Von Tobias Becker
Sechs Autoren aus sechs Ländern plus sechs Stücke in sechs Schauspielhäusern, das ergibt einen Theatermarathon über zwei Tage: So lautet die Gleichung für die "Odyssee Europa", eines der Prestigeprojekte der Kulturhauptstadt Ruhr.2010. Die Uraufführung am 27. und 28. Februar ist längst ausverkauft, auch für die Wiederholung am 7. und 8. März sind Interessenten inzwischen zu spät dran, aber wer sich beeilt, ergattert vielleicht noch Karten für eines der drei weiteren Odyssee-Wochenenden: 13./ 14. März, 2./ 3. April und 22./23. Mai.
Inspiriert von Homers Heldenepos "Odyssee", blicken die Autoren aus Europa auf Europa, mit jeweils eigenem Blickwinkel: Am Schauspiel Essen läuft "Areteia" von Grzegorz Jarzyna aus Polen, am Schauspielhaus Bochum "Der elfte Gesang" von Roland Schimmelpfennig aus Deutschland, am Theater Oberhausen "Penelope" von Enda Walsh aus Irland, am Schlosstheater Moers "Perikizi" von Emine Sevgi Özdamar aus der Türkei, am Theater Mülheim an der Ruhr "Sirenengesang" von Péter Nádas aus Ungarn und am Schauspiel Dortmund "Odysseus, Verbrecher" von Christoph Ransmayr aus Österreich. Und zwar nicht irgendwann oder parallel, sondern hübsch verteilt über ein Wochenende, eine Vorstellung nach der anderen, Schlag auf Schlag, so dass die Zuschauer wie Odysseus umherirren, quer durch den Pott, von Stadt zu Stadt, von Theater zu Theater.
Ruhrpottler zeigen ihre Lieblingsorte
Diese Irrfahrt, das Zwischenspiel zwischen den Schauspielen, inszeniert das Architekten- und Künstlerkollektiv raumlaborberlin, das bekannt ist für temporäre Arbeiten, die die Grenzen des traditionellen Architekturbegriffs überschreiten: In Berlin luden sie Besucher einst ein, mit Schlauchbooten durch die Ruine des Palasts der Republik zu rudern, im Niemandsland zwischen Essen und Mülheim verwandelten sie im vergangenen Sommer eine verschmutzte und angstbesetzte U-Bahn-Station in ein Opernhaus. Für die "Odyssee Europa" haben sie nun Ruhrpottler gesucht, die den Theaterzuschauern zwischen den Vorstellungen ihre Lieblingsorte zeigen - und sie nachts bei sich aufnehmen. "Wir wollen Eins-zu-Eins-Situationen schaffen", sagt Matthias Rick, einer der Organisatoren von raumlaborberlin.
Rund 180 Gastgeber haben sich gemeldet; die meisten kümmern sich um jeweils ein Zuschauerpaar. "Die Gastgeber kommen aus unterschiedlichen Generationen und Kulturen", sagt Rick, "aber sie alle sind leidenschaftliche Ruhrgebietler". In der Programmgestaltung sind die Gastgeber frei: Einer hat angekündigt, seinen Gästen seinen Schrebergarten zu zeigen und dort Suppe zu kochen, ein anderer will seinen Gästen einen Rundflug mit seiner Cessna über das Ruhrgebiet bieten. Wer nicht bei Fremden übernachten will, der wird in Kleingruppen von sogenannten Weggefährten betreut - und geht abends alleine seines Weges. Gut möglich, dass er das Beste verpasst.
Ein Trip durch Zwischenwelten
Die gecasteten Gastgeber und Weggefährten inszenieren einige Teile der Transfers, andere behalten die Organisatoren von raumlaborberlin in der Hand: Per Schiff, U-Bahn und Linienbus, manchmal auch zu Fuß, leiten sie die Teilnehmer durch sogenannte Zwischenwelten, durch Zonen also abseits der Zentren, skurrile Strukturen, in denen die einzelnen Städte der Möchtegern-Metropole Ruhr zusammenwachsen.
"Wir wollen die imaginäre Welt mit der Alltagswelt verbinden", sagt Rick. Im Theater sieht der Teilnehmer zeitgenössische Interpretationen der Odyssee, der Geschichte also eines Fremden, der zu Fremden kommt - und abseits des Theaters ist er selbst ein solcher Fremder, der zu Fremden ins Auto steigt und bei Fremden übernachtet. Im Theater ist er Zuschauer, abseits des Theaters ist er Akteur. Einer, der vielleicht gar nicht ins Theater zurückkehrt - sondern sich mit seinem Gastgeber verquatscht, zum Beispiel beim Bier in irgendeiner Ruhrpottkneipe.
Für andere Theaterprojekte wäre das ein Drama, nicht jedoch für die "Odyssee Europa": Eine Freundschaft zwischen Fremden, das wäre ein Happy End.
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