Von Nora Reinhardt
Sehen Sie, staunen Sie, treten Sie näher. Der Mann mit dem Vogelkopf, Miss Crassé, das Tigermädchen, Prinzessin Kolibri, die kleinste Dame der Welt, der lange Josef, der größte Soldat der preußischen Armee, Lionel, der Löwenmensch, der kleinste Matrose vom großen Ozean - so plapperten die Besitzer der Kuriositätenkabinette und priesen ihre Schaubuden-Freaks auf den Jahrmärkten Ende des 19. Jahrhunderts an.
Das Spektrum war enorm. Und die Illusion spielte auch keine unwesentliche Rolle. Wie bei der "Frau ohne Unterleib" oder der "Enthauptung einer lebendigen Person mit der Guillotine" beim Jahrmarkt-Theater Schichtl, das es bis heute auf dem Oktoberfest in München gibt.
Die schöne nackte Tänzerin
Auf der Theresienwiese, auf der beim Oktoberfest vor zwei Monaten noch ein Kuriositätenkabinett erwachsener Alkoholleichen, die Dirndl-Revue unbekannter Moderatorinnen und die Show besoffener Bundesliga-Stars zu bestaunen war, zeigen sich nun im Grand Chapiteau, dem großen Zirkuszelt, folgende Freaks: Siamesische Tänzerinnen im roten Abendkleid, die blutende Frau, die schöne nackte Tänzerin mit den längsten Haaren der Welt, die Frau mit drei Herzen, Kleinwüchsige in Ringelhemden und eine Riesenmarionette mit sechs Armen. Mit diesen seltsamen Geschöpfen wartet die englische Band "The Tiger Lillies" auf - bei der Deutschlandpremiere ihrer "Freakshow".
Die Band ist bekannt dafür, dass sie stets mehr bietet als die pure Musik: irgendetwas zwischen Konzert und Theater. In der "Freakshow" zum Beispiel trägt der Sänger Martyn Jacques weiße Theaterschminke und einen riesigen aufgeschminkten schwarzen Mund.
Er singt viel zu hoch und spielt ein Akkordeon mit grünen Tasten. Und auch Adrian Stout am Kontrabass und Adrian Huge am Schlagzeug sind für ihre Outfits berüchtigt. Noch berüchtigter allerdings sind ihre freundlich-melodischen Songs, deren hinterhältige und fiese Texte schon mal für Ärger sorgen. Das Lied "Sheep" etwa führte in Moskau 2001 zu einem Eklat: Die Bandmitglieder wurden in der russischen Presse als "Satanisten" beschimpft, weil es im Text um intensiven Sex mit Schafen geht.
Der Mann mit dem blutenden Herzen
Nach ihrem schaurigen "Sieben Todsünden"-Kabarett inklusive süßlicher Moritaten, Vaudeville-Charme, dämonischem Lachen von Martyn Jacques und Kasperletheater auf der Bühne hat der Theaterregisseur Sebastiano Toma nun die poetische "The Tiger Lillies Freakshow" inszeniert, die die Band begleitet.
In der Inszenierung geht es dieses Mal nicht um Todsünden, sondern laut Regisseur Toma um viel melancholischere Fragen: "Reichen sechs Arme aus, um einen Menschen zu trösten?" Oder auch "Wie viele Herzen muss eine Frau haben, um all ihr Schicksal zu ertragen?" Es ist ein heiteres Wahrnehmungsspiel mit körperlichen und seelischen Defekten. Die Botschaft soll sein: Was unter der Haut, im Kopf und im Herzen für Makel und Fehler schlummern, kann das Gegenüber oft noch mehr ins Staunen und Raunen versetzen als ein drittes Bein.
Sehen Sie, staunen Sie, treten Sie näher! Der somnambule Workaholic, die Frau mit dem lautesten Tinnitus der Stadt, der Mann mit dem blutenden Herzen! Tatarata! Und Tusch.
The Tiger Lillies Freakshow. 26. bis 30. November, jeweils um 19.30 Uhr, im Grand Chapiteau auf dem Tollwood-Gelände auf der Theresienwiese in München, Tel. 0700/38 38 50 24.
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