Von Ingeborg Wiensowski
Kunstmessen sind Kunstmessen sind Kunstmessen. Stand neben Stand, für jeden etwas, Teures und Erschwingliches, Exquisites und Durchschnittliches - egal ob in Berlin, London oder Paris.
Eine Ausnahme gibt es, nämlich die gerade zu Ende gegangene Artissima in Turin in der von Renzo Piano umgebauten ehemaligen Fiat-Fabrik Lingotto. Dank bezahlbarer Standmieten gab es eine gute Mischung von jungen Galerien und etablierten Ausstellern zu sehen, und in der Abteilung "Present Future" hatten die Kuratoren für 16 kleine, feine Einzelausstellungen von noch nicht bekannten Künstlern gesorgt.
Die Geschäfte liefen auf der Messe "zufriedenstellend". Doch weil Turin vor Jahren nach dem Niedergang von Fiat beschlossen hat, den Tourismus auch mit mehr Kultur zu stärken, unterstützt die Stadt die Messe mit moderaten Standmieten, lädt Sammler ein und zahlt auswärtigen Galeristen die Hotels. Und weil immer klar war, dass die Stadt mit der alten Kunst in Florenz, Venedig oder Rom nicht konkurrieren kann, hat Turin auf Zeitgenössisches gesetzt und seine Museen aufwendig ausgebaut und ausgestattet.
Vom Ägyptischen bis zum Zeitgenössischen Museum
Natürlich gibt es auch Häuser mit alter Kunst, das Ägyptische Museum zum Beispiel mitten in der barocken Stadt ist das zweitgrößte weltweit. Von Ausstellungshäusern mit vorgeschichtlichen Fundstücken geht es über den Gemäldesammlungen des Hauses Savoia bis zur der Pinacoteca mit der Sammlung vom 13. bis zum 18. Jahrhundert.
Etwas ganz besonders ist das Filmmuseum "Museo Nazionale del Cinema", das vor zehn Jahren in einer ehemaligen Synagoge, dem spätklassizistischen Zentralbau "Mole Antonelliana" eingerichtet wurde. Schon das Gebäude mit seiner Riesenkuppel ist filmreif, genau wie das wunderbar renovierte Castello di Rivoli, das seit 1984 Museum für zeitgenössische Kunst ist.
Carolyn Christov-Bakargiev, die neue Documenta-Chefin, hat es fünf Jahre lang kuratorisch geleitet und zeigt als letzte Schau vor ihrem Weggang gerade eine großartige Gianni-Colombo-Ausstellung (bis 10. Januar). Colombo (1937-1993), Bruder des Designers Joe Colombo, hat mit Licht und Kinetik gearbeitet, und im Museum sind seine Rauminstallationen zu sehen, die die Wahrnehmung des Betrachters spielerisch durcheinander bringen. In seinem begehbaren "Spazio Elastico", für den er 1968 auf der Venedig Biennale den Preis für den besten Künstler bekam, bewegen sich die im Raum gespannten fluoreszierenden elastischen Bänder unmerklich und sorgen für gehörige Desorientierung des eigenen Standpunkts.
Auch die Kollegen vom GAM, dem Museum für Moderne Kunst, haben das Prinzip der ermüdenden Sammlungsschauen aufgemischt. Jetzt hängt der Futurist Balla in Sichtweite neben Romantikern, ein Bild von de Chirico von 1950 neben einer Zeichnung plus Skulptur vom Futuristen Umberto Boccioni. Dazu ist "The Theatre of Performance" zu sehen (Bis 31. Januar) - frühe, befremdende Aktionen von Künstlern wie Abramovic, McCarthy und Ulay oder von Gilbert & George.
Privates Engagement in der zeitgenössischen Kunst
Naturgemäß fehlt gerade in Museen vieles, was heute eine Rolle spielt. Aber da hat Turin ein Bärenglück. Die Sammlerin Patrizia Sandretto Re Rebaudengo zum Beispiel hat ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst in eine Stiftung eingebracht, für die sie eine Ausstellungshalle in einem ehemaligen Arbeiter- und Industrieviertel gebaut hat. Nicht weit von ihrer Stiftung entfernt ist die Fondazione Merz des 2003 gestorbenen Turiner Arte-Povera-Künstlers Mario Merz zu besichtigen. Dort werden nicht nur Arbeiten von Merz, sondern auch Ausstellungen anderer Künstler wie Lawrence Weiner (noch bis zum 10. Januar) gezeigt.
Die Turiner Sammler und Künstler kümmern sich übrigens sehr um ihre Stadt. Vor einigen Jahren, als sie die kitschige schnöde Straßen-Weihnachtsbeleuchtung einfach nicht mehr sehen wollten, haben namhafte Künstler für Turin mit der "Luci d'Artista" ein neues Lichtkonzept entworfen. Und seitdem beleuchtet die zeitgenössische Kunst ab November jeden Jahres in über 20 Straßen und Plätzen auch noch den Weihnachtseinkaufsrummel.
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Leider wird Turin oft durch seine Lage übersehen, da die meisten Urlauber in Richtung Meer und gleich in den Süden fahren. Ich war letztes Jahr zum ersten Mal dort, und war beeindruckt, allein der Anflug ist traumhaft, da die [...] mehr...
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