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19.11.2009
 

Öffentlich-rechtliche Nachrichten

Wickert wettert gegen seine Nachfolger

Von Sebastian Hammelehle

Ulrich Wickert (hier 2008): Wo bleibt der Schlips?Zur Großansicht
DDP

Ulrich Wickert (hier 2008): Wo bleibt der Schlips?

"Schusselig" und "denkfaul": In einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" übt der frühere "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert scharfe Kritik an den Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Sein Urteil: "Es fehlt an einem Sinn für die Verbreitung wichtiger Inhalte."

Hamburg/Frankfurt am Main - Mit Werken wie "Das Buch der Tugenden" oder "Der Ehrliche ist der Dumme" mehrte er auch den Ruhm der "Tagesthemen", die sich mit einem intellektuell und weltgewandt auftretenden Gesellschaftskritiker als Anchorman schmücken konnten. Dass Ulrich Wickerts Thesen mitunter ein wenig holzschnittartig und allzu kulturpessimistisch ausfielen, spielte da keine Rolle.

Nun aber hat sich der langjährige Moderator der "Tagesthemen" mit seiner Kritik dem eigenen früheren Arbeitgeber zugewandt. Auch dort: Verfall, wohin er schaut.

Er habe sich als ehemaliger Nachrichtenmoderator lange zurückgehalten, schreibt Wickert in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung",weil er nicht wie ein Besserwisser mit erhobenem Zeigefinger wirken wolle. "Aber seit einiger Zeit rumort der Gedanke in mir, es ist viel schlimmer, und das gilt nicht nur für die Texte." Es fehle nicht nur an einem Sinn für die Verbreitung wichtiger, aktueller politischer Inhalte, sondern auch an Einordnung.

Substantive wie grobes Meersalz

Wickert warf den Autoren von "Tagesschau", "Tagesthemen", "heute" und "heute-journal" vor, häufig nicht einmal mehr den korrekten Satzbau zu beherrschen. "Häufig streuen sie Substantive wie grobes Meersalz zwischen kurze Sätze." Er frage sich, warum die Redaktionschefs diese sprachliche Verlotterung durchgehen lassen.

Auch klagt Wickert über allzu viele Floskeln: "Da 'stehen' immer noch 'Ovationen' obwohl ich niemanden kenne, der Beifall je hat stehen sehen. Es können nur diejenigen stehen, die Beifall klatschen. Wer so textet, ist nicht nur schusselig, sondern denkfaul."

Seine Kritik an der Sprache der Nachrichtensendungen ist allerdings nicht ganz neu: Schon Wolf Schneider, der langjährige Journalistenausbilder der Henri-Nannen-Schule tadelte regelmäßig das Deutsch der "Tagesschau" - und das zu einer Zeit, als Wickert selbst noch als Paris-Korrespondent für die Sendung arbeitete.

Mit besonderem, wie Frankophile zu sagen pflegen, dégoût betrachtet Wickert in seiner Suada die Berichterstattung über das neue Bundeskabinett und die Feierlichkeiten zum Mauerfalljubiläum: Weder "Tagesschau", noch "heute-journal" oder "Tagesthemen" haben das vollständige Kabinett vorgestellt! Und der Auftritt Angela Merkels am Nachmittag des 9. November wurde nicht live übertragen!

Sollte sich Wickert diesbezüglich einmal bei Ostdeutschen umhören, könnte er erfahren: Vor 1989 war das eindeutig anders. Nur hießen die Nachrichten damals noch "Aktuelle Kamera".

Der 66-Jährige warf den Verantwortlichen zudem einen zu starken Hang zur Unterhaltung vor. "Den Machern scheint das Bewusstsein für ihren öffentlich-rechtlichen Auftrag, für eine Grundversorgung politischer Information zu sorgen, abhanden gekommen zu sein." Und weiter: "Es fehlt offenbar an einem Verständnis für die politische Grundversorgung".

Wickert griff auch Moderatoren persönlich an. So habe ARD-Mann Frank Plasberg beim Duell vor der Bundestagswahl zwischen Merkel und ihrem damaligen Herausforderer Frank-Walter Steinmeier "wohl bewusst" ohne Krawatte moderiert. Dies zeige mangelnden Respekt gegenüber der Kanzlerin und ihrem damaligen Außenminister - meint Wickert, selbst "Krawattenmann des Jahres 2005."

Man könnte ihn an einen Satz seines Vorgängers Hanns Joachim Friedrichs erinnern: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht, auch nicht mit einer guten Sache" - nicht einmal mit der Sache der Krawatte.

Eine geruhsame Nacht!

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