Von Bastian Sick
Und hier ging es um Vorzimmerdamen in Not! Keine Frage also, dass ich beherzt eingreifen würde. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Freiburger Vorzimmerdamen bereits eine beachtliche Abstraktionsleistung vollbringen, wenn sie einem Anrufer auf Hochdeutsch erklären, der Chef sei "auf Termin". Als gebürtige Badenerinnen könnten sie ebensogut sagen: "Dä Schef isch nit do" oder "Seller isch gange un kummt hit au nimmi"*. Stattdessen entschlossen sie sich zu einer überregionalen Variante und schickten den Chef "auf Termin". Das wird zwar von allen Deutschen verstanden, aber offenbar nicht von jedem gutgeheißen. Die Jury bei "Deutschland sucht die Supervorzimmerdame" gibt der Präposition "auf" in Verbindung mit dem Wort "Termin" allenfalls die Note "umgangssprachlich". Denn "auf Termin" zu sein, gilt als ebensowenig elegant wie "auf Arbeit" oder "auf Schalke" zu sein. Gut, das mit Schalke nehme ich zurück, auch wenn ein paar Dortmunder deswegen enttäuscht sind.
Es gibt zahlreiche Formulierungen, in denen "auf" vor einem Hauptwort ganz selbstverständlich ist: auf Wunsch, auf Verlangen, auf Befehl, auf Kredit, auf Ehrenwort, auf Rezept. Aber nur in wenigen Fällen lässt sich das Ganze noch mit "sein" verbinden: Geschäftsleute können auf Reisen sein, Musiker sind gern auf Tour, Lastwagenfahrer sind ständig auf Achse, und früher waren Handwerksgesellen oft auf Wanderschaft. Dies würde stilistisch von niemandem beanstandet.
Doch wer irgendwo verkürzt "auf Probe" ist, der ist in der längeren (und stilistisch besseren) Version "zur Probe angestellt". Auch die geläufige Formulierung "Er ist auf Bewährung" ist nur eine umgangssprachliche Verkürzung des Ausdrucks "Er wurde auf (noch besser: zur) Bewährung freigelassen".
Man kann irgendwo bei irgendwem "auf Besuch" sein, obwohl es dem stilgebildeten Gastgeber lieber ist, sein Besuch wäre "zu Besuch". Man kann auf Diät sein, auch wenn es vielleicht eleganter wäre, eine Diät zu machen oder - noch kürzer - Diät zu halten. Und wenn's nicht hilft, dann ist man früher oder später "auf Kur". Aber auch das ist umgangssprachlich. Wer dem Sprachstandard genügen will, der ist "zur Kur" statt "auf Kur". Denn bei der Kur kommt es schließlich auf die Anwendungen an, und mit der Anwendung der passenden Präposition fängt es schon mal an.
Das Gleiche gilt auch für den Lehrgang und die Fortbildung: "Ich bin auf Fortbildung" klingt so, als handele es sich um einen Kursus für Monteure, denn von denen weiß man, dass sie berufsbedingt oftmals lange "auf Montage" sind. Wer schon willens ist, sich fortzubilden, sollte beherzt bei seinem Sprachstil anfangen und sich selbst "zur Fortbildung" empfehlen.
Die meisten Konstruktionen mit "auf" und "sein" gehen auf das Wandern zurück. Auf Wanderschaft oder auf (der) Walze war man schon zu früheren Zeiten. Nach diesem Vorbild wurden die Wendungen "auf Reisen sein", "auf Tournee sein" und "auf Achse sein" gebildet. Und wer, so wie einst die Handwerksgesellen, auf Wanderschaft ist, der ist gleichzeitig auch auf Suche: nach einem Bett, einer warmen Mahlzeit, nach neuer Arbeit. Somit lassen sich auch alle Formen der Suche mit "auf" und "sein" verbinden: auf Schatzsuche sein, auf Abenteuersuche sein, auf Partnersuche sein.
Da der Drogenrausch gern mit einer Reise gleichgesetzt wird (weshalb man ihn auch Trip nennt), bürgerten sich Formulierungen "auf LSD", "auf Gras" und "auf Speed" ein. Dem Drogentrip folgt häufig der Entzug, und da auch das als eine Reise verbucht werden kann, ist hier gleichfalls die Konstruktion mit "auf" und "sein" möglich: Wer zu oft auf Koks war, ist irgendwann auf Entzug.
Wenn die Freiburger Vorzimmerdamen sich nun darüber wundern, dass man zwar guten Gewissens "auf Reisen sein", "auf Jobsuche sein" und "auf Drogen sein" kann, andererseits jedoch Naserümpfen verursacht, wenn man "auf Arbeit" oder "auf Termin" ist, so könnte ich's verstehen. Aber Sprachkritik ist weniger eine Frage der Logik als vielmehr der Gewöhnung und des persönlichen Geschmacks. Zum Glück kann es mir einerlei sein, ob die Chefs dieses Landes "auf Termin" sind oder "auf Urlaub". Mich interessiert auch nicht, ob ihre Vorzimmerdamen "auf Zack" oder "auf Trab" sind. Solange sie nicht "auf Trapp" sind, wie man auch immer wieder mal lesen kann. Hauptsache ist doch, dass niemand "auf 180" ist, denn das wäre nicht gut für sie oder ihn und schadete nur unserem Gesundheitssystem, das ohnehin ständig auf Reform ist.
Das wär's für diesmal von meiner Seite. Wenn Sie noch Fragen haben: Ich bin mal kurz auf Klo!
(c) Bastian Sick
| Auf Tabelle sein |
| auf Achse sein |
| auf Arbeit sein / besser: auf der Arbeit sein, arbeiten |
| auf Arbeitssuche sein |
| auf Besuch sein / besser: zu Besuch sein |
| auf Bewährung sein / besser: zur Bewährung freigelassen sein |
| auf Diät sein |
| auf Draht sein |
| auf Drogen sein (auf LSD/auf Koks/auf Ecstasy/auf Speed/auf Crack etc. sein) |
| auf Entzug sein (infolge des vorangegangenen Beispiels) |
| auf Fortbildung sein / besser: zur Fortbildung sein, sich fortbilden |
| auf Helium sein / anders ausgedrückt: wie die Chipmunks sprechen |
| auf 180 sein / besser: wieder zur Ruhe kommen |
| auf Kur sein / besser: zur Kur sein |
| auf Kurs sein |
| auf Linie sein |
| auf Lehrgang sein / besser: zu einem Lehrgang sein, einen Lehrgang machen |
| auf Montage sein |
| auf Partnersuche sein |
| auf Reise(n) sein |
| auf Safari sein |
| auf See sein |
| auf Termin sein / besser: einen Termin haben, im Gespräch sein |
| auf Tour(nee) sein |
| auf Trab sein / nicht: auf Trapp sein |
| auf Urlaub sein / besser: im Urlaub sein, in den Urlaub fahren, Urlaub machen |
| auf Wanderschaft sein |
| auf Zack sein |
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