Von Christian Teevs
"Ich habe das gemacht und ein Projekt nach dem anderen besucht", sagt Effendi. "Doch ich habe mir versprochen, wiederzukommen und das Leben hinter dem PR-Lächeln abzubilden." Ein Versprechen, das sie wenige Monate später einlöste.
Diesmal reiste sie die gesamten 1700 Kilometer der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline entlang, durch Aserbaidschan, Georgien und die Türkei. Das Resultat: "Pipe Dreams" - ein Bildband, der in eindringlicher Schwarz-Weiß-Ästhetik Leidtragende eines geplatzten Versprechens zeigt.
Als im September 1994 der sogenannte Jahrhundertvertrag zwischen der "Azerbaijan State Oil Company" und einem Konsortium von Ölkonzernen unter Führung von BP geschlossen wurde, bot die Pipeline Anlass zu großen Hoffnungen. Die Regierungen versprachen Aufschwung, die Bürger glaubten sehnsüchtig an ein besseres Leben. Schließlich fließt jeden Tag eine Million Barrel Öl durch die Pipeline - je nach Preis ein Wert von 70 bis 100 Millionen Dollar.
Doch mittlerweile herrscht Ernüchterung in Aserbaidschan. "Die Schere zwischen Arm und Reich ist größer geworden", sagt Effendi. Nur wenige profitieren, der Großteil der Bevölkerung lebt weiter in Armut. Die Künstlerin selbst gehört zur weitaus kleineren Gruppe. Sie hat dank der Pipeline den Aufstieg geschafft, sagt sie - zunächst als Dolmetscherin bei BP, dann als Beraterin für die US-Botschaft.
Darum habe sie zunächst auch nicht geplant, ein trauriges Bild vom Leben an der Pipeline zu zeichnen. "Ich bin nicht gegen die Pipeline", sagt Effendi. "Mir ging es um eine realistisches Bild. Eines, das in der PR-Kampagne und der Propaganda der Politiker keine Rolle gespielt hat."
Schüchtern, aber stolz
Allerdings, gibt Effendi zu, ist das Bild dann doch sehr düster ausgefallen: "Pipe Dreams" zeigt auf 176 Seiten Armut, Ruinen und immer wieder große, traurige Kinderaugen. Viele Fotos erwecken den Anschein, als seien sie im zerbombten Nachkriegseuropa entstanden, in den Jahren nach 1945. Doch dies ist Osteuropa im 21. Jahrhundert - eine Welt, die aussieht, als sei die Zeit stehengeblieben.
Rena Effendi zeigt Familien, die von 50 Dollar im Monat leben, die bis vor kurzem keinen eigenen Wasser- oder Gasanschluss hatten. Und das, während unter ihnen das schwarze Gold in den Westen fließt. "Die Menschen, die direkt an der Pipeline leben, hatten extrem hohe Erwartungen", sagt Effendi. "Sie dachten: 'Das Öl löst alle unsere Probleme, unser Leben wird sich dramatisch verbessern.' Doch irgendwann mussten sie erkennen, dass diese Hoffnungen unrealistisch waren."
Effendi, Jahrgang 1977, begann 2001 zu fotografieren. Ihren Schwerpunkt legte die Aserbaidschanerin von Beginn an auf das Öl und das Geschäft mit ihm. "In Baku hängt alles mit Öl zusammen", sagt sie. "Mein Ziel ist, den Einfluss der Industrie auf das alltägliche Leben zu zeigen."
Sie selbst sehe sich als Dokumentarin. Als künstlerisches Vorbild nennt sie Diane Arbus, eine Foto-Journalistin aus den USA, die mit Porträts von Exzentrikern und Randfiguren der Gesellschaft berühmt wurde. Arbus fotografierte Transvestiten, Kleinwüchsige, Prostituierte und Nudisten - ohne sie in ein schlechtes Licht zu rücken. Auch bei Effendi wirken die Menschen zwar erschöpft und traurig, aber nie kläglich oder würdelos. Schüchtern blicken sie in die Kamera - und stolz.
In Aserbaidschan beschlagnahmt
BP hat sich nie offiziell zu dem Bildband seiner ehemaligen Mitarbeiterin geäußert. Hinter vorgehaltener Hand hätten ehemalige Kollegen ihre Arbeit aber gelobt, sagt Effendi. Sie mache dem Konzern keinen Vorwurf: "Das Leben der Menschen zu verbessern, ist nicht der Job von BP." Das Unternehmen müsse Geld verdienen. Außerdem seien in der Energiebranche nicht viele Jobs zu vergeben. Stattdessen seien die Regierungen gefragt.
Laut der Nichtregierungsorganisation Transparency International (TI) sind gerade Erdölländer häufig von Korruption durchsetzt. Die Einnahmen erreichen nicht den Staatshaushalt, sondern versickern bei Mittelsmännern und Lokalpolitikern. Der Korruptionsindex 2009 von TI führt 180 Länder auf, Aserbaidschan liegt auf Platz 143 - hinter Pakistan, Uganda und Libyen.
Aserbaidschans Mächtige sehen Effendis Arbeit nicht gerne. Der Bildband wird in ihrer Heimat nicht verkauft, die 50 Exemplare, die sie an Freunde und Geschäftspartner verteilen wollte, wurden beschlagnahmt. Effendi lacht darüber: "Man kann das Buch in ganz Europa kaufen - was bringt es, mir diese wenigen Bücher wegzunehmen?"
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nicht lesen kann. Ich sagte, dass es in Baku vor 70 Jahren auch schon so ausgesehen hat (siehe alte Photos aus jener Zeit und spaeteren Jahren), und die Muellverbrennung mit Gestank gab es damals (s. Reiseberichte) wie jetzt. [...] mehr...
Rena Effendi begann 2001 mit Ihrer Arbeit. Was sollen Krebsstatistiken in einem Bildband. Außerdem, was für eine Diskussion, so lange Baku immer wieder von den Rauchschwaden der Müllverbrennung bedeckt ist. Hast Du Dir mal [...] mehr...
Das sehe ich völlig anders. Der Meister des Nichtzeigens war Alfred Hitchcock und er wußte warum. Die Phantasie hat mehr Raum und ist meist weit bedrohlicher als das Zeigen grausamer Realitäten. Ein Schuh der in einer Öllache [...] mehr...
"BP hat sich nie offiziell zu dem Bildband seiner ehemaligen Mitarbeiterin geäußert. Hinter vorgehaltener Hand hätten ehemalige Kollegen ihre Arbeit aber gelobt, sagt Effendi. Sie mache dem Konzern keinen Vorwurf: "Das [...] mehr...
Warum jetzt dieses Getue? Alte Fotos zeigen, dass es in Azerbaidshan vor 60, 50, ..., 20 Jahren auch nicht anders ausgesehen hat. Viel realistischer und interessanter waere es von Azerb. Krebsstatistiken und Daten ueber [...] mehr...
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