Von Tobias Becker
"Das Prinzip Meese" heißt das Stück, das hier mal wirklich Stückwerk ist: ein lose gekoppelter Mix aus Prosabrocken und Dialogfetzen, ohne klar gekennzeichnete Sprecher und ohne Plot, ein wild assoziierender Wortschwall voller Welt- und Kunst- und Medienhass, manchmal vielleicht etwas aufgesetzt und klischeehaft, aber immer knurrend aggressiv. "Ein Text, beim besten Willen nicht zusammenfassbar, schnell, wütend, witzig, verzweifelt", schrieb Roland Schimmelpfennig, einer der zurzeit erfolgreichsten deutschen Gegenwartsdramatiker, in der Begründung der Jury für den Theatertreffen-Stückemarkt.
Rolle für Altkanzler Schmidt
Nicht alles ist große Kunst in Klucks Text, zweifellos gekonnt aber ist sein Vorwort, weil es zeigt, dass da einer schreibt, der Haltung hat und gleichzeitig Selbstironie, der den Willen zum großen Wurf hat und gleichzeitig zur großen Kinderei: "Wichtig ist", so empfiehlt es Kluck den Lesern und künftigen Zuschauern, "vor Beginn der Veranstaltung einen Friseur aufzusuchen. Ebenso wichtig sind sauberes Schuhwerk, gesunder Stoffwechsel und die erste Zigarette vor dem Aufstehen. Bei der Aufführung sollte ohnehin größter Wert darauf gelegt werden, dass kräftig geraucht wird."
Als Sprecher wünscht Kluck sich daher den dauerrauchenden Altkanzler Helmut Schmidt. "Wenn Helmut Schmidt keine Zeit hat oder gerade bei Sandra Maischberger ist, um über sein jahrzehntelanges Engagement in China zu sprechen und Kissinger und das Rauchen im Fernsehen, dann kann das Stück ausnahmsweise von anderen gesprochen werden. Wichtig ist dann nur, dass diese minderjährig und nackt sind."
Schwer vorstellbar, dass Uraufführungs-Regisseur Antú Romero Nunes und die Zuschauer sich an all diese Wünsche halten, und so beugt Kluck schon im Vorwort zu großem Erwartungsdruck vor: "Von vornherein ist nicht damit zu rechnen, dass die Veranstaltung ein großer Erfolg wird, besonders wenn in Hannover die Sonne scheint und große Ferien sind." Was natürlich großer Quatsch ist und vermutlich auch sein soll, denn das Prinzip Meese, so schreibt es der Autor, "ist das Finden der eigenen Verwirrung".
Bei der Bundeswehr ging's los
Die Schriftstellerei ist Kluck nicht in die Wiege gelegt worden: Geboren 1980 in Bergen auf Rügen, wuchs er in einem unakademischen Umfeld auf. Seine Mutter ist ausgebildete Friseurin und arbeitet heute als Kosmetikerin, sein Vater musste sein Geld zwischenzeitlich als Hilfsarbeiter verdienen und ist heute als Altenpfleger tätig, er selbst ging auf eine Realschule, bevor er eine Lehre zum Wasserbauer machte und schließlich zum Grundwehrdienst eingezogen wurde.
Für andere junge Männer ist die Zeit bei der Bundeswehr ein Drama, für Kluck wurde sie zum Kreativitätsbrunnen: Weil es so herrlich viele Dinge gab, über die man sich ärgern konnte - und gegen die man protestieren musste. Bald schrieb Kluck so routiniert Beschwerden, dass auch Kameraden ihn um Hilfe baten, den Meckermeister und Nörgelprofi. Und als er nach der Bundeswehr ein Ingenieursstudium aufnahm, pochte er auch dort auf sein Recht. Natürlich schriftlich.
So war es nur konsequent, dass er das Studium 2006 abbrach und sich am Deutschen Literaturinstitut Leipzig einschrieb, dass er sich also das Schreiben und irgendwie auch das Schimpfen zum Beruf machen wollte, als eine Art kleiner Thomas Bernhard, dem er nun in einer Episode seines Stückes "Das Prinzip Meese" auch prompt die Ehre erweist.
Der Auszeichnung für den Text ist inzwischen eine zweite, noch renommiertere Auszeichnung gefolgt: Für sein neuestes Stück "Warteraum Zukunft" hat Kluck den Kleist-Förderpreis bekommen, ausgewählt aus 48 Bewerbern. Dotiert ist der Preis mit 7500 Euro, verbunden ist er mit einer Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen am 18. Mai.
Mag sein, dass das Theater seine Stücke nicht braucht. Aber ganz offenbar kann es sie gut gebrauchen.
Das Prinzip Meese. Uraufführung 8. Februar, weitere Aufführungen 19. Februar sowie 2., 17. und 23. März, jeweils 20.15 Uhr, Maxim Gorki Theater Berlin, Studiobühne, Hinter dem Gießhaus 2, Kartentelefon 030/20 22 11 15.
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