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24.01.2010
 

Antisemitismus-Debatte

Der fremde Blick

Von Romain Leick

Filmemacher Lanzmann: Schlagartig die jüdische Positivität entdecktZur Großansicht
AFP

Filmemacher Lanzmann: Schlagartig die jüdische Positivität entdeckt

Mit 84 Jahren gerät der französische Filmemacher Claude Lanzmann ins Kreuzfeuer einer absurden Debatte: An seinen Memoiren und seiner mehr als 30 Jahre alten Dokumentation "Warum Israel" entzündet sich die alte, quälende Frage der deutschen Linken neu: Antizionismus oder Antisemitismus?

Was verleitet einige hundert überwiegend junge Menschen, Typ Bionade-Trinker, an einem nasskalten Hamburger Winterabend dazu, vor einem Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg in Schnee und Matsch Schlange zu stehen, um sich nach Passieren einer Sicherheitsschleuse drinnen in schlechter Luft auf hartem Gestühl drei Stunden lang einen 37 Jahre alten Dokumentarfilm über Israel anzusehen?

Und was brachte Agitprop-Spezialisten des anti-imperialistischen Zentrums B5, Typ Rotfrontkämpfer-Verschnitt, vor dem Hamburger Programmkino B-Movie im vorigen Herbst dazu, die Aufführung desselben Films in militärischem Outfit an einer imitierten Grenzsperre zu verhindern?

Die richtige Gesinnung beanspruchten beide - Parteinahme für die Opfer der Geschichte, Juden oder Palästinenser. Antizionismus oder Antisemitismus: Die Frage ist ein quälendes Thema der deutschen Linken, seit die antifaschistischen Achtundsechziger mit der Elterngeneration der Nazi-Täter abrechneten und wenige Jahre später bei der Rechtfertigung des palästinensischen Terrorismus landeten.


Unversehens ist jetzt der französische Publizist, Autor und Filmemacher Claude Lanzmann, 84, ein Weggefährte Jean-Paul Sartres und Simone de Beauvoirs, mit seinem Debütwerk "Warum Israel" - ohne Fragezeichen, also eigentlich "Darum Israel" - in diese Kontroverse geraten, die in Hamburg wieder aufflackerte. Weltweit sei es nicht ein einziges Mal passiert, dass ein Film von ihm auf diese Weise gestört worden sei, entrüstete sich Lanzmann, und das anfängliche Schweigen über den Vorfall sei der noch viel größere Skandal: "Die Deutschen, ob linksradikal oder nicht, haben sich wie Herren aufgespielt. Diese Rolle dürfen sie nie wieder spielen."

Im Bunker am Heiligengeistfeld, in dem der Veranstalter Uebel & Gefährlich seinen Discoclub betreibt, genoss er vergangenen Montag die Solidarität des Publikums an diesem bizarren Ort, der ihm wohl wie eine Ironie der Geschichte vorkam. Lanzmann sah darin die Bestätigung, dass sein filmisches Oeuvre (auf "Warum Israel" folgten 1985 sein Meisterwerk "Shoah" und 1994 "Tsahal") nicht veraltet ist, keine Falten bekommen hat, sondern die zeitlose Gültigkeit eines Kunstwerks besitzt.

Die Juden haben nicht auf die Antisemiten gewartet

"Man hat nie etwas Derartiges gesehen!", rief der große jüdische Gelehrte Gershom Scholem nach einer privaten Vorführung in Israel aus - für Lanzmann, den dieses Erstlingswerk fast drei Jahre Arbeit gekostet hatte, höchste Belohnung und Gipfel des Glücks. "Warum Israel", ausgerechnet bei Ausbruch des Jom-Kippur-Kriegs im Oktober 1973 auf dem New Yorker Filmfestival uraufgeführt, hat ein seltsames Schicksal hinter sich, woran Lanzmann noch einmal erinnerte. Der junge Linke , der in der französischen Résistance gegen die deutschen Besatzer zur Waffe gegriffen hatte, kam zum ersten Mal im August 1952 nach Israel; die Staatsgründung im Mai 1948 hatte er als politischen Akt gar nicht bewusst wahrgenommen. Er wollte eine Serie von Reportagen für die Zeitung "Le Monde" schreiben, so wie er zuvor schon seine Eindrücke aus der jungen DDR geschildert hatte ("Deutschland hinter dem Eisernen Vorhang"). Was er nach der Ankunft in Haifa sah, versetzte ihm einen Schock. Der jüdische Intellektuelle Lanzmann, der kein Wort Hebräisch sprach, weder in Religion noch Tradition bewandert war, entdeckte schlagartig die jüdische Positivität: ein Volk, das eine unverwechselbare Form, Geschichte und Kultur besaß, einen eigenen Körper. Bis dahin hatte er der These geglaubt, die Sartre in seinen Ende 1944 geschriebenen und 1946 veröffentlichten "Überlegungen zur Judenfrage" aufgestellt hatte: dass der Jude erst durch den Blick des Antisemiten geschaffen werde. "Der Jude ist ein Mensch, den die anderen Menschen für einen Juden halten: das ist die einfache Wahrheit, von der man ausgehen muss", so Sartre.

Ein Irrtum, erklärte Lanzmann jetzt, die Juden hatten nicht auf die Antisemiten gewartet, um zu existieren, sie waren ein eigenständiges Subjekt der Geschichte, trotz Verfolgung und Holocaust, und Israel war nicht einfach nur der teleologische Endpunkt des jüdischen Leidenswegs. Die plötzliche Konfrontation mit seiner eigenen Identität als zufällig in Frankreich geborener Jude ("völlig Franzose und völlig Jude, also weder Franzose noch Jude") erschütterte ihn so sehr, dass ihm die öffentliche Auseinandersetzung mit dieser Realität in einer Zeitung obszön erschien.

