Von Ingeborg Wiensowski
Zwei dieser Kunstwerke - acht sollen es mal werden - sind fertig und auf YouTube zu sehen, wo Straßburgers erstes Video, "Die Neue Härte" immerhin schon über 6000 Mal angesehen wurde. Seit kurzem ist auch Schlager Nummer zwei, "Hulahula", im Netz. Mit genauso weißen Zähnen wie im ersten Video, jedes Klischee erfüllend, singt Straßburger dermaßen schräge Texte, dass es knirscht im Schlagergetriebe. Wer ihn und den Kontext seiner Arbeiten kennt, merkt das natürlich sofort; andere YouTube-Benutzer hingegen betrachten die Videos mit völlig anderen Augen. "Schwarzemilch" zum Beispiel zeigt in seinem Kommentar Verständnis, aber nur für das "Business": "Also die Zähne sind mir ja ehrlich gesagt etwas zu gruselig... Aber in dem Business natürlich unentbehrlich", während "kingkev009" sich massiv und aggressiv über Sänger und Text ärgert: "... ich seh deine gebleichten zähne, ich seh dein pferdegebiss, du hast ne haut wie schmiergelpapier das ich dich scheiße finde is klar (meine meinung zu den typen)."
Was ist stupide genug?
Schlager als Kunst: Das begann, als Straßburger vor rund einem Jahr eingeladen wurde, im Hamburger "Golden Pudel Club" eine Ausstellung zu zeigen. Weil die Pudel-Freunde-Band "Die Goldenen Zitronen" und Rocko Schamoni, dem der Club gehört, immer schon "was mit Schlager gemacht haben", fand Straßburger, dass er jetzt "auch ran muss". Die Idee, einen Schlager zu schreiben und zu performen, hatte er schon länger, jetzt traf er Entscheidungen - keine Kunstfigur, kein Künstlername, als einzige Verkleidung die geschminkten weißen Zähne, dafür genaue Überlegungen zu Text und Musik: Was ist stupide genug, was ist schon benutzt worden?
Mit Freunden, "einem richtigen Team", drehte er das Video an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, und zeigte es dann im Pudel zusammen mit zwei Plakaten. "Die Kunstleute haben sofort erkannt, was das sein sollte, und fanden es gut, aber von Schulfreunden habe ich viele Briefe bekommen, dass ich auf keinen Fall eine Schlagerkarriere weiterführen soll", sagt Straßburger.
Und wie überzeugt er seine Freunde davon, dass er das nicht vorhat, sondern dass es ihm um Kunst geht? "Erstens ist es für den Kunstkontext entstanden", sagt er, "zweitens habe ich etwas transformiert, nämlich einen Roland-Kaiser-Song." Er habe untersucht, wie so ein simples Lied aufgebaut ist - es reduzierte sich im Wesentlichen auf tiefen Sprechgesang und hohen Singgesang im Refrain. "Und das habe ich dann einfach nachgeäfft." Und drittens bestehen beide Videos aus flach komponierten Bildern, "ich bin immer nur frontal, nie von der Seite zu sehen, das macht den Unterschied".
Sein neueres Video "Hulahula" ist ebenso flach, und es hatte noch andere Anforderungen zu erfüllen: Das Lied sollte Mallorca-tauglich sein, mit perfekter Musik. "Komisch ist, dass 'Hulahula' den Künstlerkollegen überhaupt nicht gefällt, während Kunstfremde das als richtig tolles Video wahrnehmen", sagt Straßburger und findet es interessant, "wie genau man das steuern kann, das würde ich mit der Malerei gern auch so handhaben wollen."
Was ist ein gutes Bild?
Denn eine Frage bewegt ihn hinter allem, was er macht und ausprobiert: Was ist ein gutes Bild? "Ich schlage mich damit rum, ab wann Kunst als professionell wahrgenommen wird und wie kontextabhängig sie ist", sagt Straßburger. Es beschäftigt ihn, wie der Austausch vom Kunstwerk zum Betrachter funktioniert, wie man das kunstgeschichtliche Wissen aus der Hochschule einsetzen kann, ob man eine Arbeit an ihre Grenze treiben kann und ob durch minimale Veränderungen von Vorhandenem wirklich etwas Neues entstehen kann. "Ich habe das Gefühl, dass ich gerade sternförmig agiere, ich fange an allen Enden gleichzeitig an und gucke, was in der Mitte aufeinander stößt."
So stellte er im Wiener Kunstverein sein Video zusammen mit Finger-Wandmalerei aus. "Ich habe eine Fläche abgeklebt und dann mit den Fingern rumgeschmiert, um zu zeigen, dass ich als akademisch gebildeter Maler mit Fingern male - und dass es trotzdem gut aussieht." Gleichzeitig zeigte er Porträts von sich als Schlagersänger, die er bei Amateurmalern gegen Bezahlung in Auftrag gegeben hatte.
Und wie nehmen Künstlerkollegen so etwas wahr? "Die, die ich schätze, verstehen, warum ich das mache, einige finden allerdings, dass ich mich damit in die Öffentlichkeit drängen will, aber das bestätigt ja, dass es funktioniert, dass ich da einen Penetranznerv betätigt habe."
Nur eines nervt Straßburger ein bisschen: Viele haben inzwischen mindestens eine Textzeile, die ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht - und die er daher immer wieder hört: "Deine Füße, schöne Grüße" aus dem ersten Lied zum Beispiel. Und nicht nur die: "Jeder, der mich anruft, sagt neuerdings Hulahula statt Hallo - aber das ist ja meine eigene Schuld."
Auf anderen Social Networks posten:
Man kann dem jungen Mann nur gratulieren! Denn er hat die Frage aufgeworfen, was denn nun eigentlich Kunst ist. Und damit hat er schon sehr viel mehr erreicht als das gros seiner Altersgenossen, die eine tradierte, [...] mehr...
Das ist keine Kunst...bzw.. wenn schlecht Singen, sich doof in Pose setzen und Flache Texte singen Kunst ist, war Daniel Kühblböck einer der größten Künstler der vergangenen Jahre. Ach ja, Trash als Kunst... BITTE... das ist [...] mehr...
also an "papaya" von Alexander Marcus kommt der nicht ran. http://www.youtube.com/watch?v=7XzLbGssArQ mehr...
Unausgegorene Angelegenheit und nicht wirklich überzeugend. Gelungene Parodie mit künstlerischer Ambition ist eigentlich ziemlich leicht von Sektlaune zu unterscheiden, hat das die Autorin des Artikels etwa wegen mangelnder [...] mehr...
da will wohl jemand die "alexander marcus" wellte reiten... irgendwie nachgemacht das ganze. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH