Eckhard Fuhr hat sich verliebt in das Buch "Schöne Schweine" von Andy Case und Andrew Perris, in dem die Schweine glamourös wie Pin-Up-Girls auf blauem Samt präsentiert werden. Über das Tamworth-Schwein zitiert er folgende Passage: "Das goldrote Tamworth sieht umwerfend aus, wenn es in der Sonne steht. Es ist ein lebhaftes Schwein mit langen Beinen, das wie ein Rennpferd laufen kann. Sein Rüssel ist lang wie eine Pflugschar, zu Beginn seiner langen Geschichte war es als Wald-Schwein bekannt. Es hat guten Speck, wenn es sorgfältig gefüttert wird, obwohl es keinen großen Rückenmuskel besitzt. Ein wunderbares Freilandschwein, aber nichts für Neulinge".
Weitere Artikel: Rainer Haubrich ist ensetzt über die Fantasielosigkeit, mit der Architekten auf die Forderung der Berliner Baudirektorin Regula Lüscher reagierten, Visionen für das zugige Areal zwischen der kommenden Schlossattrappe und dem Alexanderplatz zu errichten, wo sich einst die Berliner Altstadt befand. Marko Martin glossiert die neueste Protestform im Iran: Männer zeigen sich auf ihren Facebookseiten im Tschador. Kai Luehrs-Kaiser beobachtet in den krisengebeutelten Kommunen zwar Kulturkürzungen, aber noch keine "blinde Streichungswut" - für Kultur werden in Deutschland jährlich etwa acht Milliarden Euro ausgegeben, also so viel wie für die öffentlich-rechtlichen Sender.
Besprochen wird die Ausstellung "Jean-Antoine Houdon - Die sinnliche Skulptur" in Frankfurt.
Der Schweizer Blogger Ronnie Grob macht den Deutschen in Carta Mut zu mehr Demokratie: "Das Internet bietet der direkten Demokratie hervorragende Möglichkeiten. Würde die E-Petition tatsächlich zu einer Volksabstimmung führen (ohne Quorum und mit einer daraus folgenden Änderung der Gesetze), wäre sie ein großartiges Instrument, das die bisherigen Möglichkeiten der Schweizer gleich mal überholen würde. Dort müssen nämlich die für eine Volksinitiative erforderlichen 100.000 Unterschriften noch immer auf Papier abgegeben werden, was nicht unerhebliche Kosten nach sich zieht."
In der Reihe "Depressing Christmas Songs" präsentiert The Daily Dish heute Judy Garland mit "After the Holidays":
Gerade hat Deutschland beschlossen, 60 Millionen Euro in die Renovierung des ehemaligen Lagers Auschwitz zu stecken. Henryk Broder zitiert in der Achse des Guten dazu den NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers: "Wer das Morgen menschlich machen möchte, muss um das Unmenschliche im Gestern wissen." Und kommentiert: "Die Sorge um das 'Unmenschliche im Gestern' geht so weit, dass Auschwitz inzwischen mehrmals runderneuert wurde. Es gibt praktisch kein Teil mehr, das nicht ausgetauscht wurde. Auch der Stacheldraht ist 'Made in Poland', das Original längst korrodiert. Vermutlich wurde in den Erhalt des NS-Themenparks neben der Kleinstadt Oswiecim mehr Geld investiert als der Bau des Lagers ursprünglich gekostet hat. Derweil vegetieren in Polen noch einige Tausend ehemalige Zwangsarbeiter in erbärmlichen Verhältnissen, die durch alle 'Entschädigungsregelungen' gefallen sind und für die sich keiner zuständig fühlt. Weder die polnische noch die deutsche Regierung und auch nicht die Vertreter der jüdischen Organisationen, die bei jeder Holo-Gedenkfeier in der ersten Reihe sitzen."
(via BoingBoing) Die Electronic Frontier Foundation hat das Kleingedruckte populärer E-Book-Verkäufer untersucht und "An E-Book Buyer's Guide to Privacy" erstellt, der kurz und knapp erklärt, welche Informationen man "freiwillig" beim Kauf eines E-Books weitergibt. Sehr nützlich.
Klaus Walther trauert auch noch zehn Jahre nach dem Tod von Curtis Mayfield um den "guten Menschen" des Souls: "Soul-Leute, die heute im Namen von Gleichberechtigung und Integration den Mund aufmachen, marginalisieren sich selbst: Nostalgiker, Sozialromantiker. Message Soul ist Nischenmusik, ein kleines Fach beim Plattenhändler Ihres Vertrauens. In den Charts der wirklichen Welt dominiert der Soundtrack des digitalen und so gar nicht rheinischen Kapitalismus. Ein sexualisierter, warenfetischistischer R & B/HipHop, der den verfassungsmäßig garantierten pursuit of happiness längst wieder zur Privatsache gemacht hat: ver-ent-gesellschaftet. Die Aufstiegsoptionen für schwarze Amerikaner sind wieder die alten: Sport, Entertainment, Gangster-Ökonomie."
