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19.03.2010
 

Missbrauchsskandal

Hybris im Namen des Herrn

Ein Kommentar von Reinhard Mohr

Katholischer Würdenträger: Spätrömische DekadenzZur Großansicht
AP

Katholischer Würdenträger: Spätrömische Dekadenz

Enthüllungen über Gewalt und Missbrauch überwältigen die Republik. Der Skandal hinter dem Skandal ist das Schweigekartell, das sich so lange halten konnte - und das auf elitärem Wahn und fehlgeleiteter Gemeinschaftsideologie basiert. Wie kann so etwas in einem liberalen, säkularen Land passieren?

"Lasset die Kindlein zu mir kommen!", sprach Jesus Christus. Und tatsächlich, auch 2000 Jahre später, bis eben noch, hatten die christlichen Kirchen immer wieder Zulauf. Junge moderne Familien in Hamburg-Eppendorf und Berlin-Mitte strömten sonntags zum Gottesdienst, ließen ihre Kinder taufen, suchten Paten, die noch nicht aus der Kirche ausgetreten waren, und schickten die Größeren zum Konfirmationsunterricht.

Kirchliche wie private Eliteschulen und Internate sind wieder in. Man setzt auf Tradition und Bildung. Gerne nimmt man auch die alten Angebote zur religiösen Sinnstiftung mit - nicht unbedingt strenggläubig, aber doch in aufgeklärter Treue zum christlichen Abendland und seinen ehernen Werten von Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Hoffnung auf Erlösung.

Und nun das. Enthüllungen über Gewalt, sexuellem Missbrauch und brutale Herrschaft von Priestern, Heimleitern und Schuldirektoren im ganzen Land. Es ist überhaupt kein Trost, dass die meisten Untaten Jahrzehnte zurückliegen. Jeden Tag kommen landauf, landab Fälle ans Licht, die man in der liberalen, säkularen Bundesrepublik Deutschland nicht für möglich gehalten hätte.

Trotz aller öffentlichen Diskussionen und Talkshows steht man erst mal sprachlos vor diesem Skandal. Es geht ja nicht nur um kirchliche Einrichtungen, sondern auch um weltliche, zuvorderst die als fortschrittlich geltende Odenwaldschule unter ihrem früheren Direktor Gerold Becker, dessen Lebenspartner Hartmut von Hentig jahrzehntelang die linke Ikone der progressiven Pädagogik war. Auch er will von allem nichts gemerkt und gewusst haben.

Schlimmer noch: Ein anderer Linksintellektueller mit Vorbildfunktion, der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, einst Präsident der Akademie der Künste in Berlin, verteidigt beziehungsweise relativiert Beckers mutmaßlichen Kindesmissbrauch in einer widerlich verschwiemelten Pseudosprache als "Grenzüberschreitung" des "pädagogischen Eros".

Tarnen, täuschen und vertuschen

Dass hier wie an vielen anderen Orten wahrhafte Sittenstrolche, Schweinepriester (ein Schimpfwort aus dem 12. Jahrhundert) und "Verbrecher" (Opfer Amelie Fried in der "FAZ") weithin unbehelligt ihr Unwesen treiben konnten, ist das eine. Der Skandal nach dem Skandal, die zweite Schuld aber ist das große Schweigekartell, das über Jahrzehnte dicht gehalten hat.

Da hilft es auch nichts, die offizielle Statistik von Kindesmissbrauch heranzuziehen, der zufolge die weitaus meisten Fälle in Familien zu beklagen sind. Man kann die katholische Kirche mit ihrem immer noch schweigenden Papst nun mal nicht an der gleichen moralischen Elle messen wie eine sozial verwahrloste Familie. Zumal sich die Kirche und auch elitäre Schulleiter sonst moralisch und intellektuell doch so erhaben fühlen.

Alle rhetorischen Verrenkungen und wortreichen Entschuldigungen samt der Bestellung von Missbrauchsbeauftragten und Runden Tischen ändern nichts daran: Hier liegt letztlich kriminelles Versagen ausgerechnet jener Institutionen vor, deren Ethik höchste moralische Ansprüche formulierte.

