Von Tobias Becker
Erfurt, Emsdetten, Winnenden: Die Ortsnamen haben sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis. Sie stehen als Synonym für ein Phänomen, das Schüler, Eltern und Lehrer in den vergangenen Jahren zutiefst verunsichert hat: Amokläufe an Schulen, wissenschaftlich auch School Shootings genannt. Nun nehmen sich gleich drei deutsche Theater des Themas an.
In Hamburg, am Deutschen Schauspielhaus, läuft seit kurzem "Punk Rock", das neue Stück des britischen Erfolgsdramatikers Simon Stephens, inszeniert von Daniel Wahl. Für das Schauspiel Hannover hat Mirko Borscht, 39, das Stationendrama "komA" bearbeitet, das 2008 in Österreich den Theaterpreis Nestroy für die beste Off-Produktion einheimsen konnte. Premiere ist am Freitag, 9. April. Einen Tag später schließlich sorgt Stephan Rottkamp in Düsseldorf für die Uraufführung von "Good Morning, Boys and Girls", eines Auftragswerks der schreibenden Juristin Juli Zeh, bekannt vor allem für Romane wie "Adler und Engel".
Edler Wunsch oder Kalkül?
Hinter der Häufung mag die Sehnsucht der Theater stecken, aktuell und politisch zu sein. Vielleicht gar der Wunsch, präventiv zu wirken. Oder auch nur das Kalkül, die Aufführungen mit Schulklassen zu füllen. Vor allem aber haben Amokläufe, so zynisch das klingt, "dramatisches Potential", wie Regisseur Borscht sagt.
Er hat sich einen Namen damit gemacht, sich in Film und Theater jugendlichen Außenseitern zu widmen, etwa in dem Neonazi-Halbstarkendrama "Kombat Sechzehn" und dem Plattenbauprojekt "Opferpopp", für das er in Halle an der Saale jugendliche Laien castete. Auch bei der Amokläufer-Produktion "komA" setzt er nun vor allem auf Laien: 19 Schüler und zwei Lehrer, unterstützt von zwei Profischauspielern aus dem Ensemble des Schauspiel Hannover.
"Das Projekt ist nur mit Laien umsetzbar", sagt Borscht. "Erwachsene Schauspieler Pubertät spielen zu lassen - das funktioniert fast nie." Hinzu kommt, dass Borscht sein Projekt nicht in einem Theater realisiert, sondern in dem Hannoveraner Gymnasium Tellkampfschule, gewissermaßen am Ort des Geschehens. "Die Laien fühlen sich in Schulgebäuden zu Hause, sie können sich dort viel selbstverständlicher bewegen als erwachsene Schauspieler."
Borscht schickt die Zuschauer auf eine Erinnerungsreise in die eigene Schulzeit - und auf eine Reise durch das Gebäude: Sie können sich mehr oder weniger frei bewegen, durch Klassenräume und Lehrerzimmer und Aula, um den dort parallel ablaufenden Handlungssträngen zu folgen.
Wer nun eine reißerische Inszenierung erwartet, einen Gruselschocker über ein Schulmassaker, wird vermutlich enttäuscht. Denn dargestellt werden soll nicht etwa die Tat, sondern ihre Vorgeschichte. Nicht einmal ein Täter soll eindeutig benannt werden.
Wie viel Mitschuld tragen Außenstehende?
"Bei uns gibt es keine Moral von der Geschicht'", sagt Borscht. Seine Inszenierung konfrontiere den Zuschauer vielmehr mit einem Sammelsurium an Fragen: "Kann ich Anzeichen für einen Amoklauf vor der Tat erkennen? Habe ich überhaupt Zeit, diese Anzeichen zu erkennen? Führt Mobbing zu Amokläufen? Ist Mobbing überhaupt ein neues Phänomen? Wie viel Mitschuld trage ich als Außenstehender?" Eine eindeutige Antwort wird es wohl nicht geben, ebenso wenig wie in Juli Zehs Text "Good Morning, Boys and Girls": Die Autorin verzichte auf Erklärungen, Schuldzuweisungen und moralische Beurteilungen, kündigt das Schauspielhaus Düsseldorf auf seiner Homepage an.
Eine eindeutige Antwort gibt es hingegen auf eine ganz praktische Frage, die sich für die produzierenden Theater stellt: Sind Amokläufe auf der Bühne, etwa wegen ihres "dramatischen Potentials", ein Selbstläufer? Nein, sind sie nicht. Besichtigen lässt sich das am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, an dem die Schulmassaker-Produktion "Punk Rock" bereits läuft - und an dem der Schuss ordentlich nach hinten losgeht: "Punk Rock" ist gut gemeintes Pädagogentheater, das sich vielleicht als Diskussionsgrundlage für Gemeinschaftskunde-Kurse eignet, aber nicht für den großen Saal in Deutschlands größtem Sprechtheater. Zu erwartbar ist die Handlung, zu klischeehaft sind die Figuren, sowohl auf dem Papier als auch auf der Bühne.
Es ist die zahme Inszenierung eines wilden Ausbruchs, ein Amoklauf zum Gähnen.
komA. Deutsche Erstaufführung am 9. April, Tellkampfschule Hannover, Altenbekener Damm 83, weitere Vorstellungen am 13., 14., 15., 20., 21. und 22. April, Produktion des Schauspiel Hannover, Kartentelefon 0511/99 99 11 11.
Punk Rock. Nächste Vorstellungen am 13. und 27. April, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Kartentelefon 040/24 87 13.
Good Morning, Boys and Girls. Uraufführung am 10. April, weitere Vorstellungen am 11., 17., 18. und 26. April, Kleines Haus des Schauspielhauses Düsseldorf, Kartentelefon 0211/36 99 11.
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deutsche Thater war auch schon mal besser... Amok zum Gähnen? Ja, aber auch das gesamte Regietheater ist zum Gähnen! mehr...
Ich frage mich, warum weder der Autor noch die Anmoderation das Stück Amoklauf - mein Kinderspiel erwähnt. Hat natürlich keinen News-Wert, sondern würde nur zeigen, dass ordentlich recherchiert wurde. Ist vor einigen Jahren in [...] mehr...
Wenn ich an meine Kindheit denke ... das Wort "Amok" gab es nicht, geschweige denn den "Schüler-Amok". Dafür gab es im Verhältnis zu heute etwas mehr Geborgenheit und Liebe ... in der Familie übrigens! [...] mehr...
Soso... das THEATER versucht sich nun an Antworten? Schon interessant.... wenn die eine, einzige Antwort, bekannt und oft genug in Worte gefaßt, nicht in den System-Kram paßt, werden halt solange Antworten GESUCHT, bis sich eine [...] mehr...
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