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19.03.2010
 

Polit-Rhetoriker von Weizsäcker

Ein Mann, ein Wort

Von Reinhard Mohr

Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker: Fundierte SeriositätZur Großansicht
MARCO-URBAN.DE

Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker: Fundierte Seriosität

Kaum einer kann es, aber alle müssen es: Wenn deutsche Politiker Reden halten, macht sich meist Langeweile breit. Dabei gibt es mit Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ein leuchtendes Vorbild für ebenso mitreißende wie auch tiefgründige Vorträge.

Was macht der Mann da vorne bloß? Er redet und redet, rudert dabei mit den Händen, schaut immer wieder auf sein Manuskript, hebt und senkt die nicht wirklich sonore Stimme und schaut ab und zu ins Publikum, als ob er nachsehen müsste, ob überhaupt noch jemand da ist. Frank-Walter Steinmeier, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, gibt sich alle Mühe, aber er kann es einfach nicht: gut reden.

Eine politische, gar mitreißende und leidenschaftliche, womöglich noch scharfsinnige, bedeutungsvolle, ja historische Rede halten. Den Gegner attackieren und dabei zugleich den eigenen Standpunkt verdeutlichen. Mit Witz und Esprit die Konkurrenz im Parlament lächerlich machen, ohne billigen Klamauk zu verbreiten. Auch mal den Schwefelgeruch des politischen Kampfes verbreiten, der die eigenen Leute motiviert. Die Bataillone um die wehende Fahne sammeln, ohne deshalb in überwundene ideologische Grabenkämpfe zurückzufallen. Gleichzeitig die Bevölkerung "draußen im Lande" ansprechen, was nur mit einer Mischung aus Seriosität, klarer Botschaft und volkstümlicher Unterhaltungskunst funktioniert.

All das kann der ehemalige sozialdemokratische Kanzlerkandidat nicht. Sein einziger Trost: Die meisten anderen im Bundestag können es auch nicht. Da reden überwiegend brave Fachpolitiker, verdiente Parteifunktionäre und routinierte Parlamentarier, denen es nur ganz selten gelingt, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Verfall der politischen Rhetorik

Einer, der eben diese Kunst beherrschte und pflegte, ist Richard von Weizsäcker, Bundespräsident von 1984 bis 1994. Dass er kommenden Monat 90 Jahre alt wird, lässt die offizielle Mitteilung, die Zahl der registrierten Zwischenrufe im Bundestag habe dramatisch abgenommen, gleich doppelt nostalgisch klingen. "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!", "Riesenstaatsmann Mümmelmann!", "Übelkrähe!", "Hodentöter!" - das war einmal.

Der Fortschritt bei den Manieren aber hat seine Kehrseite - den Verfall der politischen Rhetorik, der sich von ganz oben bis ganz unten zieht. So mannigfach die Qualitäten der Bundeskanzlerin sein mögen - wenn sie öffentlich spricht, hat man das Gefühl, hier spreche eine Lehrerin für Gemeinschaftskunde zu ihren verstockten Schülern, die noch vom Matheunterricht ganz erschöpft sind. Oft schrammen schon Satzbau und Grammatik an der Grenze des Erträglichen entlang, aber auch die Artikulation ist nicht selten verwischt und holprig.

Einen gewissen Gegenpol markiert der gelbe Postillon Guido Westerwelle, der mangelnde Originalität mit Lautstärke und überdeutlich artikulierten, voneinander abgesetzten Worten kompensiert: "Ihr - werdet - mich - nicht - klein - kriegen!"

Unvergessen der wie ins offene Meer hinaus gebrüllte Zweizeiler "Auf - jedem - Schiff - das - dampft - und - segelt - gibt's - einen - der - die - Sache - regelt - und das - bin ich!!!"

Sehnsucht nach Häuptling Silberlocke

Ihm wie vielen anderen könnte Helmut Schmidt heute noch von der Kunst der leisen, nachdenklich gesetzten Worte erzählen, die umso intensiver den Eindruck von Wichtigkeit und Bedeutung erzeugen. Auch Willy Brandt und Herbert Wehner, Rainer Barzel und Carlo Schmid, Franz Josef Strauß und Joschka Fischer waren Meister einer politischen Rhetorik, die alle Register ziehen kann - inhaltlich wie ästhetisch, dramaturgisch wie stilistisch. In guten Momenten konnte auch Otto Schily große Reden halten.

Zu jener überschaubaren Schar charismatischer Redner gehört eben auch Richard von Weizsäcker.

Bei ihm wird besonders deutlich, was das Geheimnis einer überzeugenden und nachdrücklich wirkenden Rede ist: Ein wie immer zustande gekommener Glutkern politischer Leidenschaft, der zugleich intellektuell-analytisch verfeinert, metaphysisch durchdrungen und am Ende sprachlich geformt wird. Bildung schadet dabei auch nicht.