Dieselbe Kirche, die jungen Menschen jahrhundertlang Angst und Schrecken einjagte, selbst wenn es nur um kleinste angebliche Sünden und Verfehlungen ging, tolerierte sehenden Auges Sadisten und Sexualverbrecher in ihren Reihen. Motto: tarnen, täuschen und vertuschen.

Die Verlogenheit der katholischen Kirche ist historisch nicht neu, auch nicht ihre Doppelmoral und Scheinheiligkeit, ob es nun um das Tabu der Homosexualität, das Geißeln von Pille und Präservativen oder mittelalterliches Foltern im Dienste der Frömmigkeit geht. Für viele überraschend mag aber doch sein, dass sie sich auch in unserer demokratischen Gesellschaft bis heute als Paralleluniversum halten kann - als eine Macht, deren finanzielle Grundlage nicht zuletzt in der staatlichen Eintreibung der Kirchensteuer besteht.

Machtbesessen, autoritär und skrupellos

Hier wird ein voraufklärerischer Raum erhalten, in dem die unbefragte, geweihte Amtsautorität fast alles dominiert, vom Phänomen der uneingeschränkten Männerherrschaft zu schweigen. Es ist ein verklemmtes und intransparentes System von Abhängigkeit, Macht und Herrschaft, das nun völlig zu Recht am Pranger einer entsetzten Öffentlichkeit steht.

Und es ist kein Zufall, dass auch die nicht-religiösen Institutionen, die nun von Opfern als Schreckensorte enttarnt wurden, im doppelten Sinne geschlossene Anstalten waren (oder sind). Nicht nur physisch mit Eingangstor und Ausgangssperre, sondern auch ideologisch und metaphysisch. Am Beispiel der Odenwaldschule deutet alles darauf hin, dass sich gerade jener Direktor Becker skrupellos verhalten hat, der seine Schülerinnen und Schüler als seine "Familie" betrachtete, deren wohlwollend-liebender Patriarch er war.

Man muss nicht erst das notorische Wort von der Familie als "Terrorzusammenhang" bemühen, um zu ahnen, dass sich hier, unter der bunten Flagge der "ganzheitlichen Erziehung" im Sinne einer platonisch-idealistischen "Lebensreform", auch nackte Gewalt und sexuelle Perversion austoben können.

Es ist dieser verquaste metaphysische Erlösungsglaube, der kirchliche und weltliche Institutionen mit dem Dauerauftrag zur Weltverbesserung verbindet. Hochmoralisch aufgeladene Ideologie, elitäre Arroganz und unkontrollierte Autorität schaffen hier ein Biotop für selbstherrliche Priester-Gurus, deren charismatische Ausstrahlung und persönliche Macht so groß sind, dass sie glauben, sich beinahe alles herausnehmen zu können.

Wer sich erinnern mag: Der Baghwan Shree Rajneesh war nur ein besonders exzentrisches und exzessives Beispiel einer Gemeinschaftsideologie, in der, allen Worten zum Trotz, Freiheit, Würde und Unversehrtheit des Individuums keine Rolle mehr spielen.

Hier und heute heißt das: Die demokratisch verfasste Gesellschaft muss jetzt Licht ins Dunkel bringen. Sie muss radikal Aufklärung betreiben. Und jene fördern, die in dem Schweigekartell das Reden begonnen haben.

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05.04.2010 von primatologe: Die Angst der falschen Christen

Ein grosses Problem für die Gläubigen (jeder Religion) ist der Verlust des Bezugs zum realen Leben. Die Gläubigen spinnen sich und werden eingesponnen in einen (pseudo-) religiösen Kokon, Drinnen ist das vermeintlich Gute und [...] mehr...

05.04.2010 von filosof69: Das zweite Vatikanische Konzil ist schuld...

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7. Die Organisation und Wirkung der Kirche ist sicherlich nicht allein unseligmachend. Ich würde mich sehr zurückhalten, ihre Auflösung zu fordern ohne eine Vorstellung davon zu haben, von wem mit welcher Zuverlässigkeit die [...] mehr...

27.03.2010 von wareit:haha: Er kam, sah und Nietzsche (3 von 4).

T2 Thesen: Wie die Kirche in dieses System passt, ist nicht ganz klar. Nach meiner Ansicht pickt sie sich immer die beste Position heraus: Staatlich ohne Grundrechtsbindung, privatrechtlich aber mit Sonderstellung [...] mehr...

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