Von Stefan Simons, Paris
Selbst für die Hauptstadt der Mode ist es eine Premiere: Im Pariser Museum für Schöne Künste, jener ehrwürdigen Institution unweit der Champs-Élysées, deren Sammlungen sich von der Antike bis ins 19. Jahrhundert erstrecken, wird seit dieser Woche Mode gezeigt. Mode im Petit Palais, neben den Werken von Delacroix, David, neben Monet, Renoir oder Cézanne - ein kunsthistorisches Sakrileg?
Nein, sagt Gilles Chazal, Direktor der ehrwürdigen Institution, denn es handelt sich nicht einfach um Kleidung, sondern um die Kreationen von Yves Saint Laurent, um Kunst also, aus der Hand jenes erfolgreichen Schöpfers, der sich selbst zu Lebzeiten als Ikone feiern ließ und seinen Namenszug zum geschützten Gütesiegel erhob - YSL. Chazal: "Er war nicht nur ein Modedesigner, sondern ein bemerkenswerter Künstler, dessen Œuvre einen rechtmäßigen Platz verdient in der langen Reihe von Ausstellungen der Meister."
Diese Wertung des Chefkurators zeigt sich auch in der besonderen Art und Weise, wie das Werk des 2008 verstorbenen Saint Laurent im Petit Palais in Szene gesetzt wird - just gegenüber seinem Pendant, dem Grand Palais, wo im vergangenen Jahr der künstlerische Nachlass von Saint Laurent zu Rekordpreisen versteigert wurde. Im Dämmerlicht eines Seitenflügels erscheinen die Modepuppen wie Säulenheilige einer Kathedrale. Den visuellen Fluchtpunkt krönt das 1971 fotografierte Nacktportrait Saint Laurents von Jeanloup Sieff - eine Apotheose, die beinahe wie ein Altarbild wirkt.
Denn dies ist nicht einfach nur die Hommage an einen Modemacher. Die Ausstellung kommt als sakrale Feier eines Mythos daher, bei der alle dunklen biografischen Flecken - Drogen, Alkohol, Sex-Exzesse und Depressionen - kaschiert, korrigiert, wegretuschiert werden: Yves Saint Laurent wird zur historischen Ikone auf dem Laufsteg der Haute Couture. Dafür sorgt nicht nur die Werkschau im Petit Palais, sondern auch ein Luxusband über das "Œuvre intégral" (2100 Euro), eine Flut von Publikationen (siehe Liste unten) und "L'Amour Fou", ein Film über die Geschäfts- und Lebenspartner Yves Saint Laurent und Pierre Bergé, der Ende September in den Kinos kommt.
"Er hat die Mutationen der Frau im 20. Jahrhundert begleitet"
Jenseits dieses schon fast peinlichen Personenkults ist die größte Ausstellung, die je einem französischen Modemacher gewidmet wurde, ein handwerklich gelungener Rückblick auf eine 40-jährige Karriere zwischen Glamour und Genie. Die Ausstellung vereint Zeichnungen, Malerei, Entwürfe, Skizzen, Stoffproben und Unikate aus dem 5000 Modelle umfassenden Fundus. Und in der Rückschau wird klar, dass sich der Stil Saint Laurents mit dem Wechsel der Jahrzehnte stetig wandelte und dabei mit avantgardistischem Mut für geradezu revolutionäre Innovationen auf dem Laufsteg sorgte: Der unorthodoxe Couturier macht die Hose gesellschaftsfähig, als der Bekleidungskodex für Frauen im Büro allein Rock und Kostüm erlaubte. "Er hat die Mutationen der Frau im 20. Jahrhundert begleitet", sagt Pierre Bergé, Mäzen und Gefährte von Yves Saint Laurent und rühriger Mitorganisator der nostalgischen Retrospektive. "Er ist der Zeitgenosse der Emanzipation."
Und war dabei stets seiner Sache sicher. Der 1936 in Algerien geborene Modeschöpfer erklärte bereits im zarten Alter von 13 Jahren seiner Mutter: "Eines Tages werde ich meinen Namen auf den Champs-Élysées haben." Der Weg dorthin begann 1954 in der Pariser Schule für Haute Couture, kurz darauf wird er Christian Dior vorgestellt. "Es war der glücklichste Moment meines Lebens", sagt er später über dieses erste Treffen mit dem berühmten Vorbild, von dem er nach dessen Tod die Leitung des Hauses übernimmt.
Schon die erste Kollektion macht Saint Laurent zum Weltstar. Die "New York Times" lobt den Nachwuchsschneider als "Nationalheld Frankreichs": Drei Jahre später gründet er mit Hilfe seines Gönners Bergé sein eigenes Modehaus - YSL wird zum Markenzeichen eines Stils, der maskuline Elemente mit fließenden Linien verbindet: Saint Laurent macht Anleihen bei Leder- und Seemannsjacke, Safari-Ausrüstung und Overall. 1966 adaptiert er den männlichen Smoking, der unter seinem Strich zur körpernahen femininen Hülle mutiert. Saint Laurent wird in jenem Jahr mit dem "Oscar" von "Harpers Bazaar" ausgezeichnet.
Der Ruf schützt nicht vor Rückschlägen. Die "40er Kollektion", bei der Saint Laurent 1971 Samt-Turbane, grüne Fuchspelze mit hohen Plateau-Sohlen kombiniert, wird von der Kritik als "Skandal-Schau" verrissen, die Medien rügen einen plumpen "Nachkriegslook"; auch wirtschaftlich stellt sich der Stilwechsel als Rückschlag heraus. Der Couturier verlegt sich auf Entwürfe für Theater, Ballett oder Oper, produziert eigene Parfums.
Saint Laurent, der nach eigenem Bekunden nie gern reiste - von Ferien in Marrakesch abgesehen -, ließ sich dennoch gern von fremden Kulturen und Zivilisationen inspirieren. Die ethnischen Anleihen aus Russland, China, Nahost oder Spanien sind allgegenwärtig, daneben zitiert der besessene Sammler ohne Scheu Künstler der Gegenwart. Im Petit Palais manifestiert sich sein kreativer Reichtum auf den Stufen eines imaginären Ballsaals - hier sind Phantasie und Farben zu einem opulenten Auftritt von Luxus vereint.
Anrührend schlicht wirkt daneben die Rekonstruktion des persönlichen Arbeitszimmers von Saint Laurent. Gleich neben dem verspiegelten Atelier, wo Saint Laurent seine Ideen umsetzte, wirkt das Ensemble als bescheidene Mönchsklause: Die Ideen, mit denen er Weltruhm erlangte, wurden an einer einfachen Tischplatte auf Böcken zu Papier gebracht, inmitten von Büchern, Souvenirs und privatem Nippes.
Die Retrospektive schließt mit dem Filmdokument von 2002, als der Couturier überraschend ankündigt, sich aus der Welt der Mode zurückzuziehen. Sein Abschied erscheint heute wie ein Epitaph: "Die schönsten Paradiese sind jene, die wir verloren haben."
Bücher:
Pierre Bergé : "Lettres à Yves", Gaillmard
Laurence Benaim : "Requiem pour Yves Saint Laurent", Grasset
Marie-Dominique Lelièvre : "Saint Laurent, mauvais garcon", Flammarion.
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