Von Hobbykoch Peter Wagner
Je länger der Eiswinter das Land umkrallt, umso stärker wächst der Wunsch nach Sonne im Topf. Wir ergänzen deshalb die Italo-Trilogie der "Tageskarte" nach den Parma-Melonen-Lutschern, dem mit Wintertrüffeln aromatisierten Raviolo und der Bruschetta um ein echtes Hauptgericht - ein Saltimbocca.
Wie viele italienische Küchenklassiker - "Zieh mich hoch" (Tiramisu) oder "Priesterwürger" (Strozzapreti-Nudeln) - hat auch das der römischen Kochkunst entsprungene Saltimbocca einen verspielten Namen: "Spring ins Maul" wird in Rom bis heute nicht mit Olivenöl, sondern in Schweinefett herausgebraten. Das Gelingen dieses Gerichts steht und fällt mit der Güte der Zutaten (Schnitzel aus der Kalbsnuss oder Lende, hochwertiger Schinken) und dem Mut, das Ganze tatsächlich keine Sekunde länger als zwei Minuten zu braten. Dann, und nur dann, geht auch an dunklen, kalten Tagen die Sonne über dem Teller auf.
Sonnenkönig unter den Kochlöffelschwingern
Wer etwas tiefer in das Phänomen der Speiseninnenbeleuchtung einsteigen will, findet wertvolle Initiationsrituale bei einem italienischen Gastwirt in München. Mario Gamba, Patrone des hochprämierten "Acquarello" (ein "Michelin"-Stern, 17 "Gault Millau"-Punkte), sieht sich als der Sonnenkönig unter den Kochlöffelschwingern: "Meine Küche ist die Cucina del Sole, denn sie ist eine Küche der fünf Sinne. Die Sonne spürt man mit allen Sinnen."
Zu kitschig? Es wird noch greller: "Wenn ich an die Sonne denke, sehe ich eine vom strahlenden Licht durchflutete Landschaft, ein Licht, das alle Farben zum Leuchten bringt; ich spüre Wärme, ich rieche tausend Düfte, die sich in wunderbare Geschmacksnuancen verwandeln lassen, und das Wasser läuft mir im Mund zusammen." Hat der nicht mehr alle Gnocchi in der Panna?
Nein, der Mann kocht so, wie er spricht. Das macht ihn einerseits zu einem beliebten Fotomotiv der Münchner Bussiklatschspalten, gern an der Seite von ABC-Prominenz wie Sting, Nina Ruge, Roberto Blanco, Karen Webb, Ornella Mutti oder James Last. Andererseits macht es seine Cucina auch zum besten Ristorante Münchens, für seinen Zwei-Sterne-Kollegen Heinz Winkler gar zum "besten Italiener Deutschlands".
Mediterrane Frische und Farbe
Winkler hat denn auch das Vorwort zum aktuellen Gamba-Kochbuch "Die neue Cucina del Sole" geschrieben. Warum er und andere Herdtitanen wie Eckart Witzigmann ihre Pasta am liebsten im "Acquarello" essen, wird schon beim schnellen Durchblättern des opulent bebilderten Wälzers klar: Hier kocht eine Mannschaft, die auf jedem Teller mediterrane Frische und Farbe mit dem Zutaten-Qualitätsprimat und dem Perfektionismus zeitgenössischer europäischer Sterneküche vermählt.
Da garen zartrosa gefüllte Rote-Bete-Ravioli in Mohnbutter, bei "Picage alle Erbe" schimmern grüne Kräuterblättchen durch zweilagige und dennoch unfassbar dünn ausgerollten Nudelteig, die Jakobsmuscheln bekommen strohgelbe Mützchen aus Zanderfarce, die Wachteln verstecken sich in Champignonköpfen, während der Lammrücken auf Polentastäbchen eine Füllung aus Waldpilzen verbirgt. Das ist ganz großes Cucina-Cinema, weit ab der Risottorührstücke, die sich bei vielen auch nicht gerade billigen Italienern in diesem Lande tagtäglich abspielen.
Polenta als längst Hochküchen-kompatible ehemalige Arme-Leute-Beilage spielt auch die weibliche Hauptrolle im heutigen Tageskartenrezept - an der Seite von Kalbsschnitzelchen.
Für das "Acquarello" hat dieses Gericht sicher nicht die nötige Schöpfungshöhe. Für ein paar heimelige italienische Momente ist es aber tutto bene.
Buch
Mario Gamba: "Die neue Cucina del Sole". Collection Rolf Heyne, München; 272 Seiten; 113 Rezepte; 35 Euro.
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"Priesterwürger" (Strozzapreti-Nudeln) Das heißt doch "Strangolapreti", oder? mehr...
Schrumplige Saltimbocca in Bratensauce ertränkt mit MilchSahnePolenta. Igittigitt. Nennt's doch gleich Schinkenröllchen. Na, so kann man vielleicht auch ein paar Feinschmecker zum Veganismus bekehren ... mehr...
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