Von Anke Dürr
Der Prenzlauer Berg ist ein Ghetto. Nicht die Sorte Ghetto, um die es in Elvis' Song geht, sondern ein selbstgewähltes. Das Klischee ist oft beschrieben worden: Junge, gebildete Menschen aus allen Provinzen der Republik versammeln sich hier. Sie machen "was mit Medien" und kennen nur eine Angst: spießig zu werden, sobald sie eine Familie gegründet haben (was sie alle tun). Deshalb muss alles, was man aus der eigenen, oftmals ganz schön spießigen, aber auch heilen Kindheit übernimmt, umgedeutet werden zum Trend. Dann ist die Sehnsucht nach der heilen Welt wieder okay.
Nur der früher so selbstverständliche Kirchenbesuch an Weihnachten hat es offenbar nicht geschafft, in den Kanon dieser alten neuen Verhaltensweisen aufgenommen zu werden. Vielleicht ist die Performance in den Kindergottesdiensten auch einfach zu schlecht. Für alle, die trotzdem nicht auf die Weihnachtsgeschichte und die dazugehörigen Lieder verzichten wollen (natürlich nur der Kinder wegen), hat das Ballhaus Ost das passende Angebot: Dort wird am 24.12. "Das Krippenspiel" gegeben, mit dem Untertitel "Wie man Wärme teilen kann". Und alles ist ganz ernst gemeint. "Es geht nicht darum, das Ganze in irgendeiner Form ironisch oder verkunstet zu präsentieren", sagt der Dramaturg Daniel Schrader, 29. "Es geht um Themen wie Familie und Heimat. Gerade hier in Prenzlauer Berg, der multiadaptierbaren Heimat für Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gegenden kommen."
Alles ganz klassisch - mit einer Ausnahme
Um 11 Uhr, 13 Uhr, 15 Uhr und 16 Uhr kann sich also jeder, der vorbeikommt, eine gute halbe Stunde die volle Weihnachtsdröhnung geben - ganz umsonst, ohne Reservierung, ohne Voranmeldung, wie in der Kirche. Leute aus dem Ballhaus Ost-Team - nicht nur, aber auch professionelle Schauspieler - spielen die ganze schöne Geschichte, von Josefs vergeblichem Anklopfen bei jedem Wirt bis zur Ankunft der drei Könige im Stall. Und zumindest in der ersten Vorstellung soll sogar das Jesuskind von einem echten Nachwuchsdarsteller gemimt werden. (Auch wenn er nicht Jesus heißt: Die Chancen, dass er zumindest einen biblischen Vornamen trägt, stehen in Prenzlauer Berg nicht schlecht.) Außerdem gibt es ein richtiges Bühnenbild, ein Fragment aus einer anderen Ballhaus-Produktion.
"Alles ist bewusst einfach gehalten", sagt Schrader. "Wir haben auch gar nicht den Anspruch wie sonst im Theater, etwas zu interpretieren oder zu aktualisieren, sondern es ist eine ganz naive Abbildung davon, was in der Weihnachtsgeschichte drinsteht."
Zwischen den Szenen werden Weihnachtslieder gesungen. Auch hier geht es klassisch zu - mit einer Ausnahme: Am Schluss heißt es nicht "Oh, du fröhliche", sondern "As the snow flies, on a cold and grey Chicago morning, a poor little baby child ist born - in the ghetto".
Das Krippenspiel. Am 24.12. im Ballhaus Ost, Berlin.
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