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09.11.2009
 

Mauerfall-Talk bei Anne Will

Deutsch, aber glücklich

Von Reinhard Mohr

Berlin, Brandenburger Tor, 9. November 1989: Mythischer Ort
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DPA

Berlin, Brandenburger Tor, 9. November 1989: Mythischer Ort

Zehntausende feiern das Wunder von Berlin - und was machen wir? Diskutieren in Talkshows über Ost- und West-Ungerechtigkeit und die Kosten der Einheit. Auch Anne Wills Mauerfall-Sendung geriet in Gefahr, im handelsüblichen Klein-Klein zu versanden. Doch zum Glück hatte ein Gast deutliche Worte parat.

Heute morgen, zu Beginn dieses großen Tages, fiel mir ein: Warum eigentlich hat sich Günter Wallraff, der als "Ali" ganz unten, bei "Bild" ganz oben und jüngst ganz schwarz war, noch nie als waschechter Ossi verkleidet? Warum also war er nie Fabrizio aus Elsterwerda mit Minipli, Schnauzer und "KiK"-Tüte - der von rassistischen Wessis diskriminierte "Bürger zweiter Klasse"? Jener Fabrizio aus dem Osten, dem man die Würde raubte, die Biografie und schließlich auch noch seine "Melancholie", wie die Autorin Jana Hensel in ihrem neuen Buch "Achtung Zone" raunt.

Ist also selbst Günter Wallraff, der Anwalt aller Entrechteten, ein Besserwessi, dem das Schicksal von Fabrizio egal ist? Oder gibt es "Fabrizio" alias Günter Wallraff schon - nur dass er in die Rolle von Uwe Steimle geschlüpft ist? So heißt jener schauspielernde und schlimm sächselnde Kabarettist, der als beleidigter Parade-Ossi zurzeit in jeder zweiten Mauerfall-Talkshow sitzt und Sätze drechselt, die so falsch sind, dass nicht einmal ihr Gegenteil wahr ist. Kurz: Will Wallraff alias Steimle West-Ressentiments gegen den Uwe aus dem Osten provozieren?

Wir wissen es nicht. Aber wie gut, dass es die Wirklichkeit gibt.

Jene Wirklichkeit, in der Zehntausende Touristen aus aller Welt, für die das Wunder vom 9. November 1989 in Berlin immer noch eine Weltsensation ist, rund ums Brandenburger Tor flanieren und den mythischen Ort suchen, wo sich vor genau 20 Jahren die Freiheit Bahn brach.

Wie verkrampft-freudlos, gedankenarm und sturzdeutsch viele Talkshows der letzten Wochen verliefen, verdeutlicht noch ein Erlebnis aus dem richtigen Leben: Als vor wenigen Tagen ein internationaler Journalistenpreis verliehen wurde, teilten sich die Moderation der Veranstaltung im Collegium Hungaricum, einen Steinwurf von Angela Merkels Wohnung entfernt, eine Polin und ein Russe. Wettbewerbssieger wurde ein junger Slowake, und die Laudatio hielt der polnische Botschafter, ein brillanter Mann: Marek Prawda, einst Aktivist der Solidarnosc. Alle sprachen ein staunenswert gutes Deutsch, und selten war das Glück einer europäischen Zukunft ohne Mauern und Grenzen derart greifbar.

"Wer noch nie beim Ostzahnarzt war, kann hier nicht mitreden!"

Aber natürlich sind wir in Deutschland am liebsten mit uns selbst beschäftigt, und da wird erstmal gründlich diskutiert. Und auch wenn wir schon 20 Jahre lang diskutiert haben, kommt immer noch jemand und sagt, wir müssten uns jetzt aber noch mal unsere ganz persönlichen Geschichten erzählen, unsere wechselseitigen Nöte und Befindlichkeiten, wenn' sein muss jahrelang.

"Deutschland einig Vaterland?" - so fragte am Vorabend des großen Jubiläums Anne Will ihre Gäste, und es dauerte diesmal immerhin drei Minuten, bis man wieder beim Geld war. Nicht nur bei den annähernd 1,5 Billionen Euro Transferleistungen für den Osten, sondern auch bei Löhnen und sozialer Sicherheit. Ein Wunder, dass der Mindestlohn für Gebäudereiniger und Hartz IV nicht zur Sprache kamen.

