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24.01.2010
 

"Woyzeck"-Premiere in Hamburg

Rhythmus hinter Gittern

Von Werner Theurich

Wilson, Waits, Woyzeck: Aus diesem publikumswirksamem Dreiklang komponierte Regisseurin Jette Steckel am Hamburger Thalia Theater eine bildgewaltige Büchner-Premiere. Das Ensemble haute buchstäblich auf die Pauke - dennoch blieb die Musik nur Zutat.


Ein Kerl wie eine Waffe: muskulös, fit, leicht verwirrt, aber offensiv. Dieser "Woyzeck", der sich in Jette Steckels neuer Inszenierung gleich in der ersten Szene an einer langen Strickleiter vom Bühnenhimmel hoch herablässt, wirkt kaum wie ein Opfer. Felix Knopp spielt den Soldaten am Rande des Nervenzusammenbruchs wie einen durchtrainierten, hyperaktiven Freak.

"Er läuft ja wie ein offenes Rasiermesser durch die Welt", attestiert ihm fast furchtsam sein Hauptmann (satirisch überdreht gespielt von Philipp Hochmair). Doch dieses frisch geschliffene Messer am Hamburger Thalia Theater ist eine zweischneidige Angelegenheit: Hier geht es nicht nur um Georg Büchners berühmten Text, sondern auch um seine inzwischen weltweit erfolgreiche Adaption von Robert Wilson mit den Songs von Tom Waits - gründlich neu gesehen von der 28-jährigen Regisseurin Jette Steckel, die ihre Akteure ordentlich zappeln lässt.

Was für eine schlichte, schlüssige Bühnenbildidee: Über dem Geschehen schwebt ein riesiges, bewegliches Gitternetz aus kräftigen Stricken, das je nach Lage der Dinge seinen Sinn und Einsatz verändert. Mal ein sicherer Halt, Trampolin gar, Abenteuerspielplatz, mal Gefängnis, Stolperfalle, Zwangsjacke. Ein Netz, das einen halten kann, durch dessen Maschen man aber ebenso gut auch mal fällt, wenn sich das Netz bewegt hat.

Was sich da an Assoziationen aufdrängt, ist in der Tat aufdringlich - aber sehr unterhaltsam und erheblich herausfordernd für die Darsteller, die fast ständig kraxeln und hängen und durchtauchen müssen, sich abseilen und anschnallen - ein Fitness-Parcours, ganz wie das richtige Leben. Alle zappeln im selben Netz, alle sind Opfer und Täter zugleich: Was vor Jahren Opernregisseur Peter Konwitschny löste, indem er alle Männer seiner "Wozzeck"-Inszenierung in der Alban-Berg-Version mit Smokings uniformierte, raffte Jette Steckel ins Netz.

Eine aggressive Marie

Hier hat Steckel, die unter anderem in Hamburg mit ihrer Inszenierung "Nachtblind" (von Deja Stocker) erfolgreich punktete und von der Zeitschrift "Theater heute" 2007 zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt wurde, die von Robert Wilson vorgegebene Struktur verlassen. Was als typische Wilson-Manierismen geblieben sind, spielt teilweise der "Doctor" aus (routiniert-komödiantisch: Tilo Werner): exaltierte Tanzschritte, Körper-Percussion à la Laurie Anderson und eine kräftige Hand güldenes Konfetti, das man schon endgültig im ewigen Fundus der Theater-Accessoires wähnte.

Maja Schönes geistert als hypnotische und anrührende Marie durch die Szenen, und wenn sie sich dem Tambourmajor aggressiv bis zur körperlichen Verletzung an die Brust wirft, geht diese "Woyzeck"-Inszenierung hart an die Sehnerven: Wenn das Leben bedrohlich wird, kommt keiner ohne Blessuren davon. Auch nicht ein Trumm von einem Mann wie der Tambourmajor, den Josef Ostendorf mutig und massig jenseits aller physischen Schönheitsideale als schwitzenden, scheinbar unverrückbaren Klotz gibt und im Wortsinne immer wieder auf seine viel zu große Pauke haut.

Doch auch er beißt sich an diesem nervösen, hellwachen Woyzeck die Zähne aus: Als er - wie im Originaltext vorgegeben - bei einer Rauferei den kleineren Soldaten besiegt, erscheint das auf der Bühne eher umgekehrt: Hier ist die Werktreue beinahe ein wenig rührend. Und wenn Woyzeck in rabiatem Rhythmus das Rasiermesser schärft, klingt das für seinen Hauptmann wie der Herzschlag des Todes.

Todtraurige Akzente

Die Bilderdramaturgie führte immer wieder zu grandiosen Einzelleistungen, zum Beispiel von Julian Greis, der dem "Idioten" Karl viele poetische und packende Momente bescherte: bittere Komik am tiefen Abgrund, das ist ein wichtiger, wiederkehrender Akzent des Abends. So bekamen auch einzelne Textpassagen Hit-Charakter: Gleich mehrmals gab es das todtraurige Großmutter-Märchen vom enttäuschten Kind, das ganz allein in der Welt zurückbleibt, als eingearbeitetes da capo.

Es mag auch dem fragmentarischen Charakter des Büchner-Textes geschuldet sein, dass "Woyzeck"-Regisseure sich häufig zu einer theatralischen Nummerrevue verführt fühlen, und auch Jette Steckel wirkte diesem Effekt in ihrer Thalia-Version nicht entgegen. Wie auch: Mussten doch immer wieder die Songs von Tom Waits eingearbeitet werden, was genau diese Dramaturgie unterfütterte. Immerhin: Sämtliche Darsteller beherrschten ihren Waits bravourös - und interpretierten ihre Nummern mit Hingabe. Die sechsköpfige Band unter dem Wilson-erfahrenen Multiinstrumentalisten Gerd Bessler spielte dazu perfekt und nuanciert, ein kleines Wunder an Klangvielfalt.

Dennoch: Auf die Songs hätte dieser "Woyzeck" auch verzichten können. Jette Steckels Bühnenvision und Schauspielerführung wären allein vollkommen tragfähig. Aber so ist es halt mehr als nur der Büchner, und der Erfolg gab der Sache recht: Frenetischer Schlussapplaus für alle Beteiligten - ein weiterer künftiger Thalia-Renner mit seiner erfolgreichen Premiere.

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