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22.12.2009
 

Ich will! Ich will! Ich will!

Das konsumistische Manifest

Von Tobias Becker

Shoppen, Shoppen, Shoppen! Gegen den Klimawandel und gegen die WirtschaftskriseZur Großansicht
Pixelgarten

Shoppen, Shoppen, Shoppen! Gegen den Klimawandel und gegen die Wirtschaftskrise

Konsumkritiker sind anscheinend die ersten, die durch die Finanzkrise arbeitslos geworden sind: Einkaufen gilt plötzlich als erste Bürgerpflicht. Wer richtig shoppt, rettet Wirtschaft und Umwelt, heißt es. Was für ein Irrsinn!

Sind wir eigentlich alle ein bisschen Bluna? Plemplem? Kirre? Da erstickt unsere Umwelt am Konsummüll und unsere Wirtschaft am Konsum auf Pump. Und was ist unser Rezept dagegen? Shopping.

Konsumkritiker sind offenbar die Ersten, die die Finanzkrise arbeitslos gemacht hat. Allzu viele gab es ohnehin nicht mehr, nach dem neogrünen Megatrend der vergangenen Jahre: der lustbetonten Konsumstrategie der sogenannten Lohas, biobewegten Anhängern des Lifestyle of Health and Sustainability. Und so hat die Konsumgesellschaft ihre Kritiker gefressen.

Knauserig hat die Krise die Deutschen bislang nicht gemacht: Die Sparneigung stagniert, der Umsatz des Einzelhandels schrumpft dieses Jahr voraussichtlich nur um zwei Prozent, extrem wenig angesichts zweistelliger Umsatzeinbrüche in anderen Branchen. Das liegt natürlich am Arbeitsmarkt, der noch recht stabil ist, und an der niedrigen Inflation. Aber auch daran, dass Geldausgeben gefühlte Bürgerpflicht ist: Shoppen gegen den Klimawandel und nun auch gegen die Wirtschaftskrise - zusammen ist das eine Sinnstiftung sondergleichen, so widersinnig sie auch ist.

Mit der umweltschädlichen Abwrackprämie, offiziell Umweltprämie genannt, hat die Große Koalition die Bürger sogar fürs Konsumieren bezahlt. Verzicht ist nicht en vogue dieses Jahr, das zeigt auch der Wahlsieg des schwarz-gelben Verschwendungsprogramms. Ein Wortmonster, das Wachstumsbeschleunigungsgesetz, verspricht den Bürgern nun erneut milliardenschwere Geldgeschenke, und so hofft der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels, dass wir kräftig in Weihnachtsgeschenke investieren, nur eineinhalb Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Eine Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young prognostiziert gar ein leicht steigendes Geschenke-Budget.

Wohlstand auf Pump

Die Logik dahinter: Mehr Schulden sollen für mehr Konsum sorgen, mehr Konsum für mehr Wachstum, mehr Wachstum für mehr Wohlstand. Bloß: Es ist ein Wohlstand auf Pump; er gehorcht ebenjener Logik, die uns die Wirtschaftsmisere eingebrockt hat. Einem konsumistischen Manifest.

Der Soziologe Lord Ralf Dahrendorf hatte das erkannt und noch kurz vor seinem Tod im Juni dazu geraten, wir müssten wieder sparen, statt immer alle Bedürfnisse sofort auf Pump zu befriedigen. Auch Bundespräsident Horst Köhler rief zum Maßhalten auf, ebenso der Philosoph Richard David Precht, der die ökologischen Probleme noch größer einschätzt als die ökonomischen: "Daher ist ein Nullwachstum geradezu gefordert." Es sei obszön, "noch reicher werden zu wollen, als wir bereits sind".

Doch gut ist uns nach wie vor nicht gut genug. Weil wir es uns wert sind. Wir sind doch nicht blöd.

Viel Freude am Konsum haben vor allem die Lohas. Vielleicht, weil sie noch mehr Argumente dafür haben als nur schnödes Wachstum: Mit Shopping wollen sie die Welt verbessern. Sie kaufen Biolebensmittel, Naturkosmetik und Ethik-Mode - und setzen darauf, mit ihrer Nachfrage den Markt zu verändern. Hin zu mehr Ökologie. Und mehr sozialer Gerechtigkeit. Der Kunde, so denken sie, ist nun endlich wirklich König, und dieser König regiert die Welt. In einer Konsumokratie.

Ego statt Öko

Und so wächst der Biomarkt in der Wirtschaftskrise zwar viel langsamer als in den vergangenen Jahren, aber er wächst, und auch fair gehandelte Waren werden 2009 einen Umsatzrekord erzielen; der Verein TransFair erwartet einen deutlichen Anstieg.

Medien und Politik haben den Trend wohlwollend begleitet, auch wenn die Lohas nicht frei sind von Widersprüchen: Sie sind Hedonisten, aber sie lieben die Aura des Nichtkommerziellen; sie konsumieren gegen den Konsumismus. Zudem verheddern sie sich bisweilen in den Fallstricken der unfairen und unökologischen Weltwirtschaft, etwa indem sie auf Greenwashing reinfallen, unternehmerisches Umweltengagement aus PR-Interesse. Es ist gar nicht so einfach, korrekt zu konsumieren.

Hin und wieder hat ein Spielverderber auf die Probleme hingewiesen, aber selten so bissig wie die ehemalige "Neon"-Redakteurin Kathrin Hartmann, 37, in einem neuen Buch: der Streitschrift "Ende der Märchenstunde". Die neue Ökowelle, schreibt sie, sei keine politische Bewegung, sondern "eine Auffrischung des Konsumgedankens", ein "Befindlichkeitsumweltschutz, der nicht weh tut oder gar einschränkt, der nicht nach allgemeingültigen Lösungen sucht, sondern individuelle Erlösung verspricht": Ego statt Öko, "Wellness fürs Gewissen" statt gesellschaftlicher Debatten.

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