Richtig zuhause hat sich Dietrich Kuhlbrodt in Fatih Akins "Soul Kitchen" gefühlt: "Was hält die Gäste zusammen? Hartz IV? Migration? Wir hören die Antwort. Ein Crossover von Soul, Funk und Rembetiko. 'La Paloma' auf Spanisch findet ihren Platz. Hans Albers wird nicht die Tür gewiesen. Daueranwesend ist die Musik, und die ist schiere, schöne Gegenwart."
Besprochen werden außerdem Jane Campions Film "Bright Star" und Kevin Tancharoens "Fame"-Remake.
Auf der Meinungsseite prangert der Autor William Totok die ungebrochene Macht früherer Securitate-Offiziere in Rumänien an: "Zwanzig Jahre nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur haben sie sich eine komfortable Existenz geschaffen. Sie sind die eigentlichen Gewinner der Revolution, für die Verlierer haben sie nur ein zynisches Lächeln übrig."
Und hier Tom.
Für die Medienseite versucht Michael Marek der amerikanischen Reporterlegende Seymour Hersh etwas über seine Arbeitsweise zu entlocken. "Ein großer Teil seiner Arbeit spielt sich außerhalb der regulären Bürostunden oder an Wochenenden ab, bei den Informanten zu Hause, in Hotels oder in entlegenen Städten. Weit weg von Washington, 'auf neutralem Boden', sagt Hersh. Bis heute ist er ein Einzelgänger geblieben, der allen misstraut: 'Ich mag es nicht, wenn mich Leute aus dem Regierungsapparat oder vom Geheimdienst anrufen, um mir scheinbar Neuigkeiten zu stecken. Die können mich hereinlegen.' Die meisten seiner Quellen kommen aus der mittleren Führungsebene."
Im Feuilleton identifiziert Joachim Güntner die Bücher aus der DDR-Verlagsproduktion, die keiner mehr haben wollte, als "Opfer der Wende" und beklagt ihre millionenfache Entsorgung vor zwanzig Jahren als einen "Akt der Massenvernichtung". Besprochen werden Christoph Marthalers Inszenierung von Offenbachs Operette "Die Großherzogin" in Basel, die Schau des Architekten David Chipperfield im Londoner Designmuseum, eine Design-Ausstellung im römischen Museo dell'Ara Pacis, Yiyun Lis Roman "Die Sterblichen", German Sadulajews Klagegesang "Ich bin Tschetschene" und Alma Guillermoprietos Erinnerungen "Havanna im Spiegel".
Ulrich Beck skizziert in einem Vortrag zur Tagung "Rückkehr der Gesellschaftstheorie" das Thema einer Neuen Kritischen Theorie, die "eine ökologische und soziale Zivilisierung des Kapitalismus jenseits der alten Nationalstaaten und diesseits des Weltstaats" ermöglichen will.
Besprochen werden Stefan Puchers Inszenierung von Shakespeares "Antonius und Cleopatra" in Wien, Christoph Marthalers Inszenierung der Offenbach-Operette "Die Großherzogin von Gerolstein" in Basel, die ersten Bände der neuen Ror-Wolf-
Werkausgabe und eine Kulturgeschichte der Körperteile (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Das kunterbunte, multimediale Charity-Weihnachtsfeuilleton der Zeit haben Christoph Schlingensief und seine Freunde besorgt. Sie sind frisch aus Burkina Faso zurück, wo sie von der Regierung ein fünf Hektar großes Areal bekommen haben, um dort das erste afrikanische Festspielhaus in Remdoogo
zu bauen. Froh also verkündet Schlingensief: "Die Weihnachtszeit ist für mich in diesem Jahr wirklich eine fröhliche Zeit, zumal auch meine Medikamente gerade prächtig wirken und die Metastasen im verbliebenen rechten Lungenflügel zum Verschwinden gebracht haben."
Der Bühnenbildner Thomas Goerge beschreibt die Örtlichkeiten so: "Die Savanne beginnt. Esel, Ziegen, Zeburinder kreuzen die Straße. Ein Hund wird überfahren. Ein Radfahrer packt den beigegrauen Kurzhaarmischling auf seinen Gepäckträger. Ich denke: 'Wie ordentlich, dort werden die Kadaver gleich beseitigt, nicht wie bei uns, wo man den Verwesungsprozess einer auf der Straße klebenden Katze genau beobachten kann.' Großes Gelächter: 'Hundesuppe, heute gibt es Hundesuppe.'"
Und die Diplominformatikerin Veye Tatah erklärt, warum sie unsere Entwicklungshilfe gar nicht will: "Die Weltgemeinschaft ist aufgerufen, den rücksichtslosen Politikern das Handwerk zu lesen! Man darf keine Gelder mehr blind an korrupte Regierungen überweisen und muss den Eliten Reiseverbote verpassen!" Außerdem erzählt der Architekt Francis Kere von den Planungen des Operndorfs Remdoogo. Bundespräsident Horst Köhler erklärt, was wir von Afrika lernen können. Henning Mankell erzählt eine Weihnachtsgeschichte aus Mosambik. Johannes Hoff outet den Heiligen Augustinus als Berber aus dem numidischen Tagaste.
