Bayreuth - Er lenkte mehr als ein halbes Jahrhundert die Geschicke des weltweit renommiertesten deutschen Musik- und Theaterfestivals: Wolfgang Wagner, Intendant der Wagner-Festspiele, ist am Sonntag im Alter von 90 Jahren gestorben. 57 Jahre lang leitete er die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder begründeten Festspiele.
Zunächst führte er das Unternehmen seines berühmten Großvaters Richard Wagner gemeinsam mit seinem Bruder Wieland. Nach dessen Tod 1966 wurde er alleiniger Festspielleiter. 2008 trat er nach längeren Auseinandersetzungen über seine Nachfolge zurück. Die höchst unterschiedlichen Halbschwestern Katharina, 31, und Eva, 64, nahmen den Platz ihres Vaters ein und geben seitdem den Ton auf dem Grünen Hügel an.
Wolfgang Wagner lebte für das Erbe seines Großvaters verwaltete die Festspiele lange Zeit wie ein Großgrundbesitzer im 19. Jahrhundert seine Besitztümer: jovial, autoritär und ohne Mitbestimmung. Doch zuletzt hatte er seine Anteile an den Bund, das Land Bayern, die Stadt Bayreuth und den einflussreichen Fan-Verein "Freunde von Bayreuth" übertragen.
Wolfgang Wagner hatte erst nach langen Kämpfen eingesehen, dass er die Macht abgeben musste, wenn er sie - wenn auch geschmälert - der Familie wenigstens ein bisschen erhalten wollte. Mit Charme, List und einem gehörigen Maß Sturheit widerstand Wagner jahrelang allen Versuchen, ihn aus dem Amt zu drängen.
Mit einem lebenslangen Vertrag ausgestattet, galt für ihn das Motto des Lindwurms Fafner aus Richard Wagners Oper "Siegfried": "Ich lieg und besitz." Je älter Wolfgang wurde, desto starrsinniger und unkontrollierter gebärdete er sich. Er fällte einsame, oft schwer nachvollziehbare Entscheidungen, stellte immer neue Bedingungen für seinen Rückzug. Zunächst wollte Wolfgang Wagner nur für seine - inzwischen verstorbene - zweite Frau Gudrun weichen. Die ehemalige Sekretärin war die heimliche Herrscherin im Festspielhaus. Doch die Geldgeber von Bund, Bayern und Stadt Bayreuth lehnten ab. Und Wolfgang Wagner grollte und blieb.
Zugeständnisse an die öffentlichen Geldgeber
Dann wollte Wolfgang Wagner Tochter Katharina inthronisiert sehen. Die war den Entscheidern jedoch zu jung, zu unerfahren. Schließlich durfte er doch erleben, dass Katharina - sie stammt aus der Ehe mit Gudrun - als Nachfolgerin installiert wurde. Doch dafür musste er Zugeständnisse machen. Die Firma, die Festspiele GmbH, ist fest in öffentlicher Hand; ein Verwaltungsrat hat die Kontrolle. Und Tochter Eva aus erster Ehe musste beteiligt werden.
Sie sollte, so die Hoffnung der Geldgeber, mit ihrer langjährigen internationalen Erfahrung als Opernmanagerin ihrer Halbschwester Katharina Seriosität und weltweite Kontakte verschaffen. Eva hat als Programmdirektorin an der Pariser Bastille-Oper gearbeitet, sie war künstlerische Beraterin für die Opernhäuser in Houston, Madrid und für die Metropolitan in New York. Zuletzt gehörte sie der künstlerischen Leitung der renommierten Opernfestspiele in Aix-en-Provence an.
Inszenierungen von "Neu-Bayreuth"
Wolfgang Wagner, geboren am 30. August 1919, wurde im Zweiten Weltkrieg in Polen verwundet. 1940 aus der Wehrmacht entlassen, begann er seine künstlerische Mitarbeit bei den Festspielen sowie an der Preußischen Staatsoper Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Wieland Wagner ab 1950 die durch die Nähe zu den Nationalsozialisten diskreditierten Festspiele wieder auf. Bereits ein Jahr später fanden die ersten Festspiele statt. Die Inszenierungen von "Neu-Bayreuth" sorgten in den fünfziger Jahren weltweit für Aufsehen. Freilich stand Wolfgang Wagner, ein geschickter Kaufmann und Organisator, als Regisseur stets im Schatten des Bruders Wieland.
Nach dessen Tod gelang es Wolfgang, die besondere Atmosphäre am Grünen Hügel zu erhalten. Bis heute versammeln sich im Sommer renommierte Sänger und Musiker aus aller Welt in Bayreuth, um hier - zu deutlich niedrigeren Gagen als anderswo üblich - aufzutreten.
Mut zu Neuerungen
Unter Wagners Ägide entstanden mehr als 1700 Aufführungen im Festspielhaus. Daneben schuf er zwölf eigene Inszenierungen. Während er für seine eigenen, oft konventionellen Arbeiten auch Kritik ertragen musste, bewies Wagner als Intendant immer wieder Mut zu Neuerungen. Er öffnete die Festspiele für Regisseure von außen und holte schon 1972 Götz Friedrich, dessen "Tannhäuser" für einen Skandal sorgte.
Später kamen Patrice Chéreau ("Der Ring des Nibelungen" 1976), Heiner Müller ("Tristan und Isolde" 1993) und Christoph Schlingensief ("Parsifal" 2004) hinzu. Auch alle großen Wagner-Dirigenten von Hans Knappertsbusch bis Christian Thielemann folgten Wagners Ruf. Daneben lag sein großes Verdienst in der finanziellen Stabilisierung der Festspiele. Auch die bauliche Substanz im Festspielbezirk sanierte und erneuerte er unermüdlich.
Zwist im Wagner-Clan sorgte immer wieder für Schlagzeilen. Nach dem Tod von Bruder Wieland brach Wolfgang Wagner zunächst mit dessen Familie. Nichte Nike Wagner, Tochter von Wieland Wagner, gehörte danach zu seinen schärfsten Kritikern. 1976 ließ sich Wagner von Ehefrau Ellen Drexel (gestorben 2002) scheiden, um seine Mitarbeiterin Gudrun Mack zu heiraten. In der Folge kam es zum Bruch mit Tochter Eva und Sohn Gottfried, der in seinem Buch "Wer nicht mit dem Wolf heult" mit dem Vater abrechnete.
wit/dpa
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