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05.01.2010
 

Bildhauer Georg Kolbe

Wilde Welten in der Einsiedler-Klause

Von Ingeborg Wiensowski

Bildhauer Georg Kolbe: Einsiedler-Klause mit kräftigen Figuren
Fotos
Georg-Kolbe-Stiftung

Wollen Sie mal einen echten Berlin-Geheimtipp? Dann gehen Sie in das Georg-Kolbe-Haus in Berlin. Das ehemalige Atelier und Wohnhaus des Bildhauers ist nicht nur als Museum interessant, sondern auch eine architektonische Perle.

Schlösser, Häuser und Ateliers, deren Interieurs vom Leben ihrer ehemaligen Bewohner erzählen, sind beliebt bei Besuchern, und sie sind selten ein Geheimtipp. Trotzdem gibt es noch Häuser, die man besichtigen kann und die nicht jeder kennt - sogar in der Hauptstadt. Das kleine Georg-Kolbe-Museum zum Beispiel, untergebracht im ehemaligen Atelier und Wohnhaus des erfolgreichsten deutschen Bildhauers in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Gut möglich, dass es manchem zu dezentral liegt. Dabei gehört die Adresse Sensburger Allee 25/26 noch zu Charlottenburg, und obendrein beweisen Woche für Woche jede Menge Fußballfans, wie leicht man das benachbarte Olympiastadion erreichen kann. Auch Architektur-Begeisterte schreckt die Anfahrt zum Corbusier-Haus kaum, von dem aus man das Georg-Kolbe-Museum sehen kann - jedenfalls von einem der höheren Stockwerke aus. Für sie würde sich der Trip ins Westend Berlins sogar erst richtig lohnen, wenn sie den Corbusier-Besuch um einen Abstecher ins Georg-Kolbe-Museum erweitern würden, denn das Haus des Bildhauers ist nicht nur als Museum interessant, sondern auch architektonisch.

Wunderbar hebt sich das strenge, verschlossen wirkende Ensemble aus zwei roten kubischen Ziegelbauten von seiner Umgebung ab. Der Architekt Ernst Rentsch hatte sie 1928/29 für Kolbe gebaut, zwei Häuser, deren Aufgabe nicht das Repräsentieren war, sondern die rein dem Zweck dienen sollten.

Weil Kolbe 1927 nach dem tragischen Tod seiner Frau "streng" seinen "letzten Lebensabschnitt" führen wollte, wie er einer Freundin schrieb, hatte er seine repräsentative große Wohnung im Tiergartenviertel aufgegeben, sich nahe dem Grab seiner Frau auf dem Friedhof Heerstraße ein Grundstück gekauft, auf dem er sich eine "Einsiedler-Klause" bauen ließ: mit hoher Atelierhalle, einem Wohnatelier, kleineren Privaträumen, einer großen Dachterrasse und einem Skulpturengarten. Beliebt war die Baugruppe, zu der noch ein Wohnhaus für Kolbes Tochter und ein Anbau von Paul Linder gehörte, nicht in der Nachbarschaft; sie erschien zu streng und gewährte keinerlei Einsicht.

Plastik und Architektur

1929 war der damals 52 Jahre alte Bildhauer in sein Haus eingezogen, im selben Jahr, in dem seine Skulptur "Morgen" im Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe auf der Weltausstellung als "schönstes Zusammenwirken von Plastik und Architektur" Furore machte. Schon vorher hatte Kolbe mit Architekten wie Walter Gropius, Bruno Taut, Hans Poelzig und Erich Mendelsohn zusammengearbeitet, und so wundert es nicht, wenn man in einer Publikation des Museums liest, dass Kolbe beim Entwurf und Bau seines Hauses auf die Architektur Einfluss nahm.

Wie gut das dem Haus getan hat, ist seit 1950 zu besichtigen, denn als Kolbe 1947 starb, verfügte er in seinem Testament, dass sein Atelierhaus als "Archiv und Sammelort" einer Stiftung gehören und öffentlich zugänglich sein sollte.

Nicht immer werden hier ausschließlich Werke Kolbes ausgestellt, aber bis zum 17. Januar erinnert noch eine Ausstellung mit großen Gipsmodellen an die Bedeutung der figurativen Plastik des Bildhauers, dazu sind historische Fotos von Kolbe, von Freunden und Familie und Bilder aus Kolbes Sammlung zu sehen. Einige davon hat er gekauft, zum Beispiel ein Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner oder Zeichnungen von Rodin, andere hat er mit Kollegen getauscht, und manche waren Geschenke von Freunden, wie die Bilder von Karl Schmidt-Rottluff.

Am 24. Januar wird schon die nächste Schau eröffnet: "Wilde Welten - Aneignung des Fremden in der Moderne" heißt sie und thematisiert das Verhältnis der Moderne zu außereuropäischen Kulturen in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik.

Kein Hinweis auf Kolbes Wirken im "Dritten Reich"

Über das Verhältnis Georg Kolbes zur deutschen Geschichte und zu seinen als "entartet" verfemten Künstlerkollegen in der NS-Zeit wünscht man sich wenigstens einen kleinen Hinweis im Haus, denn in den dreißiger Jahren verfocht Kolbe ein Ideal kräftiger, muskulöser Figuren, das durchaus den Kunstvorstellungen der Nationalsozialisten entsprach. Außerdem nahm Kolbe in Berlin führende Positionen ein: 1918 war ihm der Professorentitel verliehen worden, seit 1919 war er Mitglied der Akademie der Künste und Präsident des 1936 verbotenen Deutschen Künstlerbundes. Während andere Künstler mit Berufsverbot belegt waren, arbeitete er unbehelligt weiter in seinem Atelier.

Das Thema sei schwierig, sagt Museumsdirektorin Ursel Berger, die seit 30 Jahren über Kolbe forscht. Sie ist sich zwar sicher, dass Kolbe "überhaupt kein Nazi war". Er sei jedoch in Deutschland geblieben, habe weiter arbeiten und ausstellen wollen, womit er die Kunstpolitik des Regimes indirekt unterstützt habe. Andererseits: Es gebe auch Belege, dass Kolbe sich deutlich gegen das System geäußert und zum Beispiel eine Ausstellung abgesagt hat, weil ein Kollege nicht teilnehmen durfte. Auch den Auftrag zu einem Hitler-Porträt habe er abgelehnt.

Ausstellungen und Vorträge zu diesem Thema gab es schon im Museum, und auch im Katalog zum Leben und Werk des Bildhauers ist das Thema ausführlich dargestellt.

Ein Faltblatt oder ein Aushang zum Thema hingegen fehlen.


Ausstellungen:
"Atelier Georg Kolbe - Werkstatt und Wohnung". Bis 17. Januar 2010; ab 24.1. bis 5.4.: "Wilde Welten. Aneignung des Fremden in der Moderne". Beides Georg-Kolbe-Museum, Berlin, Sensburger Allee 25/26.

Kataloge:
U. Berger, J. Gabler ((Hrsg.): Georg Kolbe. Wohn - und Atelierhaus". 2000, 80 Seiten, zahlr. Abb., 10 Euro.

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05.01.2010 von d_lines: abstrakt=entartet=gut

ich finde es unerträglich wenn künstler von einem format kolbes in nazi-nähe gerückt werden, nur weil Sie ihrerzeit nicht als 'entartet' gebranded wurden. die auseinandersetzung mit dem menschlichen körper ist ein urthema der [...] mehr...

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