Sartre riet ihm, stattdessen ein Buch über "die jüdische Besonderheit" zu machen. Auch dieses Vorhaben scheiterte nach etwa hundert Seiten. Aus der nicht zustande gekommenen Reportage und dem abgebrochenen Buch wurde dann zwanzig Jahre später der Film, der in Interviews und Lebensgeschichten von Einwanderern aus aller Welt die verschiedenen Facetten der vielschichtigen israelischen Gesellschaft voller Empathie, aber nicht ohne kritische Distanz freilegt.

Dialektik des Drinnen und Draußen

Zwei "metaphysische Leitmotive" verleihen ihm seine emotionale Kraft: das Paradox, dass die "Normalität" Israels in seiner "Anormalität" besteht; und die nie definitiv beantwortete Frage: "Wer ist Jude?" Lanzmann zeigt, dass die Wirklichkeit, die David Ben Gurion, der Vater der Nation, einst als Ideal beschwor, im Alltag längst besteht: "Israel wird ein normales Land sein an dem Tag, an dem wir unsere Prostituierten, unsere Gangster, unsere Polizei, unsere Gefängnisse haben werden", so Ben Gurion. Aber solange der Blick des Besuchers auf den jüdischen Staat, die jüdische Armee, die jüdische Polizei, jüdische Diebe, jüdische Streikende, Arme und Reiche, sein Staunen nicht verliert, spiegelt er weiter die Dialektik des Drinnen und Draußen, bleibt die nichtparadoxe Normalität noch immer ein gutes Stück entfernt.

Und der Blick des Antisemiten dabei? Für ihn ist das Bild des Juden als absolutes Opfer unerträglich. Deshalb empfindet er Genugtuung, ja klammheimliche Freude, wenn er am Juden eine moralische Verfehlung entdeckt, die ihn anscheinend seiner Unschuld beraubt. Und deshalb auch ist die Wiederaneignung der Gewalt durch die Juden in ihrem Staat für die Linke ein permanenter Skandal. Nicht Kritik an der israelischen Politik verrät Antisemitismus, sondern der Triumph darüber, einen berechtigten Grund für solche Kritik gefunden zu haben. Der Jude mit Fehl und Tadel, also der normale Jude, dient den anderen als Entlastung von ihrer Schuldhaftigkeit.

Diesem Kompensationsmechanismus ist Lanzmann vor kurzem selbst zum Opfer gefallen. In seinen Memoiren "Der patagonische Hase", die im Herbst auf Deutsch erscheinen, erzählt er, wie er als junger Gastdozent an der Berliner Freien Universität mit einem Zeitungsaufsatz über die NS-Vergangenheit von Professoren zur Entlassung des FU-Gründungsrektors Edwin Redslob beigetragen habe. Eine Verfälschung, hielt ihm der Kunsthistoriker und Redslob-Biograf Christian Welzbacher vor; der Rektor sei erst sechs Monate nach dem Erscheinen von Lanzmanns Artikel aus Altersgründen aus dem Amt geschieden.

Eine winzige Unwichtigkeit, eine Übertreibung vielleicht auf wenigen Zeilen in einer weit über 500 Seiten umfassenden Lebenserzählung. Aber sie genügt, um an dem Zeitzeugen Lanzmann "Rufmord" (so die "FAZ") zu begehen, ihn praktisch als Lügner und Betrüger zu entlarven, als hätte Welzbacher einen neuen Fall Wilkomirski entdeckt, der 1995 mit seinem Buch "Bruchstücke" Kindheitserinnerungen aus dem KZ veröffentlicht hatte, die sich später als Phantasterei herausstellten. Womit dann doch wieder Sartre recht hätte: "Die Situation des Juden ist derart, dass alles, was er tut, sich gegen ihn wendet."

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Die neuesten Beiträge:
28.01.2010 von spax73: Besser kann man es nicht ausdrücken

Genauso sehe ich das auch. Allerdings ist die Staatsgründung ja eigentlich schon "kalter Kaffee", das man sich heute überhaupt darüber Gedanken macht, ist ausschließlich dem nach wie vor ungelösten Konflikt geschuldet. [...] mehr...

26.01.2010 von Spinnosa: Dreyfuss und Herzl

Natürlich gibt es für die Entstehung des Zionismus nicht nur *eine* Ursache. Aber ich denke, die Dreyfuss-Affaire war ein Auslöser. Die Zeitliche Nähe zwischen der Verurteilung Dreyfuss' (1894) und dem Erscheinen der Schrift [...] mehr...

26.01.2010 von Fait Accompli: .

Ein Existenzrecht Israels zu betreiten ist weltfremd wie naiv. Die Israelis werden kaum auf Selbstauflösung stimmen oder dem sonstwie vertraglich zustimmen und militärisch ist dies auch nicht zu erreichen, dafür besitzen sie [...] mehr...

26.01.2010 von Fait Accompli: .

Doch, das würde mich schon interessieren, was an meinem Post angeblich "dummdreist" sein sollte. Wenn Sie keine [Gegen]Argumente haben sollten, dann sagen Sie das doch einfach. Auf einen ad hominem auszuweichen hat [...] mehr...

26.01.2010 von Shaniana: Wann ist Israelkritik antisemitisch?

Eigentlich müsste man hier ja nicht über angebliche Verfehlungen Israels diskutieren, sondern nur die Frage klären, wann Israelkritik antisemitisch ist. Ich mache dazu folgenden Vorschlag: Zunächst ist mit Walter Laqueur [...] mehr...

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