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30.03.2010
 

Heute in den Feuilletons

"Als japanisch gepriesenes Grau"

"Die Welt" studiert mit Tidiane N'Diaye die Geschichte der Sklaverei in der islamischen Welt. Die "NZZ" freut sich über den Pritzker-Preis für das japanische Architektenbüro Sanaa, das gerade auch in der Schweiz gebaut hat. Und die "taz" beugt sich über die Popkritik: Ist sie nun tot oder nicht?


Die Welt, 30.03.2010

Ulrich Baron liest mit großem Interesse die (im Perlentaucher vorgeblätterte) Studie "Der verschleierte Völkermord" des franko-senegalesischen Forschers Tidiane N'Diaye, der eine umfassende Darstellung des arabo-islamischen Sklavenhandels bietet. Für Baron stellt sich der Islam auch durch die Übernahme der Sklaverei als Erbe der griechisch-römischen Antike dar: "Anders als die römische Sklaverei, die als höchsten Ansporn die Aussicht auf Freilassung und Bürgerrecht bot, verhinderte die systematische Kastration afrikanischer Sklaven in der arabomuslimischen Welt eine Osmose zwischen Orient und Afrika. Die Verstümmelung, Funktionalisierung und Diskriminierung von Menschen zementierte eine Gesellschaftsform, in der Religion, Rasse und Status wesentliche Unterscheidungsmerkmale darstellten und in der Dogmatismus, Rassismus und Ämterpatronage schließlich die giftigen Früchte Stagnation und Staatsdefizit trugen."

Weitere Artikel: In der Leitglosse kritisiert Manuel Brug europäische Opernhäuser von Wien bis Madrid, die dem Publikum gegenüber verbergen, dass ihre Inszenierungen oft nicht neu sind. "lin" schreibt den Nachruf auf Peter Herbolzheimer. Tilman Krause gratuliert Uwe Timm zum Siebzigsten. Hannes Stein besucht den Apple Store in New York, der ihm wie ein Tempel vorkommt. Dirk Peitz porträtiert den Techno-DJ Paul Kalkbrenner, der sich gerade auf Deutschland-Tournee begibt. Uwe Schmitt berichtet, dass die von Steven Spielberg mit Tom Hanks produzierte Serie "Pacific" über den Zweiten Weltkrieg in Asien ein Flop ist.

Besprochen werden Wagners "Parsifal" unter Calixto Bieito und Manfred Honeck in Stuttgart, die Ausstellung "Kunst und Wahn in Wien um 1900" ebendort und eine von Peter Sellars arrangierte "Ritualisierung" der Matthäus-Passion mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle in Salzburg.

In einem Essay auf der Podiumsseite schildert Alan Posener aus eigener Erfahrung den Schrecken britischer Internate und die Vorzüge deutscher Reformpädagogik, die er in Berlin auf der Schulfarm Scharfenberg genoss.

Frankfurter Rundschau, 30.03.2010

Reinhart Wustlich führt durch das neue Oslo, das nicht nur endlich eine Oper, sondern auch seinen Holmenkollen saniert und ein neuen Munch-Museum in Auftrag gegeben hat. In Times mager freut sich Judith von Sternburg, dass Claire Clairmonts Berichte die Zeit überdauert haben, in denen sie Lord Byron ein "Monster der Lüge, Gemeinheit, Grausamkeit und des Verrats" schimpft.

Besprochen werden eine Ausstellung zeitgenössischer polnischer Kunst in den Berliner KunstWerken, Roger Vontobels Inszenierung von Schillers "Don Carlos", Claus Guths Inszenierung von Richard Strauss' "Daphne" in Frankfurt, eine neue Fassung von Jörg Widmanns "Gesicht im Spiegel" in Düsseldorf, Philippe Herreweghes Aufführung der Matthäus-Passion in Frankfurt, Jewgenij Grischkowez' Erzählung "Flüsse" und Leif GW Perssons Krimi "Zweifel" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 30.03.2010

Lady Gaga ist bekanntlich die erste Künstlerin, die bei Youtube eine Milliarde Videoabrufe erreicht hat. Mashable stellt eine ganze Reihe von Originalvideos, Parodien und Satiren zusammen. Das hier ist eine Parodie:




