Von Thorsten Dörting
So ein Vorfall ereignet sich ja nun eher selten, und wenn, dann ist kein Fotograf dabei, der ihn dokumentieren könnte oder wollte. Bei Supertramp allerdings, jener Stadion-Superband der Siebziger und Achtziger mit ihrem blitzsauberem Image, war das anders. Da hielt Hannes Schmid, quasi ein Teilzeitmitglied der Band-Familie, für die Nachwelt fest, wie peinlich berührt und verstockt ein paar Softrocker vor sich hin feixen, wenn sie sich mit eingekauften Bikinihäschen amüsieren sollen.
Schmid ist Schweizer. Und vermutlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet ein Bewohner dieses urdemokratischen und egalitären, jeder Starvergötterung so abgeneigten Landes mit dem Bildband "Rockstars" eine Art Familienfotoalbum vorlegt, in dem fast jeder Porträtierte wirkt, als lebe er ein Leben, das dem seines Publikums auf eine sehr desillusionierende Art gleicht: bieder bis zur Spießigkeit, furchtbar unglamourös.
Dokumente aus der Prä-Paparazzi-Ära
Zwischen 1977 und 1984 tourte Schmidt mit insgesamt 258 Bands um die Welt, große Stars wie Abba waren dabei, AC/DC, Black Sabbath, Rod Stewart, aber auch kleine, heute fast vergessene wie die Girl-Gruppe Clout aus Südafrika. Und wenn er jetzt von seinen Bildern spricht, von der Atmosphäre schwärmt, in der sie entstanden sind, beschwört Schmid gern mal die sprichwörtliche "große Familie", die man damals gewesen sei.
Das ist natürlich eine kokette Verklärung, wenn nicht gar: Quatsch. So eine Wortwahl gaukelt einen Egalitarismus im Musikalisch-industriellen-Komplex vor, den es nie gab, bestenfalls als männerbündische Illusion. Einerseits. Andererseits kam Schmid vielen Stars tatsächlich näher als andere. Und er hielt als Fotograf - wie es sich für einen loyalen Wahlverwandten gehört - nie gnadenlos drauf. Die seinerzeit vom Promoter von Hamburg nach Zürich verfrachteten Supertramp-Damen etwa fotografierte er nur so lange, wie sie den Rockern vor ihren Nasen herumtanzten - den folgenden Exzess zeigte er nicht. Höfliche Zurückhaltung spricht auch aus den übrigen Bildern. Hier und da ein paar Biere, herumlungernde Groupies, mehr nicht. Schmid steigt seinen Stars bis ins Schlafzimmer hinterher, guckt aber weg, wenn sie sich nackig machen.
Intim sind seine Aufnahmen dennoch, ein wenig erinnern sie an Jürgen Teller, der Mitte der Neunziger die Schönheit des Unperfekten in der Modelwelt erkundete und damit berühmt wurde. Man spürt, dass sie aus einer Zeit stammen, als noch nicht jedes Star-Foto zugleich Baustein einer undurchdringlichen Imagemauer war; unbefangen, fast unschuldig, wirken Schmids Stars aus der Prä-Papparazzi-Ära, manche sogar linkisch.
Langmähnige Rock-Kleinbürger
Eine Junkie-Dame namens Marianne Faithfull zum Beispiel. Es ist 1981, gerade kommt die heroinsüchtige Sängerin aus dem Entzug, jetzt sitzt sie in einem Pub an der Londoner Queens Road, erst vier Jahre später wird sie endgültig von der Nadel los sein. Und was macht dieser charmante Suchtknochen, als Schmid zur Kamera greift? Checkt mit einem Taschenspiegel ihre Lidschatten und wirkt dabei wie eine strebsame Provinzschönheit, die sich für's Vorstellungsgespräch zurechttuscht. Welch Gegensatz zur dröhnenden Sucht- und Selbstzerstörungs-PR von Amy Winehouse!
Schmids beste Bilder zeigen allerdings Rock-Kleinbürger, langmähnige Hardrocker oft, wahrhafte Gitarrenproleten, die mit mies sitzenden Badehosen oder hausfraulichen Gattinnen samt Nachwuchs posieren, bisweilen vor dem heimatlichen Kamin, Loriots Hoppenstedts lassen da ganz laut grüßen.
Andere hat Schmid in der Bühnenumkleide fotografiert, sie sehen aus, wie ihre Väter ausgesehen haben mögen, in den Umkleidekabinen von Bergwerken vielleicht oder Stahlgießereien. Bon Scott etwa, legendärer Sänger von AC/DC, steht unbeholfen in Blue Jeans herum, sein Oberkörper ist nackt. Ein braver Bühnenarbeiter strahlt da vor sich hin, das Tagwerk ist vollbracht, er ist glücklich, mit seiner Stimme Arbeit dem Schicksal wahrer Malocherei entronnen und Teil des großen Spiels namens Rock-Kapitalismus geworden zu sein. Und doch kann Scott den geistigen Blaumann nicht abstreifen - ein Bild, das all die rebellischen Bühnenposen entlarvt, noch bevor sie im postmodernen Ironierausch endgültig zur Zitat-Hampelei verkamen.
Und so ist dieses Buch letztlich auch ein Trost. Wer noch immer verwegenen Rockstar-Träumen seiner Jugend nachtrauert, sollte es vor dem Zubettgehen durchblättern, es schließlich auf den Nachtisch legen, neben das Foto von Oma und Opas Goldener Hochzeit vielleicht - und dann beruhigt einschlummern: So geil wär's Rockerleben ja auch nicht geworden.
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Ich hab gestern Abend bei mir zuhause die Fotos von Tante Liselottes 60. Geburtstag am 3.8.1978 rausgesucht. Das wo Onkel Walter das lustige Hütchen vom Heini aufgesetzt hat und wo die Oma das neue Porzelanservice das erste mal [...] mehr...
... sind dafür die Bildunterschriften aufregend unterirdisch. mehr...
Alles die gleiche Art: totgeblitze Fotos, Schattenwürfe an den Wänden, eine Katastrophe. mehr...
...diese seite macht das ganze auch nicht besser mehr...
Ein paar mehr Eindrücke von Schmids Fotografie gibt es bei Viceland, vielleicht für den ein oder anderen interessant: http://www.viceland.com/germany/v6n1/htdocs/photos-from-when-music-was-good-300.php?page=1 mehr...
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