In Zeit online
erklärt Jens Ihlenfeld ausführlich, wozu das neue Google Wave gut ist (der Artikel wurde von golem.de übernommen).
Karen Krüger hat sich in Istanbul auf die Suche nach der religi
ösen Toleranz begeben, die im osmanischen Reich noch galt. Viel ist, wie sie feststellt, nicht mehr übrig: "Die Synagoge, die griechisch-orthodoxe Kirche und die Moschee, die Sultan Abdülhamid II. auf dem Gelände errichten ließ, existieren bis heute: drei kompakte Kuppelbauten, kein Kirchturm, nur ein Minarett... Die armenische und die katholische Kirche hingegen wurden in Nutzräume umgewandelt - mit der steigenden Anzahl muslimischer Bewohner lohnte sich deren Betrieb nicht mehr. Das Ideal der religiösen Gleichberechtigung war mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches und mit der Geburt der türkischen Republik gestorben. Viele Christen und Juden wurden aus Istanbul vertrieben, viele Armenier umgebracht. Heute ist es in der Türkei fast unmöglich, die Erlaubnis zum Bau einer neuen Kirche oder Synagoge zu bekommen."
Weitere Artikel: Paul Ingendaay kommentiert die Einstellung der Suche nach den sterblichen Überresten des Dichters Federico Garcia Lorca in Spanien. In der Glosse erl
äutert Dirk Schümer die speziell italienische Verschwörungswissenschaft der Dietrologia (d.i. des "Dahinterismus"). Stephan Sahm fragt, wie sich die anstehende Gesundheitsreform zu den Grundwerten der USA verhält. Andreas Kilb referiert die nun vorgestellten genauen Pläne für den Umbau der Berliner Staatsoper Unter den Linden.
Besprochen werden ein Konzert von Funny van Dannen in Fulda, Christoph Marthalers Inszenierung von Jacqes Offenbachs Operette "Die Großherzogin" in Basel, Stephan Puchers Burgtheater-Inszenierung von Shakespeares "Antonius und Cleopatra", Claus Peymanns Inszenierung von Carlo Goldonis "Trilogie der schönen Ferienzeit" am Berliner Ensemble; die "Gottesfurcht und Leidenschaft" betitelte Ausstellung des Albani-Psalter im Dom-Museum Hildesheim, und Bücher, darunter Peter Langmans Studie "Amok im Kopf" (mehr dazu in der B
ücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Während in den USA Autoren wie Tim O'Reilly (Homepage) das Internet als kulturelle Errungenschaft verstehen, die es zum Beispiel gegen Monopolisierungstendenzen zu verteidigen gilt, obwiegt in Deutschland ein platter Kulturpessimismus, klagt Dirk von Gehlen: "Hier führen Bewahrer das Wort, die sich lieber mit der eigenen Überforderung befassen (oder dieser widersprechen) als die politische Dimension der Digitalisierung zu thematisieren: Wo wird in breiter Öffentlichkeit die Frage diskutiert, wie die digitale Zukunft aussehen soll, in die wir unbestreitbar gehen? Wo sind die bürgerlichen Stimmen, die sich für Grundrechte und Freiheiten auch im digitalen Raum einsetzen - auch gegen die wirtschaftlichen Interessen einiger globaler Akteure? Wer entwirft Modelle für die vom Internet bestimmte Welt von morgen, in der dieses nicht einzig von wenigen Wirtschaftsunternehmen und deren Interessen bestimmt wird?"
Alex Rühle berichtet, dass der chinesische Dissident Liu Xiaobo, Autor der Charta 08, in den aufmerksamkeitsschwachen Tagen vor Weihnachten zu möglicherweise 15 Jahren Gefängnis verurteilt werden soll (beim Pen American Center kann man eine Eingabe an die chinesische Regierung unterzeichnen).
Weitere Artikel: Tobias Kniebe schreibt zum frühen Tod der Schauspielerin Brittany Murphy. Stephan Speicher begutachtet den Entwurf des Architekten HG Merz für den neuen Zuschauersaal der Berliner Staatsoper, der aber möglichst genauso aussehen soll wie der alte. Jonathan Fischer porträtiert die deutsch-türkische DJane und Aktivistin der türkischen Schwulen- und Lesbenszene DJ Ipek. Paul-Philipp Hanske beobachtet, dass die Regierungen unter Merkel systematisch das Kinderkriegen nur bei bessergestellten Schichten förderte ("Das Unangenehme an der praktizierten Biopolitik ist .., dass sie das zynische Komplement der Tatsache ist, dass in kaum einem anderen Land sozialer Aufstieg so schwierig ist wie in Deutschland").
Besprochen werden die Ausstellung "Von Rodin bis Giacometti" in Karlsruhe, Thomas Bernhards "Ritter Dene Voss" in der Regie Antoine Uitdehaags am Münchner Cuvilliestheater, Theresia Walsers Komödie "Herrenbestatter" in Mannheim und Bücher, darunter Jens Rosteks Biografie über Hans Werner Henze (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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