Aber das Original ist auch schon nicht schlecht

Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2010

Roman Hollenstein freut sich über den Pritzker Preis für die beiden "coolen Japaner" Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa des Teams Sanaa, das zuletzt das Learning Center der ETH Lausanne baute. "Allerdings ist dieses spektakuläre Werk nicht typisch für das Oeuvre von Sanaa. Zwar setzten Sejima und Nishizawa auch hier auf Weiß und auf das einst schon von Kisho Kurokawa als japanisch gepriesene Grau sowie auf Glas und Beton. Doch daraus schaffen sie sonst spröde Bauten, die bald irritierend entmaterialisiert wirken wie das kreisrunde Museum of Contemporary Art in Kanazawa, der Glaspavillon des Toledo Museum of Art und das Novartis-Bürohaus in Basel, bald kistenartig wie die Zollverein Schule in Essen, das New Museum in New York oder das Lagerhaus von Vitra in Weil am Rhein."

Weiteres: Angela Schader blickt mit Grauen auf die jüngste Blüte der Austen-Industrie: "Mash-ups", die Austens Romane mit Horror- und Vampir-Elementen verbinden. Besprochen werden die Ausstellung westafrikanischer Skulpturen "The Kingdom of Ife" im British Museum in London, Elmar Goerdens Aufführung der "Hochzeit des Figaro" am Theater Basel, Michael Thalheimers Inszenierung der "Nibelungen" am Deutschen Theater Berlin, John Grays Abschied vom Humanismus "Von Menschen und anderen Tieren", Oscar Peers Erzählung "Das alte Haus" und Jurij M. Lotmans Schrift "Kultur und Explosion" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Die Tageszeitung, 30.03.2010

Tod der Popkritik? "Spex" hat Plattenkritiken ganz eingestellt und setzt aufs dialogische Prinzip. Popkritiker Wolfgang Frömberg erkennt darin aber nur banale ökonomische Zwänge und findet es "kaum verwunderlich, dass man jetzt munkelt, hinter der Idee eines die individuelle Beurteilung der Musikkritik ersetzenden, dialogischen 'Pop-Briefings' stehe die Absicht, Autorenhonorare für Plattenrezensionen einzusparen."

Weitere Artikel: Brigitte Werneburg besucht die große Caravaggio-Schau zum 400. Todestag in Rom. Und Christian Semler verfolgte in Berlin eine Diskussion über die Bedeutung des Epochenbruchs von 1989 für die Juden Europas und Israel. Auf der Medienseite vernimmt Lalon Sander distanzierte Töne von Koalitionspolitikern zu den von Verlagen geforderten (und von Politikern im Wahlkampf brav in Aussicht gestellten) Leistungsschutzrechten.

Besprochen werden eine "Lulu" in Frankfurt, ein Reportage-Buch von Marc Thörner über Afghanistan und eine CD von Fettes Brot.

Und Tom.

Süddeutsche Zeitung, 30.03.2010

Christiane Schlötzer erinnert an das vor fünfzig Jahren geschlossene "Abkommen zur Beschäftigung griechischer Werktätiger", mit dem wenige Jahre nach dem verheerenden Krieg Griechen als Gastarbeiter nach Deutschland geholt wurden. Till Briegleb meldet, dass die Hamburger SPD einen Untersuchungsausschuss zu den explodierenden Kosten bei der Elbphilharmonie fordert. Roswitha Budeus-Budde besucht die Kinderbuchmesse in Bologna. Gerhard Matzig meldet, dass das japanische (und offensichtlich recht internetfeindliche) Architekturbüro Sanaa mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wird. Oliver Hochkeppel schreibt den Nachruf auf Peter Herbolzheimer. Ira Mazzoni resümiert eine Münchner Diskussion über die Frage, ob ein Wiederaufbau der Bamiyan-Buddhas möglich sei (für den Fall eines Abzugs der Truppen aus Afghanistan sollte man eventuell auch über eine Serienproduktion nachdenken!) Karl Lippegaus gratuliert der Sängerin Astrud Gilberto, Christoph Bartmann dem Autor Uwe Timm zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite berichtet Stefan Ulrich, dass "Le Monde" im Netz nun zur Gänze zahlbar wird.