Es war allein den drei männlichen Gästen zu verdanken, dass das Gespräch über ein magisches Jahrhundertereignis nicht im handelsüblichen Kleinklein versandete - allen voran dem Regisseur Leander Haußmann ("Sonnenallee"), dessen Vater Edzard zu DDR-Zeiten zehn Jahre Auftrittsverbot als Schauspieler hatte, weil er einen Kranz vor der Prager Botschaft ablegte.

Immer wieder erregte sich Leander Haußmann im Verlauf der Sendung über das routiniert-geschichtsvergessene Gerede von Alice Schwarzer und Gesine Lötzsch, Bundestagsabgeordnete der "Linken", die bereits 1984, als in der Sowjetunion die SS-20-Atomraketen Europa bedrohten, in Erich Honeckers Friedenspartei SED eingetreten war. Mehrfach durchbrach er den politisch korrekten Talkshow-Comment und sagte Sätze, die man früher nur vom als reaktionär geltenden Gerhard Löwenthal im berüchtigten "ZDF-Magazin" hören konnte:

"Wer noch nie beim Ostzahnarzt war, kann hier nicht mitreden!"
"In der DDR gab es Sippenhaft wie bei den Nazis."
"Auf jedem Arbeitsplatz in der DDR saßen doch vier Leute."
"Die DDR war alles andere als harmlos: die Stasi hat Menschen ermordet."
"Stalin hat mehr Kommunisten umgebracht als Hitler".

Margot Honecker schließlich, die Witwe des großen Vorsitzenden Erich, die im sonnigen chilenischen Exil den nächsten Anlauf des Sozialismus abwartet und sich bis dahin über Wahlerfolge der "Linken" in Deutschland freut, nennt er eine "Faschistin" und "Verbrecherin", die "vor ein internationales Strafgericht gehört". Ihre eiserne "Blockwartmentalität", die sie bis in den letzten Schulhof durchgesetzt hat, sei im Osten auch heute noch präsent.

"Es geht doch um den Sinn des Lebens"

Angesichts dieser leidenschaftlichen Anfälle von Wahrheitsliebe blieb Joachim Gauck, Ex-Bürgerrechtler beim "Neuen Forum" und erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, und Klaus von Dohnanyi, einst sozialdemokratischer Bürgermeister in Hamburg und lange Jahre Aufbauhelfer in der Ex-DDR, nur die Rolle der mahnenden Weltvernunft. "Ich gehöre zu denen, die wirklich dankbar sind, dass die Wessis uns 1989 mit den Ossis nicht alleine gelassen haben", bekannte Gauck und erinnerte noch einmal an die historische Reihenfolge: Erst kam die Freiheit und dann die Einheit. Und was den "Mythos vom Sozialstaat DDR" betreffe: Auch in der sozialen Frage ziehe die Diktatur "in jedem Punkt" den Kürzeren gegenüber der Demokratie.

Auch Dohnanyi verwies ein ums andere Mal auf die wirklichen Verhältnisse vor 20 Jahren- vom katastrophalen Zustand der komplett ruinierten DDR-Planwirtschaft bis zum politisch-moralischen Bankrott des "real existierenden Sozialismus", der keine realistische Alternative mehr aus sich selbst heraus hervorbringen konnte und regelrecht implodierte.

"Tschüss DDR!" heißt ein Dokumentarfilm der "Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit", der bislang nur einem ausgewählten Publikum gezeigt wurde. Er beschreibt die bisher kaum bekannte Flucht von 6000 DDR-Bürgern über die polnische Grenze zur (west-)deutschen Botschaft in Warschau kurz vor dem Mauerfall. Wer ihn gesehen hat, braucht keine einzige Talkshow mehr, um Motivforschung und Untergangsanalyse zu betreiben.

"Es geht doch um den Sinn des Lebens", sagte Leander Haußmann. "Du musst doch am Ende sagen können, dass es nicht umsonst war."

Wie schön, dass wir wenigstens von einem Tag ganz sicher sagen können, dass er nicht umsonst war. Es war der 9. November 1989.

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