ThemaFotografieRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
21.02.2010
 

Photo-Award-Preisträger Masturzo

"Als Fotograf vergesse ich Gefahren gern"

Drei Frauen, die ihre Wut in die Nacht hineinrufen - für dieses Bild von den Protesten in Iran erhielt Pietro Masturzo den begehrten World Press Photo Award. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Fotograf über Berufsrisiken und verteidigt sich gegen den Vorwurf, nur ein feiger Westler zu sein.


SPIEGEL ONLINE: Nach den Wahlen im Juni 2009 tobten auf den Straßen Teherans beinahe täglich Straßenschlachten. Warum haben Sie stattdessen fotografiert, was sich auf den Hausdächern abspielt?

Masturzo: Mir ist nichts anderes übriggeblieben. Drei Tage vor den Wahlen wurde ich zusammen mit einem anderen Kollegen aus Italien verhaftet. Als ich freigelassen wurde, war mir klar, dass es mordsgefährlich sein würde, weiter von den Straßen Teherans zu berichten.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Was war passiert?

Masturzo: Ich war als Tourist nach Iran eingereist - ein Land, dass mich schon seit meinem Studium fasziniert hat. Als ich eine Woche vor den Wahlen ankam, wusste ich, dass ich aufpassen muss, dass es gefährlich sein kann, ohne Journalisten-Visum auf der Straße zu fotografieren. Aber als Fotograf vergesse ich solche Gefahren ja gern.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zu ihrer Verhaftung?

Masturzo: An einem Abend vor den Wahlen war ich mit meinem Kollegen auf der Vali-Asr-Straße unterwegs. Wir machten Bilder von Mussawi-Anhängern vor einem Groß-Plakat des Imams Ruhollah Chomeini. Plötzlich brausten mehrere Motorräder mit Basidschis, den staatlich organisierten Freiwilligen-Truppen, auf uns zu. Die Männer fragten uns, warum wir Fotos machten und nahmen uns mit auf das Polizeirevier. Dort überprüften sie unsere Ausrüstung und konfiszierten unsere Chip-Karten. Sie stellten mir Fragen über Fragen: Wer ich sei, warum ich Propaganda gegen die Islamische Republik mache. Ich versuchte, sie zu überzeugen, dass ich Tourist bin und am nächsten Tag nach Persepolis weiterreise.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Sie wurden drei Tage festgehalten. Mussten sie in einer Zelle schlafen?

Masturzo: Zu dem Zeitpunkt haben ich und mein Kollege noch in einem Hotel gewohnt. Dorthin brachte uns die Basidschis jede Nacht um eins zurück, um sieben Uhr Morgens wurden wir wieder abgeholt und zu verschiedenen Polizeistationen gebracht. Nach drei Tagen wurden wir ohne Anklage laufen gelassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat es sie danach auf die Dächer Teherans verschlagen?

Masturzo: In den Tagen vor den Wahlen hatte ich auf der Straßen Teherans viele Leute kennengelernt, aus allen Schichten und allen Vierteln. Einige hatten mich eingeladen, bei ihnen zu übernachten - das ist in Iran nicht ungewöhnlich. Nachdem ich freigelassen worden war, begann ich, jede Nacht bei einer anderen Familie zu wohnen. Gleich am ersten Tag nach der Wahl hörte ich die nächtlichen "Allahu-Akbar"-Rufe, mit denen die Menschen protestierten: Gegen die Wahlfälschung und das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte.

SPIEGEL ONLINE: War ihnen gleich klar, dass sie Gottesanrufungen ihr nächstes Motiv werden würden?

Masturzo: Ja, da war ich mir gleich in der ersten Nacht sicher. Die Familie, bei der ich wohnte, redete die halbe Nacht lang von der hoch symbolischen Bedeutung dieser Rufe. Sie erzählten von der Islamischen Revolution 30 Jahre zuvor und wie die "Allahu-Akbar"-Rufe Ausdruck des zivilen Ungehorsams gegen das Regime gewesen waren. Ich beschloss, eine Serie darüber zu fotografieren.