Besprochen werden Roger Vontobels "Don Carlos"-Inszenierung in Dresden, Francis Poulencs "Carmelites" unter Kent Nagano und Dmitri Tcherniakov in München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2010

Necla Kelek hatte vor einigen Tagen im FAZ-Feuilleton beklagt, dass die von der türkischen Regierung unterstützten oder gleich ganz finanzierten deutschen Islamverbände an einer Integration wenig interessiert sind: "Die Richtung ist klar. Die türkische Regierung will die Gruppenrechte ihrer Türken und Muslime in Europa stärken, es geht ihnen um 'Partizipation' der Gruppe an der Macht, nicht um die Integration der Bürger." Kelek forderte daher, dass "die Regierung dieses Landes uns Muslime vor diesen klandestinen Interessen" schützen solle. Der Jurist und Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD, Hans Michael Heinig widerspricht ihr heute und fordert, dass der Staat auch bei den Islamverbänden seine "religiöse Unparteilichkeit" wahren müsse. Vielmehr sei es an den Muslimen, die sich von den Verbänden nicht repräsentiert fühlen, sich zu organisieren: "Vor einem 'falschen' Islam können sich die Muslime in Deutschland nur selbst schützen. Wer sich von 'Hardlinern' in den Verbänden nicht richtig vertreten fühlt, muss sich organisieren. Das sind die Spielregeln in einer freiheitlichen Demokratie."

Die Russland-Korrespondentin Kerstin Holm sammelt nach den Anschlägen in der Moskauer Metro Stimmen der Bewohner der russischen Hauptstadt. Der Schriftsteller Viktor Jerofejew befürchtet eine Verhärtung des politischen Kurses, und sein Kollege Vladimir Sorokin sieht die Anschläge als Anzeichen dafür, dass das russische Imperium zerfalle. Auch allgemein herrsche Skepsis gegenüber dem Staat: "Viele trauen ihrer Regierung, gegen die sich in jüngster Zeit immer mehr Volksproteste mobilisieren, beinahe jeden Schachzug zu, um den Zorn der verarmenden und entrechteten Leute in eine andere Richtung zu lenken."

Weitere Artikel: Der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen lobt die "Wahrhaftigkeit" des heute unfreiwillig aus dem Amt scheidenden ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender und sieht die für seine Entlassung verantwortliche "Piusbruderschaft um Roland Koch" rundfunkpolitisch auf einer Ebene mit Berlusconi und Putin. Jürg Altwegg berichtet von einem neuen Verdacht im Mordfall Pier Paolo Pasolini: Demnach sei der Regisseur und Schriftsteller wegen eines verschollenen Manuskripts ermordet worden, das Enthüllungen über den rätselhaften Unfalltod des Industriellen Enrico Mattei enthalte. Regina Mönch findet, dass türkischsprachige Schulen ein Integrationshindernis wären. Julia Voss fragt sich, was es mit Caravaggios zunehmender Popularität auf sich hat. Gina Thomas berichtet von einem neuen Roman des britischen Schriftstellers Philip Pullman, der nicht nur durch seinen blasphemischen Titel "The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ", sondern auch durch sein gleichzeitiges Erscheinen als E-Book und besonders ausgefeilte IPhone-App Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wolfgang Sandner schreibt einen Nachruf auf den verstorbenen Jazzposaunisten Peter Herbolzheimer. Und Ingeborg Harms blättert in deutschen Zeitschriften. Gemeldet wird außerdem, dass das Tokioter Architekturbüro Sanaa (endlich eine Architektenhomepage ohne Flash) den Pritzker Preis bekommt und dass Ian McEwans Roman "Abbitte" nach der Verfilmung nun auch vertont wird.

Besprochen werden Richard Strauss' "Daphne" in einer Inszenierung von Claus Guth an der Oper Frankfurt, Michael Thalheimers Inszenierung von Hebbels "Nibelungen" am Deutschen Theater in Berlin, eine Ausstellung über japanisches Produktdesign im Berliner Bauhaus-Archiv, Kriszta Bodis' Roman "Artista" und Christian Linders Heinrich-Böll-Biografie "Das Heranschwirren des fliegenden Pfeils" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau).

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