Samstag, 21. November 2009

Kultur



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01.11.2009
 

"Der Seewolf" im ZDF

Drückeberger statt Kartoffeldrücker

Von Daniel Haas

Chris Reardon / ZDF

Schön in die Flaute gesegelt: Nach ProSieben lässt nun auch das ZDF eine Version des legendären Meerdramas "Der Seewolf" vom Stapel. In der Hauptrolle des Haudegens Wolf Larsen: Sebastian Koch - die eleganteste Fehlbesetzung seit langem.

Was ist mit der Kartoffel?, fragt man sich natürlich sofort. Gibt es eine Kartoffelszene wie damals, 1971, in der "Seewolf"-Verfilmung von Wolfgang Staudte? Da hatte Raimund Harmstorf in der Rolle des Kapitäns Wolf Larsen einen rohen Erdapfel mit bloßer Hand zerquetscht. Ein kanonischer Moment des deutschen Fernsehens, und mindestens eine Generation von Zuschauern verrenkte sich danach bei der Übung die Finger.

Die Szene hat es in sich, buchstäblich. Die Kartoffel besteht aus Stärke; die Kartoffel zerdrücken heißt die Stärke zerstören. Das ist nicht nur assoziative Wortspielerei - in dem Motiv verdichtet sich genau das Seinsprinzip von Larsen, dem Seefahrer und Robbenjäger. Es geht für diesen Mann darum, zur Essenz des Lebens vorzudringen, den Kern der Existenz ausfindig zu machen. Was bewegt uns? Was treibt uns an? Und wie nutzt man diese Dynamik?

Der amerikanische Schriftsteller Jack London schuf mit Larsen eine Mischung aus Mephisto und Captain Ahab. Eigentlich ist diese Figur ein vulgärphilosophisches Prinzip. Sie vereint aristokratische und sozialdarwinistische Haltungen, räsoniert ausladend über das Sein und reduziert am Ende doch alles auf eine vollmundige Übermenschentheorie. Das Schwache muss vernichtet werden, Moral ist ein Korsett, Demokratie absurd, ein Missverständnis, in die Welt gesetzt von Memmen. Auf Larsens Schiff, der Ghost, gilt deshalb konsequent der gute alte Hobbes: Die Autorität, nicht die Moral, schafft das Gesetz.

Sebastian Koch, der Star dieser zweiten "Seewolf"-Verfilmung innerhalb eines Jahres (ProSieben scheiterte 2008 mit dem Stoff), hat womöglich ein bisschen zu viel gelesen über die ideologischen Prämissen des Romans. Er war bemüht, den Text in sein Spiel zu übersetzen, das heißt, psychologisch einen intellektuellen Haudrauf zu gestalten, der sich zwischen Reflexion und Hohn, Gedankenspiel und sadistischem Drang bewegt.

Das paradoxe Raubtier

Das ist löblich, geht am Buch aber vorbei. Denn Londons "Seewolf" ist, wie der Name bereits sagt, eine paradoxe Figur: ein Raubtier, das sich über die Elemente erheben kann, über die Sitten, über das Menschsein. Der alte Harmstorf, mit seinem Comic-haften Machismo, kam der Figur letztlich näher - insofern man einer Chiffre überhaupt nahe kommen kann.

Durch Kochs nuancierteres Spiel wird dieser Larsen zu einem zynischen Grübler, dessen Vitalität sich in ein paar unglaubwürdigen Prügeleien erschöpft. Man sieht immer irgendwie Klaus Mann oder Stauffenberg - beides frühere Rollen von Koch - übers Deck tapern. Der irre, nach außen gestülpte Nitzscheanismus, die sich an sich selbst berauschende Herrenmoral verpuffen.

Humphrey van Weyden, der Gelehrte, der von Larsen erst vorm Ertrinken gerettet und dann zur Fronarbeit auf der Ghost gezwungen wird, ist deshalb kein richtiger Widerpart. Die Idee des Romans ist, ihn vom Schreibtischtäter zum Tatmenschen umzuerziehen, und Darsteller Stephen Campbell Moore müht sich fürs ZDF auch redlich, seiner Figur in dieser Hinsicht Profil zu geben.

Nass und blass

Gegen die inkonsistente Dramaturgie kommt er aber nicht an. Denn die zielt eben nicht auf Gegensätze ab, nicht aufs dialektische Spiel von Positionen - Aktion versus Kontemplation, Evolution versus Moral -, sondern auf eine Reihe von Schattierungen desselben Prinzips, an deren Ende alles verblasst.

Denn so wie van Weyden nur eine Facette von Larsen darstellt, so ist Death Larsen nur eine Vergröberung seines Bruders Wolf. Tim Roth spielt diesen Dampfschiffkapitän, der die Schrecken der technischen Moderne verkörpern soll, als humpelnden Kauz mit Halloween-Narbe im Gesicht.

Wenigstens hat Roth - als Nemesis des Protagonisten - seinen Auftrag, depraviert zu sein, richtig ernst genommen. Seine Auftritte sind bühnenreif in dem Sinne, dass er die Szenerie nicht als naturalistische Kulisse, sondern als symbolischen Raum begreift. Da dürfen die Gesten ruhig schroffer, die Töne schärfer, die Blicke düsterer sein.

Roths Auftritte sind denn auch die wenigen Momente, in denen sich die Geschichte mit Spannung auflädt. Ansonsten Gesegle und Grimassieren, durchsetzt von Dialogen, die hölzerner sind als jede Schiffsplanke.

Ich drück dich - nicht

Und was ist mit der Liebe? Es gibt doch eine Frau in Londons Abenteuer! Stimmt, im Buch ist es eine protofeministische Heldin, die ihre Weiblichkeit im Spannungsfeld von Natur und Kultur erproben muss. Im Film ist es Neve Campbell, der Welt bekannt als schreiendes Teeniegirl in der Horrorklamotte "Scream".

Frau Campbell wird womöglich auch bei der Sichtung des "Seewolfs" geschrien haben. Man hat sie nämlich zu einer ungelenken Sprechpuppe degradiert, die sich nicht entwickeln, sondern nur Lippenbekenntnisse absondern darf.

Der "Seewolf" bewegt sich im Zweiten also über die Meere und treibt gleichzeitig - darstellerisch wie inszenatorisch (Regie: Mike Barker) - in der Flaute. Selbst die Kartoffelszene ist vermasselt: Man sieht nur den Koch, der das natürlich nicht hinkriegt mit dem Zerquetschen, und auf Larsen verweist. Der könne das!

Kann er nicht. Nicht dieser Seewolf.


"Der Seewolf", ZDF, Sonntag, 1., Mittwoch, 4. November, 20.15 Uhr

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