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30.03.2010
 

Unkritische Foto-Ausstellung

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Von Ingeborg Wiensowski

"Bild"-Fotos: Einseitiger Blick auf Hamburg
Fotos
Sven Simon / Ullstein Bild

Mit Pressefotos von Mord und Totschlag, Demonstrationen und Explosionen will der Hamburger Kunstverein 60 Jahre Stadtgeschichte zeigen. Es entsteht ein schrilles und vor allem einseitiges Bild: Alle Fotos stammen aus der "Bild"-Zeitung.

"Bild"? Liest man nicht. Na gut, so wie früher ist das nicht mehr, als ein gebildeter Mensch sich schämte, mit der Zeitung gesehen zu werden. Zurzeit verhilft der Hamburger Kunstverein dem Blatt sogar zu höheren Kulturweihen: Seit dem Wochenende zeigt der Direktor Florian Waldvogel die Ausstellung "Uns Hamburg - 1002 Pressefotos aus dem 'Bild'-Archiv".

Alle Fotos sind aus Anlass von konkreten Ereignissen in Hamburg entstanden und in der Hamburg-Ausgabe der "Bild" erschienen. Wo sie veröffentlicht waren, spiele jedoch keine Rolle, behauptet die Pressesprecherin. Es sprächen nur die Bilder, weil sie ohne Text gezeigt werden, und damit seien sie "relativ" stellvertretend für die "jeweilige Zeit und für den Blick darauf".

Als Struktur der Ausstellung an hohen schrägen Stellwänden dient der Hamburger U- und S-Bahn-Plan; nahe den aufgeführten Haltestellen sind die gezeigten Bilder fotografiert worden. Den Haltestellen Veddel, Hammerbrook und Bergedorf zum Beispiel sind Brände zugeordnet, Explosionen, Einstürze, Unfälle, eine Razzia, ein Anschlag auf die S-Bahn, eine Demonstration gegen NPD-Anhänger.

Der ausliegende Text erklärt: "Im Mittelpunkt steht der Mensch, auch wenn er auf einigen Fotos abwesend ist, zeugen Spuren von seiner Existenz. Wir sehen die Akteure fröhlich, trauernd, rebellierend, hoffend, arbeitend, voller Neugier oder auch in privaten, fast intimen Situationen." Das klingt fast zynisch, vor allem, weil auch Leichen zu sehen sind: zum Beispiel auf dem Bild "Opfer im Altölsee" von 1974.

Pressefotos als Kunstprojekt?

"Die Fotos sind die Zeugnisse von Beteiligten. Darin liegt ihre künstlerische Stärke", steht im ausliegenden Text. Dass die tagtägliche Arbeit "als Kunstprojekt präsentiert wird, ist wahrhaft eine phantastische Idee", sagte der "Bild"-Hamburg-Redaktionsleiter Matthias Onken bei seiner Eröffnungsrede. Man wolle Geschichte so verständlich erzählen, dass es "drumrum nicht viel Text bedarf".

Welcher Text am 23. Februar 1995 unter dem Foto einer demolierten Küche mit dem Titel "Ole R. hat alles kurz und klein geschlagen" stand, kann man sich vorstellen. Zugeordnet ist das Bild der Station Tiefstack, wo am 16. August 1957 auch ein Kind und eine Frau mit Fahrrad und Koffer fotografiert wurden: "Familientragödie". Da muss man dem Ausstellungstext mal Recht geben: Die Fotos "sind nicht gestellt oder von langer Hand vorbereitet. Sie irritieren, verstören, sind witzig oder erschreckend. In ihnen entfalten sich komplexe Schicksale und Lebenswelten".

"Vorstellungen und Phantasien setzen die Fotos beim Betrachter frei", hat der Vereinsvorsitzende Harald Falckenberg der "Bild"-Zeitung gesagt. "Sie bilden ab, was Menschen in ihrem Alltag erleben. Die fühlen sich in 'Bild' aufgehoben, da ihre Wirklichkeit, ihr Leben dort gezeigt wird." Ob die Frau mit Kind und Fahrrad ihre "Wirklichkeit" in "Bild" sehen wollte? Werner Hoppe, am 15. Juli 1976 am Lattenkamp festgenommen, war nicht einverstanden: Er streckte dem Fotografen die Zunge raus.

Pressefotos als Wirklichkeit?

Natürlich machen die Fotos auch neugierig. Welche Bilder wurden am 30. Juli 1978 in der Kunsthalle gestohlen? Wogegen hat der nackte Mann am 25. Oktober 1972 vor einer Mauer aus Polizisten protestiert? Wurden Menschen verletzt, als am 26. August 1967 ein Flugzeug abstürzte? Warum gucken Demonstranten und Polizisten mit Schildern auf einem Foto in dieselbe Richtung? Tun sie nicht, das in "Bild" am 24. September 1981 veröffentliche Foto ist eine Manipulation.

Das ist also die Geschichte der Hansestadt in den vergangenen 60 Jahren? Nein, das ist sie nicht. Es ist die Geschichte, wie sie in der "Bild"-Hamburg erschienen ist. Redaktionsleiter Onken bedankte sich dafür: "Florian Waldvogel, Sie haben 'Bild' begriffen, die Faszination 'Bild' begriffen, 'Bild' als Kunstwerk begriffen."

Es ist ein Lob, für das man sich früher einmal geschämt hätte.


Ausstellung "Uns Hamburg - 1002 Pressefotos aus dem BILD-Archiv". Kunstverein Hamburg, bis 26.5., Tel. 040/32 21 57.

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06.05.2010 von T.Setzer: Ganz schwach..

.. der Hamburger Kunstverein wird ruiniert. Der nette Waldvogel ist Leuten wie Markus Peichl und seiner Entourage nicht gewachsen. Aber Leute wie Markus Peichl sind der bildenden Kunst nie zugewachsen. Die hauen eins fix wieder [...] mehr...

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