Anders als Strauß, Wehner und Barzel war von Weizsäcker nie ein parteipolitischer Einpeitscher, Polit-Frontkämpfer und Bierzelt-Provokateur. Sein Markenzeichen war jene historisch und verantwortungsethisch fundierte Seriosität, die Orientierung, Zuversicht und Vertrauen vermitteln sollte, ohne in allzu wohlfeiler Floskelhaftigkeit zu stranden.

Dennoch musste er sich den leisen Spott "Häuptling Silberlocke" gefallen lassen. Doch damit konnte er leben. Schon allein die - gleichwohl nicht nur rühmliche - Geschichte seiner weit verzweigten Familie, die 250 Jahre zurückreicht, ließ ihn selbstbewusst und auf sicherem Fundament agieren. Mehr noch: Vielleicht war es gerade die Tatsache, dass sein eigener Vater als SS-Oberführer und Staatssekretär in Ribbentrops Außenministerium zu den Tätern im Nazi-Regime gehörte, die seinen Blick auf die jüngste Zeitgeschichte schärfte, auch wenn er bis heute seinen Vater persönlich nicht verurteilen mag, den er als blutjunger Jurist im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess mit verteidigt hat.

Verknüpfung von Biografie und Weltgeschichte

Diese gleichsam selbst erlittene wie erlebte Geschichte verbindet ihn und seine Generation mit Willy Brandt, der vor Hitler fliehen musste - und mit Herbert Wehner, der als Kommunist nach Moskau ging.

Es ist diese dramatische Verknüpfung von Biografie und Weltgeschichte, die die inzwischen abgetretene Politikergeneration prägte - und ihre Art, zu handeln und öffentlich zu reden.

Als Richard von Weizsäcker 1985 seine berühmte Ansprache im Bundestag zum 40. Jahrestag der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 hielt, war das nicht nur ein Werk monatelangen Nachdenkens und vieler Entwürfe der professionellen Redenschreiber, sondern auch ein ganz persönliches Bekenntnis.

Eine ähnlich wirkende gegenseitige Durchdringung und Beeinflussung von Leben und Politik hat derzeit wohl nur noch die Generation der 68er vorzuweisen. Joschka Fischers rhetorisches Talent war schon in der Frankfurter Spontiszene der siebziger Jahre unüberhörbar. Doch erst seine abenteuerliche Wandlung vom linksradikalen Straßenkämpfer zum allseits respektierten wie populären Außenminister verlieh seiner Redekunst jene raue, krumme, ja aufregende Authentizität, die selbst noch aus dem historischen Irrtum den Honig politischer Glaubwürdigkeit saugte.

Diesen kostbaren Stoff hat keine PR-Agentur der Welt im Angebot.

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Die neuesten Beiträge:
23.03.2010 von fhouseman: Fehldeutungen

Für mich spielt es kein Rolle, ob jemand etwas salbungsvoll sagt oder jemand mit weniger rhetorischem Geschick aus seinen Emotionen heraus. Entscheidend ist das Was. Für die (noch lebenden) Opfer von Vertreibung und [...] mehr...

20.03.2010 von franziskus: Mit beiden Augen sehen

Ob die Menschen in Osteuropa das genau so sehen? Welchen Unterschied hätte es gemacht, wenn die Länder Osteuropas von den Deutschen anstatt von den Russen beherrscht worden wären? Zu 1939 kann ich nur sagen, dass bei einem [...] mehr...

20.03.2010 von sitiwati: auf jeden Fall

nach allen Seiten abgesichert, Papa, sicher nachdem er erkannt hat, wie der Hase läuft, zum Vatikan angeseilt, da ein bischen geholfen, ein bischen beraten; Pluspunkze gesamelt, daher nur 5 Jahre Knast, statt wieder Chef:Strick [...] mehr...

20.03.2010 von juerv1: .

Na, über die von Weizsäckers habe ich ja überhaupt nichts geschrieben. Thema meines Postings war nur das "Befreiungs"-Posting des Mitforisten. Die von Weizsäckers machen offensichtlich in jedem politischen System [...] mehr...

20.03.2010 von castrobaer: Die Nazis und die von Weizsäckers

Die von Weizsäckers spielten in dem von Ihnen zu Recht verhasstem System aber nicht gerade die Rolle des einfachen Reichsbürgers, wobei ihr adeliger Hang, ja nicht übersehen zu werden, sicher eine grosse Rolle gespielt hat. Der [...] mehr...

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"Tag der Befreiung": Weizsäckers berühmteste Rede

Von all seinen Reden blieb in besonderem Maße eine in Erinnerung: Die Worte von Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 vor dem Bundestag fanden vor allem im Ausland hohe Anerkennung. Weizsäcker nannte den 8. Mai für die Deutschen keinen Grund zum Feiern, wohl aber einen Tag der Befreiung von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Umgesetzt hat der Präsident seine Schlüsselrede bei Staatsbesuchen in den Niederlanden, in Israel, Norwegen, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei sowie in Polen 1990. Dort warb er dafür, dass "wir, Deutsche und Polen, in größeren Zeiträumen denken, die Zeichen der Zeit erkennen und sie zur Maxime unseres gemeinsamen Handelns machen".





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