu lange telefoniere.
- Abramwotschiksch, so wie Abraham ohne Zwischensilbe und das Wotschicksch wie im südukrainischen Wotschickschockolitz? Da war ich übrigens mal, ein ganz niedliches Städtchen.
- Ich bin nicht Google.
- Nun, ich glaube, wir haben da auf dem falschen Fuß angefangen, junger Freund. Sergej Abramwotschiksch, ja? Ich buchstabiere jetzt mal …

Ein weiterer wichtiger Punkt im Ratgeber: Wann wird das Handy ein- und wann ausgeschaltet? Nachts etwa, so die Empfehlung, sollte es nicht klingeln können. Jetzt frage ich mich: Wessen Handy, außer das von Notärzten und Bundeskanzlern, sollte denn überhaupt nachts klingeln?

Und wenn man sich schon darauf einlässt, ab wann sollte ein Handy nachts klingeln dürfen? Ab dem 5., ab dem 7., ab dem 16. Lebensjahr? "So, Rike, du bist jetzt 14, hattest deinen ersten Vollrausch, Petting und die erste Haarverlängerung. Ab jetzt darf dein Handy nachts klingeln!" Das ist doch absurd.

Unerhörte Klingeltöne

Auch für die Eltern gibt es Regeln, die Leute von Warentest sind da in beide Richtungen aufgeklärt und progressiv. Rufen Sie Ihr Kind nicht bei jeder Kleinigkeit an, denn so machen sie es unselbständig, lautet ein Tipp. Papi ist rückfällig, wir sind Bankrott, die Oma lässt sich das Gesicht umbauen - das sind News. Knöpf die Jacke zu, denk an die Haselnussallergie, lass das Popeln - eher nicht. Eltern dürfen hier - ähnlich wie Journalisten - die Zielgruppe nicht mit Überflüssigem belasten.

Wichtig ist folgende Empfehlung: Statt heimlich auf dem Handy gespeicherte Filme zu kontrollieren, sollten Sie mit Ihrem Kind darüber sprechen. Das stimmt: Auch wenn aus dem Mobiltelefon des Kleinen wildes Gestöhne oder markerschütternde Schreie tönen, ist ein nüchternes Gespräch alle Mal besser als stasimäßige Aktionen.

- Mutter: Sören, wat isn ditte?
- (Telefon): Aaaaarrrrgh, nein, meine Nase. Uaaargh!
- Sohn: Dit is nischt.
- Mutter: Dit is doch nich etwa son Snaff-Video, oder wat?
- (Telefon): Neineineineinein! Nicht die Finger! Aaaaarrrrrgh!!
- Sohn: Dit is nischt, hab ick jesacht.
- Vater: Dit is doch nur der Klingelton, Menschenskinder!
- Mutter: Dit isn Klingelton? Ick gloob et nich! Jut, dass wer drüber jeredet ham.
- (Telefon): Aaaaaaaaaaaaaah!

Ich plädiere für mehr Kontrolle. Und ein Handy-Verbot für unter 5-Jährige. Wenn die sich irgendwo melden wollen, sollen sie eine Mail schreiben. Wofür haben sie denn ihre Laptops.

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29.10.2009 von Klymer: tja

wenn die eltern halt ständig mit dem mobilknochen am ohr rumlaufen weil das ja wichtig ist (wichtiger als das kind am ende) will natürlich auch der nachwuchs schnellstmöglich ein handy. und es gibt ja mittlerweile spielzeughandys [...] mehr...

29.10.2009 von Diwoka1: what the fu..?

Geldnot? In Anlehnung an alte Punklieder: " Langeweile, nichts zu tun". mehr...

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