Von Thorsten Dörting
Die westdeutsche Nachkriegsära hat kulturell einen miesen Ruf: In den Fünfzigern blühte unterm Nierentischchen die Bigotterie, und die Kinogänger verkrochen sich in seelenwärmende Tannenhöhlen ("Der Förster vom Silberwald") oder schauten Dick, Dalli und Angela dabei zu, wie sie im Akkord von Pony zu Pony hüpften ("Die Mädels vom Immenhof"). In den Sechzigern reiste der Wirtschaftswunderländler dann nach Rimini oder zumindest in den Schwarzwald. Und wer dafür kein Geld hatte, guckte halt Heinz Erhardt beim Radeln oder Wandern zu. Als piefig und vor allem eskapistisch gelten die "langen Fünfziger", diese ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte; und zwar vor allem deswegen, so die populäre These, weil die Deutschen die Schuld von Auschwitz nicht schultern wollten.
Die Stichwörter lauten: verdrängen, vergessen, verschweigen.
Stimmt schon, aber nicht so ganz. Massenkulturell war nicht nur der regressive Reflex der Heimatfilme en vogue, sondern ein - genauso selbstvergessenes - Schreiten nach vorne; Erich Kästner prägte den schönen Begriff vom "motorisierten Biedermeier" für die Ära, der Historiker Axel Schildt schrieb akademisch nüchterner von "Modernisierung im Wiederaufbau".
Denn so eifrig die Deutschen aufrechten Förstern und reitenden Backfischen zuschauten, so sehr stürzten sie sich blindwütig in den Konsum, auf neue Statussymbole wie Motorroller, Autos und Fernsehgeräte oder berauschten sich an Wirtschaftswunder-Symbolbauten wie etwa der Anfang der Sechziger erbauten Berliner Philharmonie. Diese idyllisierende und fortschrittsversessene, immer aber doppelbödige Mentalität der Ära verbildlicht jetzt ein kleines, feines Projekt von Stefan Hunstein. Der deutsche Künstler und Schauspieler hat Ansichtskärtchen der Fünfziger und Sechziger gesammelt und sie für seine Serie "Schön war's" auf stark verfremdende Weise nachkoloriert.
Hunstein, Jahrgang 1957, ist Wiederholungstäter im besten Sinne. Als bildender Künstler wie als Schauspieler und Regisseur hat er sich wiederholt mit dem Nationalsozialismus befasst, ohne in moralinsaure Dozierkunst zu verfallen. Er verlas die "Liebesbriefe an Adolf Hitler" oder "Gesetze und Erlasse aus dem Reichsgesetzblatt des Jahres 1934", inszenierte das Theaterstück "Ein Monat in Dachau" nach Vladimir Sorokins fiktivem KZ-Tagebuch und legte schließlich eine Serie mit privaten Fotografien aus den Dreißigern vor, die er in ähnlicher Weise bearbeitet hatte wie die Postkarten in seiner neuen Arbeit.
Psychogramm einer Gesellschaft
Die Ansichtskarte ist ja ein Spiegelbild eigener Sehnsüchte, sie zeigt nie, was ist, sondern was sein soll: Warum sonst verschicken junge Männerbanden von Malle oder Ibiza gerne mal Karten mit barbusigen Damen im Sand, auf denen steht: "Geil hier!"? Weil's natürlich geil sein soll.
Und so zeigt eben auch Hunsteins Kartensammlung das Psychogramm einer Gesellschaft mit all ihren Wünschen und Träumen. Ein Vater, der auf einer Bank vor seiner kleinen Doppelhaushälfte sitzt, davor eine Wandererstatue aus Holz: My Home is my Reihenhaus. Eine Ansicht von Garmisch-Patenkirchen, im Hintergrund das Alpenpanorama, vorne das Olympia-Stadion mit Skisprungschanze: Modernismus mit natürlichem Antlitz. Campingplatz-Rummel auf Norderney: Ein Volk im Reiserausch. Mit dem Kleinwagen zum Angeln: Motorisierte Romantik.
Hätte Hunsteins die Karten nicht verfremdet, sie wären kaum mehr als possierlich wirkende Zeitdokumente. Doch ihre Kraft entfalten die Bilder dank der vollkommen unnatürlichen Nachkoloration mit allzu kräftigen, teilweise unpassenden Farben, mit einer malerischen Anmutung, die den meisten Sujets nicht angemessen ist. Ein simpler, aber doch sehr effektiver Kniff mit verblüffender Wirkung.
Denn plötzlich locken uns all diese kleinen Wünsche und Träume wie vollkommen überzuckerte und grell glasierte Torten, von denen man eigentlich weiß: zu süß und künstlich, um wirklich gesund zu sein.
So ähnlich war das ja auch mit dem Vergessenwollen nach dem Krieg.
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