SPIEGEL ONLINE: Wussten die Menschen, dass sie fotografiert wurden?

Masturzo: Oftmals nicht. Diejenigen, die sich bewusst fotografieren ließen, baten darum, dass sie auf den Fotos nicht zu erkennen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie und wann ist ihr Siegerfoto zustande gekommen?

Masturzo: An einem der ersten Abende nach der Wahl, als der Druck auf den Straßen beinahe unerträglich war. Ich war bei einer Familie in einem sehr konservativen Arbeiterviertel im Süden von Teheran zu Gast. Wie jeden Abend ging ich aufs Dach, um nach Motiven zu suchen und sah diese drei Frauen in sehr traditioneller Kleidung auf dem Dach gegenüber: Sie riefen Gott an, um gegen die Ereignisse zu protestieren. Ich habe mir eine Ort gesucht, auf der die Kamera stabil steht, und Aufnahmen mit langer Belichtungszeit gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie mit den Frauen sprechen?

Masturzo: Nein, ich habe sie nie kennengelernt. Ich würde nicht mal mehr zu dem Dach zurückfinden, von dem aus ich sie fotografiert habe.

SPIEGEL ONLINE: In Iran hat die Entscheidung, ihnen den World-Press-Photo-Preis zu verleihen, auch für Kritik gesorgt. Warum?

Masturzo: Auf vielen Websites wurde kritisiert, dass ich den Preis für ein Foto von den Dächern bekommen habe, während andere ihr Leben riskiert haben, um die Krawalle auf den Straßen zu zeigen. Das haben viele junge Iraner, die unter großer Gefahr die Straßenschlachten fotografiert haben, als ungerecht empfunden. Ein junger Fotograf zum Beispiel hat mir eine E-Mail geschickt, in der er mir vorwirft, den Preis nur bekommen zu haben, weil ich Westler bin.

SPIEGEL ONLINE: Kränken sie die Vorwürfe?

Masturzo: Man darf über Fotografie diskutieren, da gibt es keine Einschränkungen. Die iranischen Kollegen haben sicher mehr riskiert als ich, sie haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Aber um eine Geschichte zu erzählen, muss man auch Köpfchen haben. Ich glaube nicht daran, dass man sich in Todesgefahr begeben muss, um eine gute Geschichte zu erzählen. Ich hatte einfach eine gute Idee: Während der Demos in Teheran habe ich sehr, sehr viele Leute mit Kamera gesehen. Aber als ich ihre Fotos dann später im Internet oder im Fernsehen sah, war keins von den Dächern dabei. Außerdem habe ich auch sehr viel Zuspruch bekommen. Viele Menschen haben mir gedankt, weil ich einen anderen Iran gezeigt habe.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich ihr Leben ändern, jetzt da Sie mit dem wichtigsten Preis für Presse-Fotografie ausgezeichnet wurden?

Masturzo: Bislang war es für mich als Freelancer sehr schwer, von der Fotografie zu leben. Ich hoffe, dass das jetzt einfacher wird.

Das Interview führte Ulrike Putz

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Fotografie

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Person

Pietro Masturzo, 30, stammt aus Neapel. Nach dem Studium der Internationalen Beziehungen zieht er 2007 nach Rom. Mehr schlecht als recht schlägt er sich dort als freier Fotograf durch, seine Fotos werden vor allem in italienischen Medien gedruckt. 2008 berichtet er aus Georgien über den Krieg mit Russland, 2009 reist er nach Iran, um dort die Präsidentschafts-Wahlen zu fototgrafieren. Sein Bild dreier Frauen, die auf den Dächern Teherans in einer Geste des Protests Gott anrufen, wurde vergangene Woche zum World Press Photo des Jahres 2009 gekürt. Die Preisverleihung wird im März in Amsterdam stattfinden.






TOP



TOP